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Erdbeben in der Türkei : Eine Zone höchsten Risikos

  • -Aktualisiert am

Rettungskräfte sind nach einem starken Erdbeben an einem eingestürzten Gebäude im Einsatz. Bild: dpa

Nach dem schweren Erdbeben in der Osttürkei ist die Zahl der Toten auf mindestens 35 gestiegen, mehr als 1600 Menschen wurden verletzt. Die Region ist eine der seismisch aktivsten der Erde.

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          Das Erdbeben, bei dem am Freitagabend in den osttürkischen Provinzen Elazig und Malatya mindestens 35 Menschen ums Leben kamen, war das schwerste Beben in Kleinasien seit 2011. Mehr als 1600 Menschen wurden nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde Afad verletzt, 45 Personen konnten bis Sonntag lebend geborgen werden. Obwohl in der Region schwerer Frost herrscht, hoffen die Retter weiter, Überlebende zu finden. Innenminister Süleyman Soylu sagte am Sonntag, es würden noch sechs Menschen vermisst.

          Dem Beben am Freitag folgten nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde mehr als 600 Nachbeben. Tausende verbrachten aus Angst vor weiteren Erschütterungen die Nächte bei Temperaturen bis zu minus zwölf Grad in Zelten und Sporthallen. Der türkische Staatspräsident Erdogan besuchte am Wochenende die betroffene Region und sagte weitere Hilfe zu. Nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde wurden in den Provinzen Elazig und Malatya 645 Gebäude schwer beschädigt, 76 seien eingestürzt.

          Das Beben fand in einer Zone sehr hoher Erdbebengefährdung statt, die auf der seismischen Risikokarte der Türkei in tiefem Dunkelrot erscheint, gleichbedeutend mit dem größten Risiko. Die Türkei ist einer der seismisch aktivsten Staaten der Erde. Nahezu der gesamte asiatische Teil des Landes stellt eine jener Platten dar, aus denen die Erdkruste wie ein Puzzle zusammengesetzt ist. Diese Anatolische Platte steht unter enormem tektonischen Druck. Auf ihrer Ostseite schiebt sich die Arabische Platte unaufhaltsam mit einer Geschwindigkeit von etwa 2,5 Zentimetern pro Jahr nach Norden. Die riesige Eurasische Platte im Norden wirkt aber wie ein Rammbock und stemmt sich der Bewegung Arabiens entgegen. Eine der Konsequenzen dieses Zusammenstoßes ist die Entstehung des Kaukasusgebirges nordöstlich der Türkei.

          Eingespannt wie in einem Schraubstock

          Auch die relativ kleine Anatolische Platte liegt in dieser Kollisionszone zwischen den beiden größeren Platten. Wie in einem Schraubstock eingespannt, ist sie den großen tektonischen Kräften ausgesetzt und wird dabei nach Westen in Richtung Ägäis gequetscht. Dabei schrammt sie einerseits auf ihrer Nordseite entlang der Eurasischen Platte. Das geschieht entlang der nordanatolischen Verwerfung, der gefährlichsten Erdbebenzone der Türkei. Sie erstreckt sich von der ostanatolischen Großstadt Van bis ins Marmara-Meer westlich von Istanbul und folgt in etwa der Südküste des Schwarzen Meers. An dieser Verwerfung ereignete sich das schwerste Erdbeben in der Türkei im vergangenen Jahrhundert, als am 26. Dezember 1939 in der Gegend um Erzincan nahezu 33.000 Menschen ums Leben kamen.

          Auch das Hypozentrum des Bebens von Izmit an der Ostküste des Marmara-Meers im August 1999 lag auf dieser Verwerfung. Es kostete mehr als 17.000 Menschen das Leben, eine halbe Million Menschen wurden obdachlos. Noch im 90 Kilometer vom Epizentrum entfernten Istanbul gab es damals schwere Schäden.

          Zugleich lässt die Ausweichbewegung Anatoliens auf der Ostseite der Platte die ostanatolische Erdbebenverwerfung entstehen. Obwohl sie wesentlich kürzer als die nördliche Verwerfung ist, birgt sie nicht weniger Gefahren. Das Erdbeben mit einer Magnitude von 6,7 am Freitagabend nahm an dieser Verwerfung seinen Ausgang. Auch die Stadt Van ganz im Osten der Türkei, bei der die beiden Verwerfungslinien zusammenkommen, wird immer wieder von Erdbeben heimgesucht. So kamen dort im November 1976 bei Erdstößen der Magnitude 7,3 mehr als 5000 Menschen ums Leben. Zuletzt wurde diese Region im Oktober 2011 von einem Beben der Magnitude 7,2 erschüttert. Mehr als 1600 Menschen starben damals in den Trümmern.

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