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Einsturz des Kölner Stadtarchivs : „Eine Walze ist über uns gerollt“

Seit diesem 3. März 2009 ist nichts mehr, wie es war. Köln hat an dem Tag sein Gedächtnis verloren und das Paar fast alles, was es besaß. Die Wohnung in Bayenthal, in die sie im August 2009 eingezogen sind, spiegelt es wider. Alles ist neu hier, Möbel, Bilder, Vorhänge, Teppiche, Fernsehapparat, Geschirr. Nur die Bronzebüste von Alfred Kotthoffs Großvater, einem stadtbekannten Konditor, wurde in den Trümmern wiedergefunden und steht als einsamer Zeuge des verlorenen Hausstandes im Wohnzimmer. Doch mit diesem Tag hat für die beiden kein neues Leben begonnen. Bis heute wirft das alles einen dunklen Schatten. Die seelische Belastung ist das eine: Schmerzen, Angstgefühle, Krankheiten durch ein geschwächtes Immunsystem, das die Infektanfälligkeit erhöhte. Das andere sind die Auseinandersetzungen mit den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB): „Für die erste Soforthilfe mussten wir vier Stunden anstehen“, erinnert sich Kotthoff.

1000 Euro pro Quadratmeter Entschädigung

Wohin? Das war gleich am Abend des Unglücks die Frage. Die erste Nacht verbrachten sie im Pfarramt von St. Georg um die Ecke: „Pfarrer Dr. Reuther hat mir alles gegeben, Strümpfe, Schuhe, Zahnbürste, Schlafanzug. Doch es gab kein Licht, kein warmes Wasser, keine Heizung, alles war abgestellt“, erzählt Kotthoff. Am nächsten Tag wurden sie im Hotel Severinshof einquartiert, 100 Meter südlich des Stadtarchivs, das Zimmer ging auf die Straße: „Die Unglücksstelle war nächtelang taghell beleuchtet, wir waren ständig mit der Ruine unseres Wohnzimmers konfrontiert, es war unerträglich.“ Nach einer Woche konnten sie ins Hotel Maritim umziehen, wo sie fast fünf Monate wohnten: „Das Zimmer ist zum Wohlfühlen, aber kein Zuhause“, notiert Kotthoffs Lebensgefährtin. Eine einzige Wohnung hat ihnen die Stadt angeboten, vier Zimmer, doch nur 75 Quadratmeter und ohne Balkon. Viele Anzeigen haben sie aufgegeben und mehrere Makler beauftragt, ehe sie eine neue Bleibe fanden: „Hier haben wir 30 Quadratmeter weniger und zahlen 400 Euro mehr.“

Die ersten Wege führten zum Arzt und zum Anwalt, neue Ausweise mussten beantragt, Konten geklärt, Daueraufträge storniert, Anwohnerversammlungen besucht, Kleider gekauft werden. „Zwei Wochen sind wir in den gleichen Sachen rumgelaufen.“ Um von ihrem Vermieter die Kaution zurückzubekommen, mussten sie vor Gericht ziehen: „Das Mietverhältnis hat sich nicht geändert“, hatte der Verwalter wissen lassen. Nur zwei Wochen nach dem Unglück teilte die KVB Kotthoffs Anwalt mit, dass sie „die bei dem Unglück am Waidmarkt entstandenen Schäden in einer angemessenen und großzügigen Weise ersetzen wird, ohne dass eine Diskussion über den Rechtsgrund etwaiger Ansprüche vertieft werden soll“. Doch es kam anders.

Tatsächlich haben Alfred Kotthoff und seine Lebensgefährtin im Juni 2009, vier Monate nach dem Unglück, eine Entschädigung über 1000 Euro pro Quadratmeter erhalten, 118.250 Euro insgesamt. Das waren 200 Euro mehr als bei einer Hausratversicherung üblich, die 800 Euro pro Quadratmeter zugrunde legt. Doch sie hatten auch wertvolle Erbstücke verloren, darunter ein Gemälde des Genueser Altmeisters Alessandro Magnasco, das Kotthoffs Mutter zur Hochzeit erhalten hatte, Nymphenburger und Meißner Porzellan, Champagnergläser, Silberbesteck, Schmuck, Chippendale-Möbel und ein Sofa der Bielefelder Werkstätten, Teppiche, Murano-Glas und antiquarische Bücher, wofür sie eine Entschädigung erwarteten. Anderes ließ sich nicht ersetzen: die von der Mutter geerbte Madonna aus Holz, die Bibel des Großvaters, Souvenirs einer Japan-Reise, Familienfotos, Briefe.

Nur der gebrauchte Wert wurde ersetzt

In wochenlanger Kleinarbeit fertigten Alfred Kotthoff und seine Partnerin auf Rat ihres Anwalts Inventarlisten an, in die sie alles, was sie verloren hatten, aufnahmen. Die Preise und Werte recherchierten sie im Internet und in Fachgeschäften, bei Verwandten und Freunden: Gegenstand, Anzahl, Alter, Anschaffungspreis, Zustand, Wiederbeschaffungspreis, Zeugen. 1468 Positionen.

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