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Betreuung in den Ferien : Wie gut sind Feriencamps?

  • Aktualisiert am

Grillen, chillen, selbständig werden. Bild: Getty

Eltern mit schulpflichtigen Kindern müssen 74 Tage im Jahr zusehen, wie und wo sie ihre Kinder unterbringen. Wie gut sind Feriencamps mit Sport, Spiel oder Kreativwerkstatt? Sieben Eltern berichten über ihre Erfahrungen.

          7 Min.

          Mitreißendes MeckPomm

          Zwölf Tage sind lang. Zu lang, fand jedenfalls unser Sohn noch mit neun Jahren, als seine Freunde auf das Sommerferienlager der Jugendnaturschutzakademie Brückentin in die mecklenburgische Pampa fuhren, während wir mit Omas und Homeoffice die ewige Ferienbetreuungslücke flicken mussten. Ein Jahr später, als wir den Zehnjährigen dann vom Bus abholten, zerzaust, erschöpft, braungebrannt, sagte er, es habe sich angefühlt wie vier Tage. Dann zog er stolz die selbstgekochte Brombeermarmelade aus dem Koffer und erzählte kichernd, seine Kumpel und er hätten einen Vormittag beim Angebot „Wellness“ Gurkenmasken ausprobiert.

          Von Hortfreizeiten weiß ich, dass ein Haufen Kinder und ein See selbst bei Superwetter kein Garant für glückliche Kinderferien sind. Freizeitangebote wie T-Shirt-Batiken und Töpfern werden auch anderswo gemacht. Dem Geheimnis des gelungenen Camps kam ich erst auf die Schliche, als mit der Post eine DVD eintraf: eine Filmdokumentation der Dinge, von denen unser Sohn erzählt hatte – „Alien-Projekt“ und „Shopping-Queen“ zum Beispiel. Ich sah jetzt, wie die Kinder über Tage hinweg „Raumschiffe“ in der Natur gebaut hatten; die Persiflage auf fragwürdige Fernsehsendungen entpuppte sich als sehr witzige Verkleidungsmodenschau.

          Die Begeisterung der Kinder galt aber nicht den originellen Ideen an sich. Mit beeindruckendem Aufwand hatten die Betreuer irrwitzige Kostüme und Requisiten gebastelt und sich selbst hingebungsvoll zum Affen gemacht. Selbst der Schüchternste, den jedes Mitmachen überfordert hätte, hatte vermutlich Spaß. Keine Ahnung, wie man diese Art der Pädagogik nennt. Einfach mitreißend, würde ich sagen.

          Julia Schaaf

          Sport und Pommes

          Die Worte „Kids“ und „Camp“ bedeuten in München in der Regel zwei Dinge: Chicken Wings und 280 Euro (Geschwisterrabatt 5 Prozent!). Aber in den Sommerferien nimmt man alles, um sechs Wochen betreuungsfreie Zeit zu überbrücken. Also auch zweimal das fünftägige „Kids-Sportscamp“ für Sechs- bis Zehnjährige, angeboten vom Sportverein eines großen Unternehmens. Hinbringen um 9.30 Uhr, Turnschuhe an, Bälle durch den Fähnchen-Parcours bugsieren, ein paar Mal über Kästen klettern, Chicken Wings und Pommes, ein bisschen Nachlaufen, So-jetzt-räumen-wir-alle-die-Bälle-wieder-weg, Turnschuhe aus, abholen um 14.30 Uhr. Die Pommes waren super.

          Am letzten Tag, beim großen Abholfinale, gibt es ein T-Shirt und ein paar Mütter mit klimpernden Armbändchen, die von den anderen rumstehenden Müttern Spenden einsammeln für die bezahlten Betreuerinnen, Studentinnen, weil die das „soooo süß gemacht haben“. Damit diese einen Tag im „Day-Spa“ verbringen können. Oder mal schön essen gehen.

          Zum Glück werden die Kinder irgendwann älter. Dann übernimmt „Minecraft“ die Kinderbetreuung. Umsonst, 24/7. Und Pommes gibt’s auch.

          Karin Truscheit

          Artist für eine Woche

          Da steht man dann, nach einer Woche ohne Kind, und reckt den Hals. Nicht einmal die Gelegenheit hat man gehabt, übers Smartphone die üblichen „Geht’s dir gut?“-Nachrichten gegen die üblichen einsilbigen Antworten einzutauschen. „Elternfreie Zone“ steht alle paar Meter an dem Absperrband, das uns jetzt davon abhält, das Kind zu suchen. Stattdessen weist es den Weg ins rotweiße Riesenzelt, in dem in Kürze die allsonntägliche große Vorstellung stattfinden wird: Höhepunkt und Abschluss einer jeden Woche „Zirkuscamp“, in der die Kinder sich mit allem Möglichen beschäftigt haben könnten, von der Clownerie bis zur Artistik. Wer das Glück hat, sein Kind im Trubel vor der Show kurz sehen und drücken zu können, kann dennoch sicher sein: Ob es gleich vor allen Leuten jonglieren wird, balancieren oder zaubern, hat es schön für sich behalten.

