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Erinnerung an Luftbrücke : Im Paket steckte Glück

Blick zurück: Anita Stapel, hier am Mittwoch in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenrade, unterstützt die Arbeit von Care. Bild: Andreas Pein

Vor 75 Jahren wurde die Hilfsorganisation Care gegründet. Anita Stapel profitierte während der Berlin-Blockade 1948 von ihren Paketen – und hilft nun im Alter von 92 Jahren als Ehrenmitglied selbst.

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          Die Kenntnis der Vergangenheit schärft den Blick auf die Gegenwart. Anita Stapel hat einen sehr scharfen Blick auf das Gestern und Heute. Das liegt daran, dass sie 92 Jahre alt ist, dazu „topfit“, wie sie sagt, dass sie viel liest und zuhört – und vielleicht liegt es auch daran, dass sie zeit ihres langen Lebens in Berlin gewohnt hat, an einem Kristallisationspunkt der Weltgeschichte.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Heute ist Anita Stapel Ehrenmitglied der Hilfsorganisation Care, deren Gründungsdatum, der 27. November 1945, sich an diesem Freitag zum fünfundsiebzigsten Male jährt. Stapel hat einem Care-Paket selbst viel zu verdanken, während der Berlin-Blockade 1948 halfen die Nahrungsmittel aus den Vereinigten Staaten der jungen Mutter über die Mangelernährung hinweg.

          Wenn Anita Stapel davon berichtet, bettet sie die Erzählung in ihre eigene Geschichte und in die ihrer Heimatstadt ein. Anita Jablonski, wie sie damals hieß, wurde 1928 in der Weimarer Republik geboren, erlebte als Kind in Neukölln den Aufstieg der Nationalsozialisten, dann den Zweiten Weltkrieg, die Bombenangriffe, die Niederlage, den Einmarsch russischer Truppen, deren Übergriffe auf deutsche Frauen. Es folgten die amerikanische Besatzung, die Teilung, die Blockade, der Mauerbau, der Kalte Krieg und schließlich die Wiedervereinigung mit der Rückkehr Berlins als Hauptstadt.

          „Die haben noch nichts erlebt“

          „Der nächste große Einschnitt ist Corona“, sagt Anita Stapel, die in einem Haus mit Wintergarten in Lichtenrade wohnt. „Das Virus ist schlimm, aber die Einschränkungen sind es nicht.“ Verglichen mit früheren Entbehrungen, die ihre Generation ertragen musste, sei der heutige Verzicht gut zu verkraften. „Die Leute halten es schon für eine Zumutung, in der U-Bahn eine Maske zu tragen. Die haben noch nichts erlebt“, sagt sie. Durch ihre Formulierungen zieht sich ein ironischer Unterton, die feinste Ausprägung der „Berliner Schnauze“: „Damals war es einen Zahn schärfer als heute. Wir waren schon froh, wenn wir lebend aus dem Luftschutzkeller kamen und das Haus noch stand.“

          Blick nach vorn: Anita Stapel mit Schwester und Sohn im Jahr 1949
          Blick nach vorn: Anita Stapel mit Schwester und Sohn im Jahr 1949 : Bild: Andreas Pein

          Einmal stand das Haus nicht mehr, es brannte nach einem Bombentreffer lichterloh. Auch aus der neuen Wohnung musste die Familie ausziehen, vertrieben durch die russische Armee, weil ein fanatisierter Nationalsozialist aus einem oberen Stockwerk einen russischen Soldaten erschossen hatte. Das Gebäude wurde zwar nicht, wie angedroht, niedergebrannt, wohl aber geplündert. Schon bald ging der Familie, wie so vielen Berlinern in der Nachkriegszeit, die Nahrung aus. „Erst kamen die Russen, dann kam der Hunger“, sagt Stapel, „das sind meine schlimmsten Erinnerungen.“ Ihr Vater, vor dem Krieg Arbeiter in der Schultheiß-Brauerei, saß in englischer Gefangenschaft fest, ihre Mutter musste die Siebzehnjährige und die erst drei Jahre alte Schwester allein durchbringen.

          Zu essen gab es Brot, Kartoffeln, Trockengemüse, meist aber nur „Klütersuppe“, Wasser mit eingerührtem Mehl. „Hin und wieder hatten wir ein bisschen Fett dazu.“ Der Schwarzmarkt im „abgeholzten Tiergarten“, dessen Bäume als Feuerholz dienten, gab für die Familie wenig her, da die Jablonskis nach Ausbombung und Plünderung kaum etwas zum Tauschen hatten. Immerhin fand sie in dieser Zeit ihre große Liebe: den Nachbarsjungen Joachim, der als kaufmännischer Angestellter in einer Elektro- und Sanitärgroßhandlung arbeitete, deren Miteigentümer er später werden sollte. Kaum achtzehnjährig, verlobten sie sich, 1948 stand die Hochzeit an. „Wir mussten heiraten, wie man das damals nannte“, sagt Stapel.

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