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Elizabeth Gilbert im Porträt : „Bei mir muss es persönlich sein“

  • -Aktualisiert am

Sture Freude: Autorin Gilbert entspannt und mit typischem Lächeln im Hotel in Stuttgart. Bild: Müller, Verena

Mit dem Bestseller „Eat, Pray, Love“ hat Elizabeth Gilbert viele Leserinnen berührt. Jetzt will sie ihnen Mut machen, in sich die magische Macht der Kreativität zu finden. Eine Begegnung.

          6 Min.

          Im Stuttgarter Maritim-Hotel ist der Weihnachtswahnsinn ausgebrochen. Vollgestopfte Shoppingtüten, bewacht von ihren Besitzern, die sich, fast ohne dass es auffällt, mit den Teilnehmern eines norddeutschen Therapeutenkongresses mischen. In diesem Umfeld würde man Elizabeth Gilbert, seit ihrem verfilmten Bestseller „Eat, Pray, Love“ Teil der Hollywood-Royalty, eher nicht erwarten. Doch Gilbert ist nicht der Typ, der Hotelzimmer umstreichen lässt, bevor sie darin einzieht. Selbst surrende Kühlschränke im Zimmer und zwei hässliche Granny-Smith-Äpfel auf einem zu flachen Tisch in ihrer Suite können Gilbert nicht aus der Reserve locken.

          Im Gegenteil. Gilbert breitet die Arme aus und heißt einen in ihrer „temporären Heimat“ willkommen. Geschämt für das unschöne Sofa, auf dem sie sitzt, wird sich nicht. Gilbert ist die Art von Person, die jeden bei einer elenden Flugverspätung davon überzeugen wird, die Fluggesellschaft nicht zu verklagen und die Verspätung als Geschenk des Universums zu betrachten. Wegen eines solchen Satzes würde man jemanden wie Gilbert nicht hassen, sondern sich ein Eis kaufen und auf den nächsten Flug warten. Und Gilbert würde ihren blonden Pagenkopf nach rechts neigen und ihr riesiges Gilbert-Lächeln senden.

          Schriftstellerei ohne Depression

          Jetzt, in Stuttgart, hat sie eine Lesung. In den letzten drei Monaten war Gilbert unterwegs, um ein Schriftstellermodell vorzustellen, das noch in den Anfängen steckt. Ungefähr so wie das Elektroauto im Verhältnis zum Benzinmonster. Gilbert behauptet jedenfalls in ihrem neuen Buch „Big Magic“, man könne ohne Traurigkeit, ohne Selbsthass Schriftsteller sein. Nicht mal eine kleine Depression sei nötig. Wäre das aber nicht sehr langweilig, und wenn ja, in welchen anderen Stoff würde man die Langweile transformieren müssen? In Gilberts Fall ist die Sache noch drastischer. Sie ist eine Schriftstellerin, die sich selbst und ihre Bücher liebt. Und ihren Instagram-Account. „Das ist netter Bullshit, der mich amüsiert!“ Aus ihrem Account ist schon vor der Ankunft in Stuttgart zu entnehmen, dass Gilberts Gepäck nicht mitgekommen ist und ihr Hotelschrank gestern leer blieb. Doch die „Tourgarderobe“, wie Gilbert sagt, ist wieder da. Schwarze Röcke, weiße Blusen. Das ist alles, denn Frau Gilbert ist Profi mit Bühnengefühl und mit der Fangemeinde eines Rockstars.

          „Ich weiß es nicht“: Julia Roberts im verfilmten Bestseller „Eat, Pray, Love“.
          „Ich weiß es nicht“: Julia Roberts im verfilmten Bestseller „Eat, Pray, Love“. : Bild: Sony Pictures

          Den Bestseller „Eat, Pray, Love“ veröffentlichte sie 2006; genau 199 Wochen rangierte er auf der Bestsellerliste der „New York Times“, verkaufte sich in Europa extrem gut, landete schon bald mit Julia Roberts und Javier Bardem in den Kinos. Der Film ist unter Cineasten-Hardlinern verhasst und wird gern als spirituelles McDonald’s verurteilt. Doch er erzählt Gilberts eigene Geschichte und davon, was ein Leben im 21.Jahrhundert von einem weißen, eigentlich gutsituierten und verheirateten Menschen – oder sagen wir: einer Frau – an Eingeständnissen fordert: Es kann sein, dass du deine Ehe aus falschen Gründen geschlossen hast, es kann sein, dass selbst zwanzig Therapeuten dir nicht helfen können, es kann sein, dass dein toller Job dich nirgends hinführt, es kann sein, dass du alles hinwerfen musst, es kann sein, dass du keine Kinder hast und nicht weißt, warum. Yoga oder Meditation werden dir helfen, aber all diese Fragen nicht für dich lösen.

