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Erinnerung an El Alamein : Stimmen aus der Unendlichkeit

  • -Aktualisiert am

Zum Gedenken: Australische Veteranen am Wochenende in El Alamein Bild: Getty

Im Wüstensand bei El Alamein gelang es den Alliierten im Juli 1942, den Vormarsch der Achsenmächte zum Stillstand zu bringen. 70 Jahre später erinnern Veteranen an die entscheidende Schlacht.

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          Auf einmal ist Hans-Werner Richter nicht mehr der Älteste in der Runde. Zu dem 92 Jahre alten Deutschen gesellt sich ein drei Jahre älterer Italiener, der gemeinsam mit seinem Sohn nach El Alamein gekommen ist, dem Schauplatz einer der entscheidenden Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Wie der Vater ist er Soldat geworden. „In welcher Einheit haben Sie gekämpft?“ fragt General Ornello Baron, der das Nato-Verbindungsbüro in Belgrad leitet. „Bei den Fallschirmjägern“, sagt Richter und zeigt auf das Abzeichen an seiner Brust.

          Auch britische, australische, neuseeländische Veteranen sind an diesem Wochenende an die ägyptische Mittelmeerküste gereist, um der Opfer der Schlacht von El Alamein 1942 zu gedenken. Hans-Werner Richter und Gerhard Neubauer, fast 90, sind die einzigen deutschen Teilnehmer, die damals dabei waren. Die Feier in der Commonwealth-Gedenkstätte soll die letzte in internationalem Rahmen sein - angesichts der Opfer in Afghanistan haben britische Veteranenverbände darauf gedrungen, die bislang im Jahreswechsel von Italien, Deutschland und Großbritannien ausgerichteten Gedenkstunden künftig im nationalen Rahmen abzuhalten.

          „Vor Alamein haben wir überlebt, nach Alamein erobert“

          Angesichts neuer Kriege verschwindet die Erinnerung an alte weiter, so präsent sie bei den Veteranen auch sein mag. Am Abend des 23. Oktober 1942 griffen alliierte Truppen die im Norden Ägyptens lagernden deutschen und italienischen Einheiten an. Für das deutsche Afrikakorps bedeutete es nach dem raschen Vormarsch durch Libyen eine vernichtende Niederlage, für Winston Churchills Großbritannien die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg.

          Sichtlich mitgenommen von der ägyptischen Herbsthitze und den Erinnerungen steht Richter im Rondell der deutschen Gedenkstätte in El Alamein. Unterhalten wird sie vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Mehr als 4000 deutsche Gefallene des Zweiten Weltkrieges sind hier begraben, ihre Namen auf Metalltafeln verzeichnet. „Ich habe geglaubt, Stimmen der Kameraden aus der Unendlichkeit zu hören“, sagt Richter, der zum ersten Mal seit 1942 an den Ort der Schlacht rund 120 Kilometer westlich von Alexandria gekommen ist. Seine Frau, die neben ihm im Schatten des achteckigen Baus steht, sagt, er sei in den vergangenen Tagen um Jahre gealtert.

          Innerhalb kurzer Zeit gelang es Großbritanniens achter Armee, die Front zu durchbrechen und die Kampfkraft der Panzerarmee General Erwin Rommels um fast ein Drittel zu schwächen. „Vor Alamein haben wir überlebt“, sagte Churchill nach der zwölf Tage langen Schlacht, an der 120.000 britische Soldaten beteiligt waren. „Nach Alamein haben wir erobert.“

          Das Misstrauen bleibt auch Jahrzehnte nach Kriegsende

          Genau 70 Jahre später sind Dutzende Veteranen zurückgekehrt in das nun friedlich zwischen dem strahlenden Blau des Mittelmeers und der endlosen Steinwüste gelegene einstige Kriegsgebiet, wo Tausende damals ihr Leben ließen. Die Zweite Schlacht um El Alamein im Oktober und November 1942 war nicht nur der Beginn des Rückzugs des deutschen Afrikakorps - sie war auf Seiten der Alliierten auch die letzte, die von einem britischen General, Bernard Montgomery, angeführt wurde. Danach waren es amerikanische Generäle, die den Kampf gegen die Achsenmächte bis zum Sieg über Deutschland führten. Mehr als 7000 britische Soldaten sind auf der Gedenkstätte des Commonwealth in El Alamein begraben, die nur ein paar Kilometer entfernt von der deutschen Gedenkstätte in Richtung Alexandria liegt.

          Hier, im Wüstensand zwischen der Kleinstadt El Alamein und der Qattara-Senke im Süden war es den Alliierten im Juli 1942 bei der Ersten Schlacht um El Alamein gelungen, den Vormarsch der in Nordafrika expandierenden Achsenmächte zum Stillstand zu bringen. Die Niederlage in der Zweiten Schlacht bedeutete das Ende von Benito Mussolinis Traum, den Suez-Kanal unter seine Kontrolle zu bringen und eine direkte Landverbindung zwischen Italiens Kolonien in Nordafrika und im Osten des Kontinents herzustellen. Vielleicht auch, weil El Alamein im Gedächtnis der Siegermächte einen festen Platz hat, nimmt das Gedenken bei den Verlieren eine geringere Stellung ein: Während Frankreich und Großbritannien mit Ministeriumsvertretern bei der Gedenkfeier vertreten sind, hat Christian Schmidt, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, seine geplante Teilnahme wegen des CSU-Parteitages abgesagt.

          Richter begegnet am Wochenende auch britischen Veteranen; einem Journalisten des „Daily Telegraph“ gibt er ein langes Interview. Als der ihn fragte, was es für ihn bedeutet habe, deutscher Soldat zu sein, wollte Richter erst einmal wissen, was er mit der Frage bezwecke. Das Misstrauen bleibt auch Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges. „Früher haben wir uns als Gegner gegenüber gelegen und gegenseitig versucht, uns ins Jenseits zu befördern“, sagt Richter. 70 Jahre später sei es gelungen „zu beweisen, dass wir unser Gelöbnis erfüllt haben: nie wieder Krieg!“

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