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Tochter von Enver Altayli : „Vor 14 Monaten habe ich ihn zuletzt gesehen“

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Das Foto entstand bei einem von Zeynep Potentes letzten Besuchen in der Türkei. Bild: Julia Anton

Enver Altayli ist einer von fünf deutschen Staatsbürgern, die in der Türkei aus politischen Gründen in Haft sind. Seine Tochter Zeynep Potente erzählt, was das für sie und ihre Familie bedeutet.

          Frau Potente, Sie haben eine Petition für die Freilassung ihres Vater Enver Altayli gestartet. Er sitzt seit 13 Monaten in Ankara im Gefängnis, er soll Straftaten für eine Terrororganisation begangen haben. Anklage wurde bislang nicht erhoben. Warum haben Sie solange gewartet?

          Als mein Vater verhaftet wurde, dachte meine Familie: Wir warten ab, die meisten lassen die Justizbehörden einfach wieder gehen. Die Anwälte meines Vaters haben uns auch geraten, erst mal nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, weil das seine Haftdauer verlängern könnte. Dabei kann es schlimmer gar nicht mehr kommen. Seit der Verhaftung ist nichts passiert, weil ständig der Staatsanwalt wechselt. Inzwischen ist es der Dritte. Beschwerden waren bislang erfolglos. Als Deniz Yücel frei kam, war das wie ein Wachrütteln. Jetzt versuchen wir, vor Erdogans Besuch so viel Öffentlichkeit wie möglich zu erreichen.

          Was wird Ihrem Vater vorgeworfen?

          Er soll einem Mitglied der Gülen-Bewegung zur Flucht verholfen haben. Mein Vater war aber niemals Mitglied der Gülen-Bewegung. Ich kann mir vorstellen, dass die eigentlichen Gründe seine politische Meinung und seine Kritik an der türkischen Regierung waren. Er hat Erdogans Vorgehen nach dem Putsch, politische Säuberungen, die vielen Inhaftierungen und die Unterminierung des türkischen Rechtsstaats kritisiert. Mein Vater hat sich immer für eine westlich orientierte Türkei eingesetzt.

          Wie sehen die Haftbedingungen aus?

          Mit 73 Jahren ist er seit 13 Monaten in Isolationshaft in einer kleinen Zelle. Zwei mal drei Meter inklusive Toilette, sagte er meinen Schwestern. Einmal am Tag hat er eine Stunde Hofgang. Einmal pro Woche darf er Besuch bekommen. Meistens ist er dabei hinter einer Plexiglasscheibe, einmal im Monat ist auch Körperkontakt erlaubt. Dann dürfen ihn meine Schwestern und meine Mutter umarmen.

          Haben Sie ihn auch besucht?

          Nein. Dass ich ihn nicht besuchen kann, ist sehr belastend für mich. Aber der deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, hat mir zu meiner Sicherheit von der Einreise in die Türkei abgeraten.

          Wie war das für Sie, zu hören, dass Sie nicht dorthin fahren sollen?

          Ehrlich gesagt war ich erleichtert. Mein Mann hat immer gesagt: Du kannst fahren, aber überleg’s dir gut. Mein Vater meinte auch, ich solle nicht kommen. Der Rat des Botschafters hat mir dann die Entscheidung abgenommen, und der wahnsinnige Druck fiel von mir ab.

          Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?

          Vor etwa 14 Monaten.

          Telefonieren Sie regelmäßig?

          Nein, er kann im Gefängnis nicht ins Ausland telefonieren. Vor seiner Inhaftierung hat er mich alle zwei, drei Tage angerufen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, aber der muss erst auf Türkisch übersetzt werden. Meine Mutter und meine Schwestern, die in der Türkei leben, bringen ihm Fotos mit, wenn sie ihn besuchen. Er fragt auch immer, wie es mir geht.

          Vermissen Sie ihn?