          Gilbert sagt, sie habe an diese Zeit keine schlechten Erinnerungen, vielleicht auch, weil sie mittlerweile verblasst seien. „Es war eine Zeit in meinem Leben, in dem es auf viele Fragen nur eine Antwort gab: ,Ich weiß es nicht!“, sagt Gilbert, wobei diese Antwort auf all die Fragen ihr damaliges Umfeld mehr in Rage brachte als Gilbert selbst: „Die Bedeutung eines Satzes wie ,ich weiß es nicht‘ ist für die meisten Menschen eine Vollkatastrophe.“

          Karriere statt Kind

          Gilbert hatte einen Teil dieser Fragen irgendwann halbwegs geklärt. Zum Beispiel, warum sie keine Kinder hat. „Ich konnte sehen, wenn Frauen in meinem Umfeld Kinder wollten. Ich sah, wie ihre Brüste größer wurden, wenn sie ein Baby sahen. Ich hatte das nicht. Aber wenn mich eine Zeitschrift anrief und sagte, willst du nach Neuseeland fahren, diesen wahnsinnigen Jäger interviewen und darüber schreiben? Dann wurden meine Brüste größer.“ Gilbert fand auch einen passenden Ehemann, einen Brasilianer, den sie auf ihrer Irrfahrt zwischen Italien und Bali kennengelernt hatte. Und sie beschloss, ab jetzt darüber zu schreiben, was genau dann passiert, wenn es erst mal kein „persönliches Schlachtfeld gibt, über das man berichten kann“.

          Was passiert dann? Vielleicht so etwas wie „Big Magic“, ein Buch ohne Interesse am Kampf. „Ich wollte wissen, woher die Kreativität kommt. Ich habe zwölf Jahre daran gedacht, dieses Buch zu schreiben, und wollte das Ganze zuerst wissenschaftlich angehen. Doch dann merkte ich, es geht ohne Fakten. Ich erzähle von dem, was ich erlebt habe und wie mich das Schreiben von den Dämonen ablenkt, die es doch beim Schreiben zu thematisieren und auszuschlachten gäbe.“ Gilberts Fragestellung wirkt revolutionär. Was wäre, wenn man sein Leben, sein Kunstwerk und dessen Entstehung liebt, statt den Dreck der eigenen Existenz ständig für andere aufbereiten zu müssen? „Es wäre so, als ob Sie in den Spiegel schauen und sagen, ich finde mich schön, obwohl ein ganzes System Ihnen täglich das Gegenteil einreden will.“

          Entfernung vom gewöhnlichen Bewertungssystem

          Gilbert hat sich in den letzten Jahren von diesem Bewertungssystem um sie herum immer weiter entfernt. Sie erzählt, wie sie in New York zu einer weitaus zynischeren und schnippischeren Person wurde, als sie jemals war. So verurteilt Gilbert niemanden mehr, der Malklassen an der Volkshochschule besucht, und empfiehlt andererseits niemandem, seinen Job zu kündigen, um Künstler zu werden. „Selbst wenn Sie es täten und so erfolgreich wie Michael Jackson oder Mozart würden, kommt ganz sicher jemand, der noch erfolgreicher und noch größer sein wird als Sie, Mozart oder Michael Jackson. Irgendwann kommt dieser Jemand.“

          Gilbert hat in den letzten Monaten auf ihrer Buch-Tour erlebt, welche hysterischen Ausbrüche schon das Wort „Kreativität“ bei Journalisten erzeugt. „In Amsterdam traf ich diesen Hipster-Yuppie von einem schicken Magazin, der sich bei mir darüber beschwerte, dass seine Schwiegermutter in einer dieser furchtbaren Volkshochschulen ganz entsetzliche Bilder malen würde. Ich fand das unmöglich und sagte ihm, er solle seine Schwiegermutter in Ruhe lassen. Irgendein anderer Hipster am anderen Ende der Welt würde die Malerei seiner Schwiegermutter sicher sehr toll finden und diese in seinem Hipsterladen verkaufen!“

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          Das ist Gilberts Thema in „Big Magic“. Warum man sich selbst verleugnet, sich selbst bestraft, und das so lange, bis auch das Umfeld diese unechte Person für die echte hält. Und wie man davon loskommt. Aber in welcher Sprache schreibt man über so ein Thema?

