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Die EAV hört auf : Was vorbei ist, des ist vorbei

Thomas Spitzer bei der F.A.Z. Bild: Frank Röth

Nach mehr als vier Jahrzehnten hört die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ auf, eine der erfolgreichsten Bands aus Österreich. Das Vermächtnis ist groß – denn sie hat immer mehrere Lager bedient.

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          Die Erste Allgemeine Verunsicherung war im Grunde während der vier Jahrzehnte ihres Bestehens immer zwei Bands. So etwa wie die Beach Boys. Eine Partyformation mit Mitsing- und Mitschunkelliedern und eine ernste mit tiefen Texten, herzergreifenden Geschichten und beißenden politischen Kommentaren. Doch während die (eher unpolitischen) Beach Boys in zwei Formationen zerfielen, vereinte die EAV die zwei Pole zeitlebens auf einer Bühne. „Märchenprinz“ und „Ding Dong“ hatten genauso Platz wie „Wir marschieren“, „Neandertal“ oder „Burli“, bitterböse Abrechnungen mit dem fortbestehenden Militarismus, dem wiederkehrenden Nationalismus in der Gesellschaft und der Atomkraft.

          Martin Benninghoff
          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das Jahr 2019 wird das letzte der EAV gewesen sein – zumindest so, wie wir sie bislang kannten, diesen letzten Ausweg aus dem Ende der Band hält sich Gründer Thomas Spitzer offen. Mitte September war nach einem dreistündigen Auftritt in der Wiener Stadthalle Schluss, das ungekürzte Abschiedskonzert ist nun als Live-Album und -Video erschienen. Auf ihrer monatelangen Tour haben die Musiker um Sänger Klaus Eberhartinger und Songschreiber Spitzer noch einmal den Spagat ihres Künstlerlebens zwischen Blödelhits wie „Ba-Ba-Banküberfall“ und nachdenklichen Balladen wie „Am rechten Ort“ hinbekommen. „Jeder Wohlstand macht vermessen – Liegt man im gemachten Daunenbett – Im Überfluss haben wir vergessen – wie gut’s uns eigentlich geht“, singt Eberhartinger in dem Song, der auf dem mutmaßlich letzten Studio-Album „Alles ist erlaubt“ erschienen ist.

          „Unter dem Makel der ,Blödelband‘ haben wir jahrzehntelang gelitten“, sagt Spitzer im Gespräch mit der F.A.Z. „Aber ich glaube, davon haben wir uns im Laufe der Tournee einigermaßen befreien können.“ In die Setliste der zweieinhalb- bis dreistündigen Shows hat es auch das langsame „Am rechten Ort“ geschafft, was nicht selbstverständlich war. „Es ist das Lied, das mich am meisten gefreut hat, weil da die meisten Feuerzeuge nach oben gegangen sind“, sagt der studierte Grafiker. So doppelgesichtig wie die Band waren während der Auftritte auch die Fans. Die einen erfreuen sich am Gassenhauer „An der Copacabana“, die anderen an der kirchenkritischen Ballade „S’ Muaterl“ oder dem neuen Song „Gegen den Wind“. „85 Prozent unseres Publikums sind trinkfeste Männer. Der einzige Kommentar war: ,Was soll dieses schwule scheiß Lied – Ihr seid’s a Partyband‘“, sagt er. „Da wusste ich, ich bin auf dem richtigen Weg.“

          In Würde ergraut: Klaus Eberhartinger und Thomas Spitzer, die beiden Chefs der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, 2018 in Frankfurt Öffnen

          Viele politische Songs der EAV haben es nie ins Radio geschafft. Dabei war die zweite Platte „Café Passé“ der in Graz gegründeten Band 1980 ein überraschender Rundumschlag gegen politische Ideologen jeglicher Couleur. Sie wurde ein Jahr später mit dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet. Inspiriert war das von zwei Größen des parodistischen Rocktheaters: „Frank Zappa und Drahdiwaberl waren die Gründe, dass ich gesagt habe, so etwas muss ich auch machen.“ Die ironisch-kritische Distanz in alle Richtungen hat sich Spitzer in seinen Texten stets bewahrt. „Man muss jede Bewegung kritisch betrachten – nicht nur das Feindbild“, sagt er. Lagerdenken ist ihm immer zuwider gewesen, das plakative Draufhauen genauso. Dadurch sind gesellschaftskritische Songs wie „Sofa“ über die tiefen Narben der NS-Vergangenheit, „Oh Bio mio“ über ökologische Lebensstile oder auch der Superhit „Küss die Hand schöne Frau“ differenzierte Stellungnahmen – Feministinnen haben den Song als Darstellung des unverantwortlichen Fortpflanzungsdrangs von Männern gefeiert.

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