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Einsturz des Kölner Stadtarchivs : „Eine Walze ist über uns gerollt“

Fünf Jahre danach: Die Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs Bild: dpa

Als vor fünf Jahren das Kölner Stadtarchiv einstürzte, konnte sich Alfred Kotthoff in letzter Sekunde retten. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

          7 Min.

          „Als ob riesige Brocken Putz von den Wänden auf den Boden krachen, so hat sich das angehört“, sagt Alfred Kotthoff. „Ein Donnern, das immer stärker, immer lauter wurde.“ Der Rentner, damals 70 Jahre alt, hatte sich gerade kurz zu Mittag hingelegt. Er schreckte hoch, fand im Treppenhaus keine Veränderungen, auch nicht auf der Terrasse, von der aus er die hintere Hausfassade anschaute. Doch als er ins Wohnzimmer lief und das Fenster zur Severinstraße aufriss, sah er, wie mehrere der dicken Platten, die als Fahrbahn auf der Baugrube gelegen hatten, 30 Meter in die Tiefe stürzten: „Da war mir klar, dass in den nächsten Sekunden etwas ganz Furchtbares passieren wird. Ich nahm keine Geräusche mehr wahr, der Gedanke ‚Nichts wie raus hier’ trieb mich auf die Terrasse.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Alfred Kotthoff ist mit dem Leben davon gekommen. Während neben ihm das Kölner Stadtarchiv in die Tiefe gerissen wurde und in dem Nachbarhaus, Severinstraße 230, in dessen zweitem Stock er mit seiner Lebensgefährtin eine Vier-Zimmer-Wohnung bewohnte, zwei junge Männer, der 17 Jahre alte Kevin und der sechs Jahre ältere Khalil, unter den Trümmern begraben wurden, konnte er sich im letzten Moment in Sicherheit bringen. Über das Geländer der Terrasse kletterte er auf das Flachdach des Anbaus. „Auf der hintersten Ecke hab’ ich mich so klein wie möglich gemacht, mir aus Angst vor Asbeststaub Mund und Nase zugehalten und dem einstürzenden Gebäude den Rücken zugekehrt. Ich war wie paralysiert. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, ich konnte in der riesigen Staubwolke nicht erkennen, ob mich die Brocken treffen. In meiner Todesangst beschäftigte mich nur, ob ich vom Dach herunterspringen muss oder mir jemand zu Hilfe kommt.“

          Vielleicht zehn Minuten saß er da. Im Hof des von der Georgstraße angrenzenden Hauses erschien ein Feuerwehrmann: „,Holen Sie mich runter?’, hab ich gerufen. ,Ich kumm glich’, rief er auf Kölsch – und ward nicht mehr gesehen.“ Es dauerte noch mal zehn Minuten, bis Kotthoff gerettet wurde: „Ein Mann drei Häuser weiter sah mich von seinem Balkon aus und ist dann mit zwei jungen Türken gekommen, die haben mir runter geholfen.“

          Ein einsamer Zeuge des verlorenen Hausstandes

          Fast scheint es, als hätte Kotthoff etwas geahnt an jenem Dienstag, dem 3. März 2009. Seit dem Mittag hatte er sich unwohl gefühlt und um 13.40 Uhr die Massage, für die er um 14 Uhr bestellt war, abgesagt. Ein richtiges Gefühl und eine falsche Entscheidung, denn wäre er damals, statt sich hinzulegen, spazieren gegangen, hätte er zwar auch alles, was er nicht am Körper trug, verloren, doch die Traumatisierung wäre weniger schlimm gewesen. Glimpflich ist auch seine Lebensgefährtin nicht davon gekommen, die zur gleichen Zeit vom Berufskolleg an der Lindenstraße, wo sie Deutsch und katholische Religion unterrichtet, nach Hause radelte. „Es war eine große Unruhe in der Stadt, überall Blaulicht und Sirenen“, erinnert sie sich, doch erst als sie sich über Umwege an den Georgsplatz vorgearbeitet hatte, hörte sie, was passiert war: „Ich hab die Nachbarn gesehen, die auf der Straße standen. Juliane, die Mitarbeiterin von St. Georg, hat mich umarmt. Das war ein Festhalten, wie um mich aufzufangen vor dem Zusammenbrechen. Mein Mann hat sich wie ein Stück Holz angefühlt, der war ganz steif, kreidebleich und zu keiner Regung fähig.“

          Die Sache will nicht aus ihm heraus: Alfred Kotthoff mit der aus den Trümmern geretteten Büste seines Großvaters Clemens
          Die Sache will nicht aus ihm heraus: Alfred Kotthoff mit der aus den Trümmern geretteten Büste seines Großvaters Clemens : Bild: Helmut Fricke