          Facebook-Seite als Therapiespielwiese

          Gilbert hatte auf Facebook Markt-und Sprachforschung betrieben, und während Kollegen wie Bret Easton Ellis ähnliche Tests auf Twitter anstellten, blieb sie bei Facebook hängen. „Ich hasste es zuerst, und meine Verleger sagten mir ständig, Liz, du musst es machen.“ So entdeckte Gilbert sehr schnell, dass sich aus ihrer Facebook-Seite eine riesige Therapiespielwiese entwickelt hatte und Gilbert-Fans dort mehr auspackten, als sie das beim Psychiater tun würden. Seitdem ist Gilbert jeden Tag auf Facebook und schaut persönlich, was ihre Leserinnen umtreibt. „Ich komme jeden Morgen mit einem neuen Thema, und ich habe viel Zeit für Facebook. Mein Mann kocht, und ich habe keine Kinder.“ Einen Social-Media-Assistenten hat Gilbert nicht. „Britney Spears braucht so jemanden. Oder Barack Obama. Bei mir muss es persönlich sein.“

          Worum geht es auf der Gilbert-Facebook-Seite am Morgen? Aufgeben oder Durchhalten? Wie schaff’ ich es an den Feiertagen, meine Familie zu besuchen und nicht den Verstand zu verlieren? Die Erklärung des Wortes „unfuckwithable“, als Zustand reiner Entspannung, wenn nichts Negatives das Innere erreicht? Oder: Wie schaffe ich es, zu meditieren, obwohl ich weiß, dass ich es nicht schaffe? Gilbert antwortet wahrheitsgemäß. Sie schafft es auch nicht und nennt ihre Meditationsversuche mittlerweile nur noch „Stillsitzen“. „Ich sehe einen Erfolg, wenn ich zwanzig Minuten nicht auf mein Telefon starre und keinen Twitterkrieg anfange.“ Gilbert ist kein Guru. Sie möchte, dass jeder seine Lebensangst mit eigener Kraft zum Teufel jagt.

          Im Prinzip schreibt Gilbert also über die Lieblingskrankheit ihres Landes: Angst. Stumpfe Angst. Oder einfach Depression. Im amerikanischen Fernsehen halten sich Pizza-Werbung und Anti-Depressiva-Werbung ungefähr die Waage. „Das ist unsere Volkskrankheit Nummer eins.“ Dieser Angst zu folgen und sie zu ignorieren ist jedoch Grundlage des harten, kapitalistischen Lebens in den Vereinigten Staaten, und wer sich daran nicht hält, versagt karrieretechnisch.

          Leben mit Alkohol und Psychopharmaka

          Das wird relativ undramatisch, selbst vom Führungspersonal, zugegeben. Der Chefredakteur des Magazins „The Atlantic“, Scott Stossel, schrieb vor einem Jahr die Titelgeschichte, in der er sehr genau erklärte, wie lange Alkohol und Psychopharmaka seinen Alltag fest im Griff hatten. Niemanden kümmerte das, denn den meisten Menschen in seinem Umfeld ging es genauso. „Ich kann das nachvollziehen“, sagt Gilbert, die selbst „kein besonders selbstbewusstes“ Kind war.

          Sie wuchs auf einer Weihnachtsbaum-Farm in Litchfield, Connecticut, auf. Keine Nachbarn, kein Plattenspieler, kein Fernsehen. Gilbert hatte weder einen Künstlerbackground, noch kam sie „from money“, wie es so schön heißt. Sie war, nach amerikanischen Maßstäben, ein Niemand.

          Erst das Schreiben machte sie zu einem Jemand. Es bedurfte eines Jobs in einer New Yorker Bar namens „Coyote Ugly Saloon“, um Gilberts erstes großes Schreibthema herauszukristallisieren. Das Thema hieß Männer. Ihr „GQ“-Artikel von 1997, „The Muse of Coyote Ugly Saloon“, erzählte von Männerseelen in Bars und wurde später ein HollywoodFilm, ihr Porträt über Hank Williams III. erhielt Auszeichnungen, Gilberts Buch „The Last American Man“ wurde sogar für den „National Book Award“ nominiert. Über Männer zu schreiben zahlte sich aus. „Ich erhielt jede Menge Preise. Für ,Eat, Pray, Love‘, das erste Buch über eine Frau, keinen einzigen. Es ist mir egal. Dafür habe ich über zehn Millionen Leserinnen“, sagt Gilbert, die sich ihre neuen Glaubenssätze nach „Eat, Pray, Love“ auf den Arm hat tätowieren lassen.

          Im Inneren von Gilberts rechtem Handgelenk steht jetzt „stubborn gladness“, was man als „sture Freude“ übersetzen könnte. Das Tattoo ist sehr „gilbertlike“ in Weiß gehalten, so dass man es mit bloßem Auge kaum sieht. Mit anderen Worten: Nicht jeder soll das sehen. Denn jeder ist sein eigener Wissenschaftler.

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