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Deutscher Adel : Was macht der Prinz heute?

Junger Mann in alten Gemäuern: Erbprinz Ernst August von Hannover im Schloss Marienburg, dem Familienstammsitz. Bild: Daniel Pilar

Ein sündhaft teures Schloss, ein streitbarer Vater, ein unklares Geschäftsmodell und nun auch noch Panama-Gerüchte: Wie Ernst August von Hannover trotz allerlei Schwierigkeiten sein Haus zu neuem Glanz führen will.

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          Die Monarchie ist weg, die meisten Güter im Osten sind ebenfalls weg, und den Unterschied zwischen einem Großherzog und einem Landgrafen kennt mit Ausnahme von Historikern auch kaum jemand mehr. Vermutlich weiß nicht einmal der Adel selbst, was es heutzutage heißt, adelig zu sein. Hat man einen Siegelring zu tragen? Sollte man regelmäßig in den Klatschspalten der Boulevardpresse auftauchen? Oder reicht es, in einer Trachtenjoppe durch einen Wald zu laufen, der möglichst der eigene ist?

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Dem Erbprinzen Ernst August von Hannover bleibt zumindest die Frage erspart, ob er sich zum Adel zählen darf. Seine Familie, die Welfen, gelten als das älteste Adelsgeschlecht Europas. Sie stellten in ihrer langen Geschichte Kaiser, Könige, Herzöge und Fürsten. Die Welfen herrschten über das Heilige Römische Reich, über Griechenland und zwei Jahrhunderte lang über das britische Empire. Das „Haus Hannover“ zählt zur Crème des europäischen Hochadels. Nur: Was heißt das heute?

          Aneinanderreihung schmerzhafter Nackenschläge

          Die Unsicherheit darüber ist dem 32 Jahre alten Erbprinzen Ernst August anzumerken. Er empfängt seine Gäste auf der Marienburg, dem einige Kilometer südlich von Hannover gelegenen Stammsitz der Familie. Mit seinen unzähligen Türmchen, Spitzen und Giebeln erhebt sich das Schloss aus der Ferne eindrucksvoll über dem Tal der Leine. Kein echtes Mittelalter natürlich, sondern eine neogotische Suggestion: Neuschwanstein-Effekt in Niedersachsen.

          Die Spannung, in der sich die Welfen bewegen, wird bereits auf dem Hof augenfällig: Die Schlossgastronomie wurde von einem Automatenhersteller angemietet, der vor der malerischen Burgkulisse seine bunt blinkenden Geldschlucker präsentiert. Der Erbprinz schaut verlegen.

          Ernst August ist nicht weit von hier, in Hildesheim, geboren worden. Aufgewachsen ist er allerdings in London, wo er auch heute noch die meiste Zeit des Jahres verbringt. Von dort pendelt er alle paar Tage nach Hannover und ab und an nach Österreich, wo seine Familie ebenfalls ein Schloss besitzt. Der junge Mann, der ein Internat in Worcestershire besucht hat und in New York Volkswirtschaft studiert hat, kümmert sich um die Besitzungen der Welfen und versucht, die Erlöse aus Ackerland, Forstbesitz und den alten Immobilien zu steigern. Dem Augenschein nach zu urteilen verfügen die verschwiegenen Welfen noch immer über ein beträchtliches Vermögen. Jedoch ist es gemessen an dem, was sie einst hatten, sehr wenig. Denn die vergangenen 150 Jahre waren für die Welfen eine Aneinanderreihung schmerzhafter Nackenschläge.

          Bedeutung des welfischen Erbes in der Region

          Bis zum Jahr 1837 war der Chef des Hauses Hannover sowohl König von Hannover als auch Herrscher über das britische Empire. Mit der Auflösung dieser Personalunion setzte für die Welfen ein unaufhaltsamer Niedergang ein. 1866 rissen sich die Preußen das Königreich Hannover unter den Nagel. 1901 lösten die Windsors die Welfen auf dem englischen Thron ab. 1919 wurde in Deutschland der Adel aufgehoben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die umfangreichen Besitztümer der Welfen in der sowjetischen Besatzungszone enteignet. Zum Nachteil sollte den Welfen zudem gereichen, dass sie sich auf ungute Weise mit den Nationalsozialisten eingelassen hatten. Das damalige Familienoberhaupt Herzog Ernst August hofierte Adolf Hitler und profitierte auch finanziell von dessen Politik. Das Haus Hannover soll über eine Firma an der Produktion geplanter Wunderwaffen beteiligt gewesen sein, bei der Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Auch wird Herzog Ernst August vorgeworfen, sich die verbrecherische Verfolgung jüdischer Unternehmer zunutzegemacht haben, indem er deren Firmen unter Wert kaufte. Ein entsprechender Bericht des NDR verursachte in Niedersachsen vor zwei Jahren erheblichen Wirbel. Nicht alle Vorwürfe waren neu. Schon vor 15 Jahren hatte Ernst August senior, der Vater des Erbprinzen und bis heute auf dem Papier Oberhaupt der Welfen, eine historische Aufarbeitung möglicher brauner Verflechtungen der Familie versprochen. Nur löste er diese Zusage niemals ein, was das abermalige Lautwerden der Vorwürfe für seinen Sohn umso unangenehmer machte.

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