https://www.faz.net/-gum-8b03c

Elizabeth Gilbert im Porträt : „Bei mir muss es persönlich sein“

  • -Aktualisiert am

Karriere statt Kind

Gilbert hatte einen Teil dieser Fragen irgendwann halbwegs geklärt. Zum Beispiel, warum sie keine Kinder hat. „Ich konnte sehen, wenn Frauen in meinem Umfeld Kinder wollten. Ich sah, wie ihre Brüste größer wurden, wenn sie ein Baby sahen. Ich hatte das nicht. Aber wenn mich eine Zeitschrift anrief und sagte, willst du nach Neuseeland fahren, diesen wahnsinnigen Jäger interviewen und darüber schreiben? Dann wurden meine Brüste größer.“ Gilbert fand auch einen passenden Ehemann, einen Brasilianer, den sie auf ihrer Irrfahrt zwischen Italien und Bali kennengelernt hatte. Und sie beschloss, ab jetzt darüber zu schreiben, was genau dann passiert, wenn es erst mal kein „persönliches Schlachtfeld gibt, über das man berichten kann“.

Was passiert dann? Vielleicht so etwas wie „Big Magic“, ein Buch ohne Interesse am Kampf. „Ich wollte wissen, woher die Kreativität kommt. Ich habe zwölf Jahre daran gedacht, dieses Buch zu schreiben, und wollte das Ganze zuerst wissenschaftlich angehen. Doch dann merkte ich, es geht ohne Fakten. Ich erzähle von dem, was ich erlebt habe und wie mich das Schreiben von den Dämonen ablenkt, die es doch beim Schreiben zu thematisieren und auszuschlachten gäbe.“ Gilberts Fragestellung wirkt revolutionär. Was wäre, wenn man sein Leben, sein Kunstwerk und dessen Entstehung liebt, statt den Dreck der eigenen Existenz ständig für andere aufbereiten zu müssen? „Es wäre so, als ob Sie in den Spiegel schauen und sagen, ich finde mich schön, obwohl ein ganzes System Ihnen täglich das Gegenteil einreden will.“

Entfernung vom gewöhnlichen Bewertungssystem

Gilbert hat sich in den letzten Jahren von diesem Bewertungssystem um sie herum immer weiter entfernt. Sie erzählt, wie sie in New York zu einer weitaus zynischeren und schnippischeren Person wurde, als sie jemals war. So verurteilt Gilbert niemanden mehr, der Malklassen an der Volkshochschule besucht, und empfiehlt andererseits niemandem, seinen Job zu kündigen, um Künstler zu werden. „Selbst wenn Sie es täten und so erfolgreich wie Michael Jackson oder Mozart würden, kommt ganz sicher jemand, der noch erfolgreicher und noch größer sein wird als Sie, Mozart oder Michael Jackson. Irgendwann kommt dieser Jemand.“

Gilbert hat in den letzten Monaten auf ihrer Buch-Tour erlebt, welche hysterischen Ausbrüche schon das Wort „Kreativität“ bei Journalisten erzeugt. „In Amsterdam traf ich diesen Hipster-Yuppie von einem schicken Magazin, der sich bei mir darüber beschwerte, dass seine Schwiegermutter in einer dieser furchtbaren Volkshochschulen ganz entsetzliche Bilder malen würde. Ich fand das unmöglich und sagte ihm, er solle seine Schwiegermutter in Ruhe lassen. Irgendein anderer Hipster am anderen Ende der Welt würde die Malerei seiner Schwiegermutter sicher sehr toll finden und diese in seinem Hipsterladen verkaufen!“

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Das ist Gilberts Thema in „Big Magic“. Warum man sich selbst verleugnet, sich selbst bestraft, und das so lange, bis auch das Umfeld diese unechte Person für die echte hält. Und wie man davon loskommt. Aber in welcher Sprache schreibt man über so ein Thema?

Facebook-Seite als Therapiespielwiese

Gilbert hatte auf Facebook Markt-und Sprachforschung betrieben, und während Kollegen wie Bret Easton Ellis ähnliche Tests auf Twitter anstellten, blieb sie bei Facebook hängen. „Ich hasste es zuerst, und meine Verleger sagten mir ständig, Liz, du musst es machen.“ So entdeckte Gilbert sehr schnell, dass sich aus ihrer Facebook-Seite eine riesige Therapiespielwiese entwickelt hatte und Gilbert-Fans dort mehr auspackten, als sie das beim Psychiater tun würden. Seitdem ist Gilbert jeden Tag auf Facebook und schaut persönlich, was ihre Leserinnen umtreibt. „Ich komme jeden Morgen mit einem neuen Thema, und ich habe viel Zeit für Facebook. Mein Mann kocht, und ich habe keine Kinder.“ Einen Social-Media-Assistenten hat Gilbert nicht. „Britney Spears braucht so jemanden. Oder Barack Obama. Bei mir muss es persönlich sein.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.
Annalena Baerbock am Montag im ZDF

Annalena Baerbock : Masterstudium ohne Bachelorabschluss

Sie wird als Völkerrechtlerin bezeichnet, ist aber keine Volljuristin. Einen Bachelorabschluss hat Annalena Baerbock nicht, aber Vordiplom und Master. Dennoch: Alles ging mit rechten Dingen zu.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.