          „Unglaube, Hoffnung, dass man die Wohnung in ein paar Stunden wieder betreten kann, Verzweiflung, ungeheures Verlustgefühl, Verlassenheit, Hilflosigkeit, eine Walze ist über uns gerollt“, hat die Lehrerin zum 3. März 2009 in ihrem Tagebuch notiert: „Fast schlaflose Nacht im kalten Pfarrhaus!“ Von Angst, Unsicherheit, Hetze berichten ihre Einträge. Den Verlust der Wohnung, die mehr als 20 Jahre ihr Zuhause war, empfand sie als Stress, als eine einzige Strapaze. „Wir brauchen Ruhe und können nicht ständig die schreckliche Geschichte erzählen“, schreibt sie, aber auch, schon am 6. März, mit Blick auf die Archivalien: „Schade, dass wir keine Urkunde sind.“

          Seit diesem 3. März 2009 ist nichts mehr, wie es war. Köln hat an dem Tag sein Gedächtnis verloren und das Paar fast alles, was es besaß. Die Wohnung in Bayenthal, in die sie im August 2009 eingezogen sind, spiegelt es wider. Alles ist neu hier, Möbel, Bilder, Vorhänge, Teppiche, Fernsehapparat, Geschirr. Nur die Bronzebüste von Alfred Kotthoffs Großvater, einem stadtbekannten Konditor, wurde in den Trümmern wiedergefunden und steht als einsamer Zeuge des verlorenen Hausstandes im Wohnzimmer. Doch mit diesem Tag hat für die beiden kein neues Leben begonnen. Bis heute wirft das alles einen dunklen Schatten. Die seelische Belastung ist das eine: Schmerzen, Angstgefühle, Krankheiten durch ein geschwächtes Immunsystem, das die Infektanfälligkeit erhöhte. Das andere sind die Auseinandersetzungen mit den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB): „Für die erste Soforthilfe mussten wir vier Stunden anstehen“, erinnert sich Kotthoff.

          1000 Euro pro Quadratmeter Entschädigung

          Wohin? Das war gleich am Abend des Unglücks die Frage. Die erste Nacht verbrachten sie im Pfarramt von St. Georg um die Ecke: „Pfarrer Dr. Reuther hat mir alles gegeben, Strümpfe, Schuhe, Zahnbürste, Schlafanzug. Doch es gab kein Licht, kein warmes Wasser, keine Heizung, alles war abgestellt“, erzählt Kotthoff. Am nächsten Tag wurden sie im Hotel Severinshof einquartiert, 100 Meter südlich des Stadtarchivs, das Zimmer ging auf die Straße: „Die Unglücksstelle war nächtelang taghell beleuchtet, wir waren ständig mit der Ruine unseres Wohnzimmers konfrontiert, es war unerträglich.“ Nach einer Woche konnten sie ins Hotel Maritim umziehen, wo sie fast fünf Monate wohnten: „Das Zimmer ist zum Wohlfühlen, aber kein Zuhause“, notiert Kotthoffs Lebensgefährtin. Eine einzige Wohnung hat ihnen die Stadt angeboten, vier Zimmer, doch nur 75 Quadratmeter und ohne Balkon. Viele Anzeigen haben sie aufgegeben und mehrere Makler beauftragt, ehe sie eine neue Bleibe fanden: „Hier haben wir 30 Quadratmeter weniger und zahlen 400 Euro mehr.“

          Die ersten Wege führten zum Arzt und zum Anwalt, neue Ausweise mussten beantragt, Konten geklärt, Daueraufträge storniert, Anwohnerversammlungen besucht, Kleider gekauft werden. „Zwei Wochen sind wir in den gleichen Sachen rumgelaufen.“ Um von ihrem Vermieter die Kaution zurückzubekommen, mussten sie vor Gericht ziehen: „Das Mietverhältnis hat sich nicht geändert“, hatte der Verwalter wissen lassen. Nur zwei Wochen nach dem Unglück teilte die KVB Kotthoffs Anwalt mit, dass sie „die bei dem Unglück am Waidmarkt entstandenen Schäden in einer angemessenen und großzügigen Weise ersetzen wird, ohne dass eine Diskussion über den Rechtsgrund etwaiger Ansprüche vertieft werden soll“. Doch es kam anders.

          Tatsächlich haben Alfred Kotthoff und seine Lebensgefährtin im Juni 2009, vier Monate nach dem Unglück, eine Entschädigung über 1000 Euro pro Quadratmeter erhalten, 118.250 Euro insgesamt. Das waren 200 Euro mehr als bei einer Hausratversicherung üblich, die 800 Euro pro Quadratmeter zugrunde legt. Doch sie hatten auch wertvolle Erbstücke verloren, darunter ein Gemälde des Genueser Altmeisters Alessandro Magnasco, das Kotthoffs Mutter zur Hochzeit erhalten hatte, Nymphenburger und Meißner Porzellan, Champagnergläser, Silberbesteck, Schmuck, Chippendale-Möbel und ein Sofa der Bielefelder Werkstätten, Teppiche, Murano-Glas und antiquarische Bücher, wofür sie eine Entschädigung erwarteten. Anderes ließ sich nicht ersetzen: die von der Mutter geerbte Madonna aus Holz, die Bibel des Großvaters, Souvenirs einer Japan-Reise, Familienfotos, Briefe.

