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Leben als Bereiterin : „Notfalls wurschtel ich mich alleine aufs Pferd“

Die erste Frau: Hannah Zeitlhofer (rechts) ist mit 29 Jahren die erste Bereiterin der Spanischen Hofreitschule in Wien. Bild: dpa

Hannah Zeitlhofer ist nach fast einem halben Jahrtausend die erste Frau, die es zur Bereiterin der Spanischen Hofreitschule in Wien geschafft hat. Ein Gespräch über ihre Arbeit und abgelehnte Hilfsangebote.

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          Frau Zeitlhofer, ist es für Sie von besonderer Bedeutung, es als erste Frau zur Bereiterin der Spanischen Hofreitschule geschafft zu haben?

          Stephan Löwenstein
          (löw.), Politik

          Natürlich ist es von Bedeutung, aber für mich gar nicht so sehr, weil ich den Job genauso gemacht habe, wie die Burschen vor mir. Ich habe auch Hilfe beim Aufsteigen ohne Steigbügel abgelehnt, obwohl die Burschen mit mehr Kraft da natürlich im Vorteil sind. Ich habe gesagt, notfalls wurschtel ich mich hoch. Im Dressursport sind sogar mehr Mädchen und Damen.

          Als Sie angefangen haben, gab es keine anderen Frauen an der Hofreitschule?

          Ja, das war im September 2008.

          Wie kamen Sie dazu?

          Mit neun Jahren habe ich mein erstes Pferd gehabt, einen Haflinger. Nach der Schule habe ich Pferdewissenschaft studiert. Ich habe aber gewusst, ich will nie in einem Büro arbeiten, ich will nur aufs Pferd. Und als Wiener ist die Hofreitschule etwas ganz Besonderes.

          Was macht den Unterschied aus zwischen denen, die bleiben, und den angeblich bis zu 80 Prozent, die wieder gehen?

          Es ist eine harte und langjährige Ausbildung. Bis zum Bereiter dauert es etwa zehn Jahre. In der ersten Zeit hast du viel im Stall zu tun: ausmisten, alles. Du hast dein eigenes Pferd zu betreuen. Und du hast Unterricht an der Longe. Das wichtigste ist Lockerheit. Du kannst ein Pferd nicht reiten, wenn du angespannt bist.

          Sind Sie schon mal runtergefallen?

          Ja, oft. Das ist normal.

          Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft als Bereiterin vor?

          Als Bereiter hat man eine hohe Verantwortung, nicht nur gegenüber den Pferden, sondern auch gegenüber den Bereiteranwärtern, mit denen man zusammenarbeitet. Ich werde natürlich mehr Pferde bekommen. Dann werde ich schauen, dass ich verschiedene Sachen ausbilde. Um Bereiter zu werden, musste ich mit meinem Pferd die Schulquadrille können: Acht Reiter sind in der Bahn, und man muss eine Choreographie reiten, in der es vor allem um Genauigkeit und Gleichmaß geht.

          Sprungfiguren wie die Kapriole sind dann die höhere Schule?

          Die Schule über der Erde nennen wir das. Um ein Pferd darin auszubilden, braucht es viel Zeit und Erfahrung.

          Aber es ist Ihr Ziel, das zu beherrschen?

          Auch ein Ziel, auf jeden Fall. Aber das geht nie alleine, ich bin immer angewiesen auf jemanden, der mir hilft und sagt, wenn ich einen Fehler mache. Es wird alles mündlich weitergegeben.

          Gibt es ein Problem mit Traditionalisten, die finden, das ist nichts für Frauen?

          In acht Jahren habe ich nie das Gefühl gehabt, dass irgendwer irgendwem nicht helfen mag. Ich bin immer unterstützt worden und habe nie ein Problem gehabt, dass mir irgendjemand gesagt hätte: Nee, Mädchen will ich nicht helfen.

          Bewerben sich mehr Mädchen als Jungs?

          Ja. Vielleicht machen sich viele nicht klar, wie hart die Arbeit ist. Ich bin immer wieder enttäuscht, wenn Mädchen nach drei Tagen sagen, die Schuhe gefallen mir nicht, die Füße tun weh. Wir haben, seit ich dabei bin, 17 Mädchen gehabt, die wieder gegangen sind – die meisten freiwillig.

          Stört es Sie, dass Sie eine eigentlich männliche Uniform tragen?

          Nein, im Gegenteil. Mir war es sehr wichtig, dass ich nicht anders behandelt werde. Das war am Anfang ein großes Thema: Wenn wir einreiten, ziehen wir den Hut, um Kaiser Karl VI. zu grüßen. Es hieß dann: Damen ziehen nicht den Hut. Aber natürlich ziehe ich den Hut! Wenn acht Reiter einreiten und den Hut ziehen, soll ich dann einfach weiterreiten?

          Ist das, was Sie vor Publikum tun, näher am Dressursport oder am Zirkus?

          Ganz klar näher an der Dressur. Die grundsätzlichen Lektionen sind gleich. Sie werden aus dem natürlichen Gehabe der Pferde entwickelt. Zirkus ist eher etwas Unnatürliches, Andressiertes.

          Was ist der Unterschied zur Dressur?

          Der Sitz muss passen, dann erst darf man aufs Pferd zum Ausbilden. Und die Pferde bekommen bei uns mehr Zeit. Lipizzaner sind Spätentwickler. Wir fangen erst mit den Vierjährigen an zu arbeiten. Das ist für den Dressursport viel zu spät.

          Ist das Kunst um der Kunst willen, oder betreiben Sie die Kunst, um sie vorzuführen?

          Wir möchten zeigen, wie wir mit den Pferden arbeiten. Aber das Bereiten ist nicht für das Publikum, sondern wir bereiten, und die Leute dürfen zuschauen.

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