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Einsturz des Kölner Stadtarchivs : „Eine Walze ist über uns gerollt“

Doch die KVB bestritt die Ansprüche. Also reichte Kotthoff im Juli 2009 Klage ein. Eineinhalb Jahre musste er auf den Prozess warten. Für die Zeugenbefragung wurden zwischen März und Oktober 2011 drei Termine angesetzt, die erste Beweisaufnahme dauerte fünf Stunden. Die Gegenseite wollte von einem „angemessenen und großzügigen“ Schadenersatz nichts mehr wissen: „Da die Beklagte die Bauarbeiten zur Errichtung der Nord-Süd-Stadtbahn nicht selbst durchgeführt hat und es sich bei den von ihr mit der Bauausführung beauftragten Bauunternehmungen auch nicht um Verrichtungsgehilfen gehandelt hat, haftet sie für die angeblichen Schäden des Klägers auch nicht deliktisch“, heißt es in dem Antrag der KVB-Anwälte, die Klage abzuweisen. Dass Kotthoff „zum Zeitpunkt des Schadenfalls in der Wohnung war“, wird in dem Schreiben „vorsorglich bestritten“.

Den ersten Vorschlag des Gerichts, sich mit 250.000 Euro zu vergleichen, lehnte die KVB ab und bot 100.000 Euro an; das Urteil, das am 31. Januar 2014 rechtskräftig wurde, umfasst 28 Seiten und spricht dem Kläger 157.495,79 Euro nebst Zinsen zu. Eine Regelung „neu für alt“ wurde nicht angewendet, nur der gebrauchte Wert ersetzt: Der Weinkühlschrank, 1000 Euro, der Kotthoff im September 2008 zum 70. Geburtstag geschenkt worden war, wurde mit 500 Euro entschädigt, das Magnasco-Bild, vom Gutachter auf 65.000 Euro geschätzt, weil angeblich die Echtheit nicht bewiesen werde konnte, mit 3000 Euro; bei Kleidungsstücken wurden Internet-Schnäppchen zum Vergleich herangezogen. „Ich bin 1977 von Polen nach Deutschland übergesiedelt. Damals musste ich neu anfangen“, sagt Kotthoffs Lebensgefährtin: „Jetzt muss ich es wieder.“

„Inzwischen überwiegt die Wut“

Das Mitgefühl und die Versprechungen nahmen schneller ab, als den Betroffenen gutgetan hätte. Der jahrelange Streit um Entschädigung kostete die beiden Kraft und Nerven und stellte ihre Beziehung auf die Probe. Auch der Freundeskreis hat sich verändert: „Da gab es regelrechte Neider, die haben so getan, als hätten wir im Lotto gewonnen. Andere haben uns zum Essen eingeladen, für uns gesammelt, uns Kleider geschenkt, und manche haben sogar die Geduld gehabt, uns zuzuhören, das war vielleicht am wichtigsten“, erzählt Kotthoff.

Regelmäßig sind die beiden in den vergangenen fünf Jahren an der Unglücksstelle vorbeigekommen, denn sie gehen weiter in St. Georg zum Gottesdienst. „Da überkommt mich immer eine Mischung aus Trauer und Wut“, sagt Kotthoff. „Inzwischen überwiegt die Wut, weil die Stadt immer noch nichts getan hat, um hier der Opfer zu gedenken.“ Mit der Wohnung hat das Paar auch seinen Platz im Karneval verloren: „Der Rosenmontagszug zog ja direkt am Haus vorbei, da kamen jedes Jahr 30, 40 Bekannte zum Feiern, und wir haben mehrere Fass Kölsch besorgt.“ Seitdem hat die Lust am jecken Treiben nachgelassen. In diesem Jahr verbringt das Paar das Wochenende lieber in Prag.

Alfred Kotthoffs Gesundheit ist angeschlagen. Sein Blutdruck sei „besorgniserregend“, sagt er, merklich höher als vor dem Unglück. Seitdem habe er keine Nacht mehr durchgeschlafen. Bei beiden wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Von einer Klage auf Schmerzensgeld nahmen sie Abstand: „Das würde ein neues Verfahren bedeuten und womöglich noch mal drei Jahre dauern.“ Kotthoff fällt es schwer zu erzählen, was ihm zugestoßen ist. „Ich merke, mit welcher Traurigkeit mich das immer noch erfüllt – und wundere mich, dass meine Emotionen nicht steuerbar sind.“ Ein Satz seines Psychotherapeuten beschäftigt ihn: „Keine Bewältigung der Vergangenheit ohne Entschädigung.“ Die Sache will nicht aus ihm heraus, die Geschichte lässt ihn nicht los. Dabei würde er nichts lieber tun, als sich wieder in das Leben einrichten, wie es früher war.

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