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Erste Technoparade vor 25 Jahren : Als die Love Parade laufen lernte

Bild: F.A.Z.

Heute vor 25 Jahren zogen unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ 150 Club-Gänger über den Ku’damm: mit drei Bussen, zwei Kassettenrekordern – und dem Fotografen Erik-Jan Ouwerkerk. Erinnerungen an die erste Loveparade.

          Das Motto des Umzugs, der als politische Demonstration angemeldet war: „Friede, Freude, Eierkuchen“. Feierwütige mit Blumen und Smileys auf der Kleidung zogen am 1. Juli 1989 tanzend bei Nieselregen über den Ku’damm. Der Fotograf Erik-Jan Ouwerkerk war dabei, weil ihn die mit Herzen dekorierten Plakate unter den Yorckbrücken neugierig gemacht hatten. Seine Schwarzweißaufnahmen sind vermutlich die einzigen Bilder, die noch von der ersten Love-Parade existieren.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Mit Technomusik und Clubs hatte ich selbst gar nichts am Hut“, erzählt der Fotograf, der aus den Niederlanden stammt. „Ich fand es aber interessant, die Leute dieser Szene, die sonst nachts in den Clubs versteckt waren, mal tagsüber auf der Straße zu sehen. Sie waren offen und freundlich, es herrschte eine befreiende, geradezu mitreißende Stimmung.“ Die freiheitliche Stimmung vier Monate vor dem Mauerfall spiegelte sich auch in der Kleidung der zuckenden und wippenden Menschen: enge Klamotten aus der Schwulenszene, weite von den Hippies, grelle Aufdrucke und Sonnenblumen, das Symbol der House-Bewegung.

          Das große Zappeln: Bilder aus zwei Jahrzehnten Loveparade Bilderstrecke

          Ein Mann, auf einem Bild tanzend mit Sonnenbrille, Jeansjacke und erhobenen Händen zu sehen, hatte sich die Blumen sogar an die Mütze geheftet. Es ist Helge Birkelbach. „,Friede, Freude, Eierkuchen‘ klingt wie ein alberner Sponti-Spruch, passte aber in die damalige Zeit. Es lag etwas in der Luft. Vielleicht hatten wir Clubgänger die Antennen dafür, dass die Geschichte sich dreht“, sagt Birkelbach, der heute 52 Jahre alt ist. Die anderen Demonstranten, von denen fast täglich einige durch Berlin zogen, seien immer gegen etwas gewesen, gegen Ausländerfeindlichkeit oder Krieg.

          „Wir hingegen traten für etwas ein: für eine weltoffene, tolerante Gesellschaft.“ Ein Tresen aus Bierkisten mit einer Holzplatte darüber, ein DJ-Pult und etwas Nebel: Das sei damals eine Technoparty gewesen, erzählt Birkelbach. Die erste Love Parade ähnelte in ihrer Spontanität und Improvisiertheit diesen Partys. Zwei Kassettenrekorder auf den Ladeflächen alter Busse sorgten für die Musik. Bei beiden mussten die Szenegänger gleichzeitig die Play-Taste drücken.

          „Wir waren eine Family“

          Etwa 500 Leute seien damals in den Clubs unterwegs gewesen, 150 von ihnen trauten sich, bei Tageslicht auf der Straße zu tanzen. „Wir kannten uns alle, waren eine Family. Eine Stimmung wie bei einem Kindergeburtstag.“ Mit Staunen hätten die Passanten reagiert, „cool“ die Polizisten, und ein paar Touristen seien sogar spontan mitspaziert. Danach feierte die Gruppe im Ufo-Club weiter, in dem auch Love-Parade-Gründer DJ Motte damals auflegte. Beim Durchhalten hätten ihnen vor allem Cola und Kaffee geholfen, erzählt Birkelbach. Drogen seien damals noch kein fester Bestandteil der Szene gewesen.

          Die kleine Feier war der Beginn eines globalen Phänomens. Schon 1991 kamen 6000 Technofans aus ganz Deutschland, um die dritte Love Parade zu feiern. Die Millionenmarke war 1997 rund um die Siegessäule erreicht, als der Ku’damm zu eng geworden war. Ouwerkerk fotografierte noch eine der späteren Love Parades am Ku’damm und die erste am Großen Stern. „Aber das war schon eine Massenveranstaltung und für Fotografen nicht mehr interessant, weil Kollegen aus der ganzen Welt da waren.“ Von 2007 an fand die Love Parade in verschiedenen deutschen Städten statt.

          Mit dem Unglück in Duisburg im Jahr 2010 endete die Partyreihe, die schon in den Jahren zuvor vor allem mit Müll, Drogen und Verletzten Aufsehen erregt hatte. Helge Birkelbach hatte schon bei der letzten Love Parade am Ku’damm mit einer halben Million Teilnehmern genug. Aber an die erste Love Parade erinnert er sich trotzdem gern. „Danach haben wir gesagt: nächstes Jahr gleiche Stelle, gleiche Welle, besseres Wetter“, erzählt er. „Aber mit einem Augenzwinkern. Dass das Ding noch viel größer werden würde, hat niemand geahnt.“

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