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Elizabeth Gilbert im Porträt : „Bei mir muss es persönlich sein“

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Worum geht es auf der Gilbert-Facebook-Seite am Morgen? Aufgeben oder Durchhalten? Wie schaff’ ich es an den Feiertagen, meine Familie zu besuchen und nicht den Verstand zu verlieren? Die Erklärung des Wortes „unfuckwithable“, als Zustand reiner Entspannung, wenn nichts Negatives das Innere erreicht? Oder: Wie schaffe ich es, zu meditieren, obwohl ich weiß, dass ich es nicht schaffe? Gilbert antwortet wahrheitsgemäß. Sie schafft es auch nicht und nennt ihre Meditationsversuche mittlerweile nur noch „Stillsitzen“. „Ich sehe einen Erfolg, wenn ich zwanzig Minuten nicht auf mein Telefon starre und keinen Twitterkrieg anfange.“ Gilbert ist kein Guru. Sie möchte, dass jeder seine Lebensangst mit eigener Kraft zum Teufel jagt.

Im Prinzip schreibt Gilbert also über die Lieblingskrankheit ihres Landes: Angst. Stumpfe Angst. Oder einfach Depression. Im amerikanischen Fernsehen halten sich Pizza-Werbung und Anti-Depressiva-Werbung ungefähr die Waage. „Das ist unsere Volkskrankheit Nummer eins.“ Dieser Angst zu folgen und sie zu ignorieren ist jedoch Grundlage des harten, kapitalistischen Lebens in den Vereinigten Staaten, und wer sich daran nicht hält, versagt karrieretechnisch.

Leben mit Alkohol und Psychopharmaka

Das wird relativ undramatisch, selbst vom Führungspersonal, zugegeben. Der Chefredakteur des Magazins „The Atlantic“, Scott Stossel, schrieb vor einem Jahr die Titelgeschichte, in der er sehr genau erklärte, wie lange Alkohol und Psychopharmaka seinen Alltag fest im Griff hatten. Niemanden kümmerte das, denn den meisten Menschen in seinem Umfeld ging es genauso. „Ich kann das nachvollziehen“, sagt Gilbert, die selbst „kein besonders selbstbewusstes“ Kind war.

Sie wuchs auf einer Weihnachtsbaum-Farm in Litchfield, Connecticut, auf. Keine Nachbarn, kein Plattenspieler, kein Fernsehen. Gilbert hatte weder einen Künstlerbackground, noch kam sie „from money“, wie es so schön heißt. Sie war, nach amerikanischen Maßstäben, ein Niemand.

Erst das Schreiben machte sie zu einem Jemand. Es bedurfte eines Jobs in einer New Yorker Bar namens „Coyote Ugly Saloon“, um Gilberts erstes großes Schreibthema herauszukristallisieren. Das Thema hieß Männer. Ihr „GQ“-Artikel von 1997, „The Muse of Coyote Ugly Saloon“, erzählte von Männerseelen in Bars und wurde später ein HollywoodFilm, ihr Porträt über Hank Williams III. erhielt Auszeichnungen, Gilberts Buch „The Last American Man“ wurde sogar für den „National Book Award“ nominiert. Über Männer zu schreiben zahlte sich aus. „Ich erhielt jede Menge Preise. Für ,Eat, Pray, Love‘, das erste Buch über eine Frau, keinen einzigen. Es ist mir egal. Dafür habe ich über zehn Millionen Leserinnen“, sagt Gilbert, die sich ihre neuen Glaubenssätze nach „Eat, Pray, Love“ auf den Arm hat tätowieren lassen.

Im Inneren von Gilberts rechtem Handgelenk steht jetzt „stubborn gladness“, was man als „sture Freude“ übersetzen könnte. Das Tattoo ist sehr „gilbertlike“ in Weiß gehalten, so dass man es mit bloßem Auge kaum sieht. Mit anderen Worten: Nicht jeder soll das sehen. Denn jeder ist sein eigener Wissenschaftler.

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