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Einsiedler von Kobern-Gondorf : Sie nannten ihn „Waldmensch“

18 Monate im Wald, nun im Gefängnis: Joseph Paccione Bild: SWR

Joseph Paccione kam aus der New Yorker Bronx ins Provinznest Kobern-Gondorf. Tourist war er nicht lange, er musste sich sein Geld als Salatwäscher verdienen. Danach folgte die Arbeitslosigkeit. Bevor er in der Untersuchungshaft landete, lebte er 18 Monate als Einsiedler im Wald. Rainer Schulze hat ihn im Gefängnis besucht.

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          Seine Augen sind die Farbe des Waldes gewohnt, seine Nase den Geruch feuchter Erde, sein Ohr den rauschenden Bellbach, der sich in kleinen Kaskaden den Weg zur Mosel bahnt. „Ich habe gelernt, die Natur zu lieben“, sagt Joseph Paccione, und Wehmut liegt in seiner Stimme. Achtzehn Monate lang hat er in der Freiheit des deutschen Waldes gelebt. Seit sieben Wochen sitzt er nun in einer Zelle, die wenige Quadratmeter misst. Das Besuchszimmer ist das größte der Justizvollzugsanstalt Koblenz, und doch wirkt es eng.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Joseph Paccione ist kein Waldschrat. Kein Saddam-Bart, keine schwarzen Ränder unter den Fingernägeln. Die Haut ist leicht gerötet wie nach einer frischen Rasur. Ein paar Stoppeln über der Oberlippe hat er übersehen. „Ich bin kein Neandertaler, kein Rübezahl“, sagt er vergnügt - und wirkt in seiner roten Jogginghose und dem türkisfarbenen T-Shirt nicht wie ein Kauz. „Eigentlich bin ich ein netter Kerl.“

          Zwischen Konservendosen und Erdnussbutter

          Joseph Paccione kämpft um seine Biographie. Die Deutungshoheit über sein Leben haben längst andere beansprucht. Wer sich in Kobern-Gondorf umhört, bekommt mehrere Versionen der Geschichte des Einsiedlers zu hören. In dem verschlafenen Weindorf kurz hinter Koblenz, in dem Metzgerei und Reinigung noch eine Mittagspause machen, war Joseph Paccione eine Art lebendes Phantom. Kobern-Gondorf ist ein Dorf, von dem es heißen könnte, dass in ihm soundsoviel „Seelen“ leben. Hier sind es 3286. Und auch das stimmt: Hier kennt tatsächlich jeder jeden. Einer wie Joseph Paccione, der mit amerikanischem Akzent Brötchen beim Bäcker bestellt, im Norma Wasser kauft und nahezu täglich in Richtung Belltal davonradelt, bleibt nicht unentdeckt.

          Seit Jahren keinen Rasenmäher gesehen: Das verlassene Haus
          Seit Jahren keinen Rasenmäher gesehen: Das verlassene Haus : Bild: dpa

          Im Frühling ist das Belltal ein kleines Biotop. Keine drei Kilometer nach dem Ortsschild, auf dem Kobern-Gondorf rot ausgestrichen ist, passieren im Frühjahr Hunderte Radfahrer, die dem Lauf der Mosel folgen, den Talausgang. Wenn sie links abbiegen und 300 Meter bergan radeln, finden sie drei Häuser, eins verfallener als das andere. Es ist schön hier, wild und verwunschen. Ein Essigbaum reckt seine Blüten in den Himmel, die Sonne leuchtet warm auf eine Wiese, die seit Jahren keinen Rasenmäher mehr gesehen hat. Hier also hat er gewohnt. Zwischen Konservendosen und einem Erdnussbutterglas.

          Aus der Bronx nach Koblenz

          Im oberen Stockwerk einer verfallenen Ruine hat es sich Joseph Paccione nicht gerade gemütlich gemacht. Oder die Polizei hat ganze Arbeit geleistet, als sie seine Bleibe durchwühlte. Eine Isomatte liegt herum, ein Dosenöffner, ein blaues Taschenmesser: Campingutensilien. Es gab Nudeln mit Fleischklößchen, Hühner-Reistopf und Orangen. Das Verfallsdatum auf den Joghurtbechern datiert vom 10. April. Duschgel, Rasierschaum, eine Zahnbürste. Er soll stets gepflegt gewesen sein.

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