          Ja. Mein Vater hat mich oft besucht, seine Anwesenheit fehlt mir sehr. Wenn ich ein Problem hatte, konnte ich immer zu meinem Vater gehen. Und er hat versucht, eine Lösung dafür zu finden. Das ist seine stärkste Charaktereigenschaft. Und es tut weh, dass er nicht sieht, wie mein Sohn, sein Enkel, aufwächst.

          Versteht Ihr Sohn, was mit seinem Großvater passiert?

          Nein, dafür ist er noch zu klein. Ich zeige ihm seinen Großvater auf Bildern. Aber die Kinder meiner jüngsten Schwester sind schon älter, für die ist es sehr schwer. Ihr Vater, ein Dozent für Menschenrechte, ist ebenfalls inhaftiert worden.

          In der Petition schreiben Sie, dass ihr Vater gesundheitlich angeschlagen ist. Wie groß ist die Angst, dass Sie ihn nicht lebend wieder sehen?

          Die Angst ist schon da. Aber wir hoffen.

          Und Ihr Vater? Hat er noch Hoffnung?

          Mein Vater war und ist ein optimistischer Mensch, auch wenn die Situation sehr an ihm nagt. Ständig geht ihm durch den Kopf warum, wieso, weshalb. Meine Schwestern sagen, er hangelt sich von Besuch zu Besuch. Diese Woche wird der Botschafter ihn noch einmal besuchen.

          Wie halten Sie die Situation aus?

          Es ist sehr schwierig. Ich bin traurig, aber ich versuche, mein Leben weiter zu leben. Ich glaube, damit ist meinem Vater auch am meisten geholfen. Die Arbeit hält mich davon ab, zu viel darüber nachzudenken. Als Ärztin habe ich einen Fulltime-Job. Tagsüber operiere ich, dann rase ich nach Hause zu meiner Familie. Aber natürlich kommt es immer wieder durch, nachts, im Urlaub, am Wochenenden. Manchmal ist mir auf dem Weg zur Arbeit plötzlich zum Weinen zumute.

          Und Ihre Schwestern?

          Natürlich ist es auch für meine Schwestern sehr schwer. Da aber in der Türkei so viele Menschen inhaftiert sind, tun sich die Angehörigen oft zusammen. Es hat so viele getroffen. Für uns in Deutschland ist das unvorstellbar.

          Hat sich Ihr Verhältnis zur Türkei seit der Inhaftierung verändert?

          Ja. Ich hatte zwar auch davor keine türkische Staatsbürgerschaft und fühlte mich auch als Deutsche. Ich bin aber sehr gerne dorthin gefahren, um meine Familie zu besuchen, mindestens einmal im Jahr. Das fehlt mir. Allerdings habe ich mich schon in den letzten fünf, sechs Jahren, in denen die Türkei allmählich von der Demokratie abgerückt ist, zunehmend unwohl gefühlt. Nachdem ich jetzt die Petition gestartet habe, weiß ich nicht, ob ich je wieder in die Türkei einreisen kann.

          In Haft

          Enver Altayli ist einer von fünf deutschen Staatsbürgern, die aus politischen Gründen in der Türkei in Haft sind. Der 73 Jahre alte Jurist war laut seiner Familie von 1968 an fünf Jahre lang für den türkischen Geheimdienst tätig. Anschließend war er für die rechte nationalistische Partei MHP aktiv, wandte sich aber später von ihr ab. Nach dem Putsch 1980 flüchtete er nach Deutschland und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Später beriet er unter anderem die türkischen Präsidenten Özal und Demirel in zentralasiatischen Fragen. Zuletzt veröffentlichte er ein Buch über den Diplomaten Rudi Nazar. Altayli hat drei Töchter. Seine Frau betreibt eine kleine Ferienanlage in Antalya, in der er am 20. August 2017 verhaftet wurde. Seitdem sitzt Altayli im Gefängnis Sincan F1 in Ankara. (jant.)

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