          Nur der gebrauchte Wert wurde ersetzt

          In wochenlanger Kleinarbeit fertigten Alfred Kotthoff und seine Partnerin auf Rat ihres Anwalts Inventarlisten an, in die sie alles, was sie verloren hatten, aufnahmen. Die Preise und Werte recherchierten sie im Internet und in Fachgeschäften, bei Verwandten und Freunden: Gegenstand, Anzahl, Alter, Anschaffungspreis, Zustand, Wiederbeschaffungspreis, Zeugen. 1468 Positionen.

          Doch die KVB bestritt die Ansprüche. Also reichte Kotthoff im Juli 2009 Klage ein. Eineinhalb Jahre musste er auf den Prozess warten. Für die Zeugenbefragung wurden zwischen März und Oktober 2011 drei Termine angesetzt, die erste Beweisaufnahme dauerte fünf Stunden. Die Gegenseite wollte von einem „angemessenen und großzügigen“ Schadenersatz nichts mehr wissen: „Da die Beklagte die Bauarbeiten zur Errichtung der Nord-Süd-Stadtbahn nicht selbst durchgeführt hat und es sich bei den von ihr mit der Bauausführung beauftragten Bauunternehmungen auch nicht um Verrichtungsgehilfen gehandelt hat, haftet sie für die angeblichen Schäden des Klägers auch nicht deliktisch“, heißt es in dem Antrag der KVB-Anwälte, die Klage abzuweisen. Dass Kotthoff „zum Zeitpunkt des Schadenfalls in der Wohnung war“, wird in dem Schreiben „vorsorglich bestritten“.

          Den ersten Vorschlag des Gerichts, sich mit 250.000 Euro zu vergleichen, lehnte die KVB ab und bot 100.000 Euro an; das Urteil, das am 31. Januar 2014 rechtskräftig wurde, umfasst 28 Seiten und spricht dem Kläger 157.495,79 Euro nebst Zinsen zu. Eine Regelung „neu für alt“ wurde nicht angewendet, nur der gebrauchte Wert ersetzt: Der Weinkühlschrank, 1000 Euro, der Kotthoff im September 2008 zum 70. Geburtstag geschenkt worden war, wurde mit 500 Euro entschädigt, das Magnasco-Bild, vom Gutachter auf 65.000 Euro geschätzt, weil angeblich die Echtheit nicht bewiesen werde konnte, mit 3000 Euro; bei Kleidungsstücken wurden Internet-Schnäppchen zum Vergleich herangezogen. „Ich bin 1977 von Polen nach Deutschland übergesiedelt. Damals musste ich neu anfangen“, sagt Kotthoffs Lebensgefährtin: „Jetzt muss ich es wieder.“

          „Inzwischen überwiegt die Wut“

          Das Mitgefühl und die Versprechungen nahmen schneller ab, als den Betroffenen gutgetan hätte. Der jahrelange Streit um Entschädigung kostete die beiden Kraft und Nerven und stellte ihre Beziehung auf die Probe. Auch der Freundeskreis hat sich verändert: „Da gab es regelrechte Neider, die haben so getan, als hätten wir im Lotto gewonnen. Andere haben uns zum Essen eingeladen, für uns gesammelt, uns Kleider geschenkt, und manche haben sogar die Geduld gehabt, uns zuzuhören, das war vielleicht am wichtigsten“, erzählt Kotthoff.

          Regelmäßig sind die beiden in den vergangenen fünf Jahren an der Unglücksstelle vorbeigekommen, denn sie gehen weiter in St. Georg zum Gottesdienst. „Da überkommt mich immer eine Mischung aus Trauer und Wut“, sagt Kotthoff. „Inzwischen überwiegt die Wut, weil die Stadt immer noch nichts getan hat, um hier der Opfer zu gedenken.“ Mit der Wohnung hat das Paar auch seinen Platz im Karneval verloren: „Der Rosenmontagszug zog ja direkt am Haus vorbei, da kamen jedes Jahr 30, 40 Bekannte zum Feiern, und wir haben mehrere Fass Kölsch besorgt.“ Seitdem hat die Lust am jecken Treiben nachgelassen. In diesem Jahr verbringt das Paar das Wochenende lieber in Prag.

          Alfred Kotthoffs Gesundheit ist angeschlagen. Sein Blutdruck sei „besorgniserregend“, sagt er, merklich höher als vor dem Unglück. Seitdem habe er keine Nacht mehr durchgeschlafen. Bei beiden wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Von einer Klage auf Schmerzensgeld nahmen sie Abstand: „Das würde ein neues Verfahren bedeuten und womöglich noch mal drei Jahre dauern.“ Kotthoff fällt es schwer zu erzählen, was ihm zugestoßen ist. „Ich merke, mit welcher Traurigkeit mich das immer noch erfüllt – und wundere mich, dass meine Emotionen nicht steuerbar sind.“ Ein Satz seines Psychotherapeuten beschäftigt ihn: „Keine Bewältigung der Vergangenheit ohne Entschädigung.“ Die Sache will nicht aus ihm heraus, die Geschichte lässt ihn nicht los. Dabei würde er nichts lieber tun, als sich wieder in das Leben einrichten, wie es früher war.

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