          Die vollen sechs Wochen der hessischen Sommerferien über macht der Zirkus „Datterino“ Programm hier in Darmstadt: von einer Woche für die Jüngeren, in der die Kinder noch zu Hause übernachten, über die zur internationale Woche mit Gleichaltrigen aus Italien bis zu der Woche für Jugendliche und junge Erwachsene, in der auch mal mit Feuer jongliert wird. Vielseitig sind die Zirkus- und Theaterpädagogen, die mit den Teilnehmern arbeiten, vielfältig ist das Programm, und vielgestaltig sind die Möglichkeiten für die Kinder, sich auszuprobieren und über sich hinauszuwachsen: mit einigem Abstand von den Lernzwängen des Alltags, mit Begeisterung und einem gemeinsamen Ziel. Doch wenn man sie dann nach all der Aufregung, der Vorführung, dem Abschied voneinander endlich wieder mit nach Hause nehmen kann, heiser, hundemüde und reif für die Wanne, muss man ihnen bloß kurz in die Augen schauen, um zu sehen, wie schön es wieder war.

          Fridtjof Küchemann

          Chillen an der Costa Brava

          Dass der Junge nicht auf ewig mit Eltern und kleinem Bruder in Urlaub fahren will, ist ja verständlich. Und gegen eine schöne Jugendfreizeit mit Kanufahren und Lagerfeuer würde auch niemand etwas einwenden. Aber als der Fünfzehnjährige die Idee mit dem „Partyurlaub“ aufbringt, sind die Erziehungsberechtigten doch einigermaßen irritiert. Ein Blick in den Prospekt des Reiseveranstalters macht es nicht besser: „Chill dich mit uns durch die bräunende Sonne und zeig allen beim Clubtanz deine Moves“, steht da. Untergebracht sind die Teenies in den „angesagtesten Partyhochburgen Spaniens“, natürlich nicht im Zelt unter dem Sternenhimmel, sondern in Hotels mit W-Lan und Halbpension. Wobei Langschläfer das Frühstücksbuffet auch ausfallen lassen können, um direkt vom Bett an den Beach oder zum Shoppen zu gehen.

          Den Eltern, die das lesen, wird ganz anders – allein der Name Lloret de Mar lässt sie an Sangría im Plastikeimer und Saufhits von Tim Toupet denken. Dummerweise ist der Trip gar nicht mal so teuer, mit den Kosten lässt sich also nicht argumentieren. Und überhaupt: Soll man Heranwachsenden seine eigenen bildungsbürgerlichen Vorstellungen von einem pädagogisch wertvollen Urlaub aufzwingen? Nein, der Junge soll ruhig mal Ballermann machen, dann wird er schon merken, dass „Brutzeln, Chillen, Feiern“ (O-Ton Veranstalter) irgendwann auch langweilig werden. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen sammeln. Und das tut der Teenager dann auch. Mit dunklen Augenringen, aber selig lächelnd kehrt er nach einer Woche zurück. Das sei der schönste Urlaub seines Lebens gewesen. Im nächsten Sommer will er zwei Wochen fahren.

          Matthias Trautsch

          Rugby und Abenteuer

          Die Welt von Kindern ist bis zum Ende der Grundschule von Frauen geprägt. Das mag unter Aspekten der Gleichstellung falsch sein, ist aber die Realität. Meistens arbeitet Mama Teilzeit und nicht Papa, in Kindergarten und Grundschule ist der Hausmeister oft der einzige Mann weit und breit. Der Ton ist liebevoll-besorgt, Raufereien sind verpönt und kleinere Balgereien eigentlich auch.

          Und dann kommt der Sohn ins Rugby-Camp. Rugby ist ein Sport, bei dem Körperkontakt ausdrücklich erwünscht ist; schließlich gewinnt man den Ball, indem man sein Gegenüber zu Fall bringt. Und so stand der Sohn eines Morgens einer Gruppe muskelbepackter junger Hünen gegenüber, mit denen er nun eine Woche der Osterferien verbringen sollte. Nicht nur Rugby-Training war geplant, sondern auch Ausflüge. Der erste sollte ins Schwimmbad gehen, und die Sorgen der Mutter wurden durch das Argument des Fünfjährigen, er habe schließlich das Seepferdchen, nur wenig gemildert. Umso erfreuter war sie, den Sohn am Nachmittag wohlbehalten wiederzusehen. Er trug zwar noch seine nasse Badehose unter der Jeans, war aber stolz wie nie. Er sei fünf Mal vom Fünfer gesprungen, obwohl er erst fünf sei!

          Am nächsten Tag stand eine Wanderung auf dem Programm. Die Route war für zwanzigjährige Profi-Sportler ein Witz, für kleine Jungs aber eine Herausforderung. Die Kleinsten wurden am Ende getragen, auf der Rückfahrt im Regionalzug schliefen alle vor Erschöpfung ein. Ob der Fünfjährige in der Woche seine Spieltechnik verbessert hat, weiß ich nicht. Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen hat er auf jeden Fall gewonnen.

          Judith Lembke

          Supereasy

          Ein Sommer-Englischcamp, draußen, aber in derselben Stadt, in dem unsere Söhne (11 und 12) ihre absehbar nicht überwältigenden Englischnoten aufbessern könnten? Noch dazu mit Mittagessen, Freizeitaktivitäten am Nachmittag und ein wenig Campusatmosphäre gratis dazu, denn das Ganze fand auf dem Gelände der Frankfurter Universität statt. Splendid idea, dachten meine Freundin und ich. Aber viel gelernt haben die beiden Jungs dort nicht. Wir dafür um so mehr: dass man Bewertungen nicht glauben darf, wenn sie immer oben stehen und durchweg Erfolg verkünden. „Die Kids lernen spielerisch sehr schnell die englische Sprache“, hieß es da.

          Schon die Anmutung am ersten Tag war seltsam: Morgens und zum Abschied mussten alle Kinder ein Lied singen, wie man es sonst von amerikanischen GIs vom Warmlaufen kennt. Gesprochen wurde unter den Kindern entweder Deutsch (klar!) oder hörbar muttersprachliches Englisch. Als Betreuer traten ein paar junge Leute an, die offenbar Studenten (welcher Fächer?) waren, jedenfalls vermutlich keine Englischlehrer. In den „Unterricht“ selbst hatten die Eltern dann natürlich keinen Einblick mehr, doch unsere Jungen winkten ab: „Supereasy, konnt ich alles“, und: „War aber nur ‘ne halbe Stunde oder so!“ Zum Mittagessen in der Unimensa durften sie dann nur das aussuchen, was die Betreuer ihnen sagten („Die durften natürlich auch alles andere nehmen!“), und genug Wasser war, trotz Hitze, nachmittags nicht mehr verfügbar.

          Noch ein Wort zu den Spiel- und Sportgeräten: Die waren nach Aussagen unserer Jungs zu klein, zum Teil kaputt und nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Wer also eine englischsprachige Kinderaufbewahrung möchte, wäre hier vielleicht gerade richtig, allen anderen sei empfohlen, viel genauer hinzusehen als wir. Sonst stellt er sich am Ende vielleicht auch die Frage: „Was heißt ,Flop‘ eigentlich auf Englisch?“

          Susanne Kusicke

          Spiele am Strand

          Mein Sohn war im vergangenen Jahr für zwei Wochen in Rom; hier ist der Reisebericht des damals 16-jährigen: „Wir sind mit dem Bus nach Rom gefahren, über Nacht. Als ich in den Bus einstieg, dachte ich schon gleich: Die Leute hier sind nicht so wie ich, nicht so cool. Die trugen Sachen, die so aussahen, als hätte ihre Mutter sie ihnen gekauft: Dreiviertelhosen, karierte Hemden und so. Für diese Reise entschieden hatten wir uns, weil die ältere Schwester meines Freundes schon mal mit dem gleichen Veranstalter verreist war, und ihr hatte es gut gefallen. Ich fand es auch gut, bloß die Betreuer haben tierisch genervt. Die haben die Regeln voll ernstgenommen und uns immer angemacht und als nervig abgestempelt. Zum Beispiel, wenn alle sitzen sollten und ich noch stand, war das schlimm. Oder wenn ich ein Video gemacht habe und da zufällig ein Betreuer drauf war, dann musste ich das sofort löschen. Und wenn sie mich mit einem Bier in der Hand gesehen haben, haben sie es mir sofort weggenommen, obwohl ich schon 16 war. Ab ein Uhr sollten wir schlafen, haben wir auch gemacht. Dann kamen die Betreuer immer um 1.15 Uhr rein, um zu kontrollieren, und haben uns wieder aufgeweckt. In der Reisebeschreibung hatte außerdem gestanden, es gebe zwar ein Programm, aber man müsse daran nicht teilnehmen. In Wirklichkeit musste man aber doch, weil die Betreuer einen abgestempelt haben, wenn man nicht hinging. Da musste man dann total kindische Spiele machen, wie zum Beispiel sich alphabetisch aufstellen, um sich gegenseitig kennenzulernen.

          Unser Tagesablauf war so: Kurz vor dem Frühstück, gegen 9.30 Uhr, aufstehen, frühstücken, danach zurück in den Bungalow und weiterschlafen oder Karten spielen. Mittags essen und dann weiter im Bungalow oder auf der Terrasse sitzen und irgendwann anfangen, Bier zu trinken. An vier Tagen haben wir Ausflüge gemacht: zweimal nach Rom, einmal an den Strand und einmal in einen Aquapark. Ich würde die Reise nicht noch mal machen, weil ich die meisten anderen Teilnehmer zu jung fand.“

          mel.

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