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Nach dem Tod des Partners : Die Einsamen erkennt man nicht

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Sie möchte nicht mehr hart sein müssen, Härte kannte sie früher an sich nicht: Britta in der Küche ihrer Berliner Wohnung. Bild: Andreas Pein

Seit Peters Tod ist ihr die Wohnung zu groß, und die Tage sind es auch. Sie geht raus, damit die Zeit vergeht. Doch Britta gibt nicht auf.

          Britta fühlt sich noch nicht alt, sie fühlt sich voller Energie. Bloß wohin damit, sagt sie. Zum Reden hätte sie ihre Freundin, wenn es ihr denn nur ums Reden ginge. Das andere Geschlecht, sagt sie, fehlt mir. Ein Mann, der bei ihr die Energie freisetzt, die sie in sich verspürt. Mit so einem zusammen wären ihr die Einsamkeit zu bezwingen und die Angst, die von der Einsamkeit kommt. Achtundvierzig Jahre lang lebt sie jetzt in ein und derselben Wohnung im Berliner Stadtteil Moabit. Sie hatte sie gemeinsam mit Peter bezogen, ihrem vor fünf Jahren verstorbenen Ehemann.

          Auf den beiden Bildern, die sie von ihm zeigt, steckt ihm jedes Mal eine Zigarette im Mundwinkel. Am Rauchen ist er mir zugrunde gegangen, sagt Britta. Mit vierzig einen Herzinfarkt, mit fünfundfünfzig arbeitsunfähig und ständig zu Hause von da an. Die Ehe hindurch hat er jeden Abend für uns gekocht, sagt sie. Ihre Jugendliebe, ihr einziger Mann bisher. Achtzehn ist sie gewesen, er einundzwanzig, als sie am 6. 6. 66 geheiratet haben. Im selben Jahr kam die ältere Tochter zur Welt, die jüngere im darauffolgenden.

          Freunde, die man nicht mehr zurückholen kann

          Aus Wannsee im Südwesten Berlins stammt Britta, Peter kam ebenfalls von dorther. Beide lernten sie Einzelhandelsverkäufer. Nachdem Britta bei Hertie in Neukölln angefangen hatte, ist sie bald Hausfrau geworden. Sie hatte eine chronische Nervenschwäche in den Fingern, darum vor allem. Ende der Achtziger zogen die beiden Töchter aus. Von da an waren Britta und Peter allein miteinander. Als er Frührentner geworden ist, sagt sie, und als ich ihn später gepflegt habe, sind wir noch näher aneinandergerückt, als wir es vorher schon gewesen waren. Alle unsere gemeinsamen Freunde kamen uns so abhanden. Freunde, die ich mir nun nicht mehr zurückholen kann.

          Nach seiner Beisetzung hat sie sich das Doppelbett aus der Wohnung schaffen lassen. Sie schläft auf einer schmalen Liege im Wohnzimmer, der Fernseher steht in der Anbauwand gegenüber. So wie es das Doppelbett war, so ist Britta auch die Wohnung ohne Peter viel zu groß, siebzig Quadratmeter an Fläche, die hohen Räume, die sie sich beide über die Jahre hinweg gemeinsam eingerichtet hatten. Sie wünschte, sie könnte umziehen, aber wohin, und was sie der Umzug alles an Geld kosten würde, das sie nicht hat. Das erste Jahr nach seinem Tod hat sie nur geweint. Auf dem Friedhof an der Seestraße ist er bestattet. Britta sagt, dass sie nicht in der Lage dazu ist, hinzugehen. Mindestens einmal alle Vierteljahre aber muss sie hin, um bei der Urne nach dem Rechten zu sehen.

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          Man kann das nicht erzählen, sagt sie. Der Drang danach, sich von der Brücke in der Seestraße hinunterzustürzen. Der Gedanke daran, die ganzen Schlaftabletten auf einmal zu schlucken, die ihre Ärztin ihr verschrieben hatte. Britta hat Peter die Hand gehalten, als er hinübergegangen ist. Das Gefühl, wie seine Hand in ihrer erschlaffte. Du schaffst es, flüsterte sie ihm fortwährend zu, wie sie da über ihn gebeugt an seinem Sterbebett saß. Ich habe ihn hier bei mir in der Wohnung, sagt sie, er ist nicht auf dem Friedhof, ich muss da gar nicht hin. In der Wohnung spürt sie ihn, und manchmal spricht sie laut zu ihm: Was hast du heute bloß wieder alles angestellt.

          Die langen Jahre miteinander. Dann ist er fort, sagt sie, und hat mich zurückgelassen, mit den Sorgen, mit der Wohnung, mit den Möbeln, mit den Antiquitäten, die er uns auf Trödelmärkten gekauft hatte. Die Zimmer sind damit vollgestellt. Mit allem allein. Einige von den Leuten, sagt sie, mit denen ich mich im Alltag auseinanderzusetzen habe, denken über mich, die alte Frau da, na, was will die denn. Sie sieht es ihnen an. Wäre Peter noch bei mir, sagt sie, würden sie sich das nicht zu denken trauen.

          Endlich wieder mit einem Mann zusammen zu Abend essen

          Sie möchte wieder einen Mann im Haus, als Schutz und als besten Freund. Dass er zu ihr zieht oder sie zu ihm oder dass sie sich beide eine gemeinsame Wohnung nehmen. Einen Mann, mit dem sie so reden kann, wie sie mit Peter geredet hat. Endlich einmal wieder mit einem Mann zusammen zu Abend essen. Vielleicht mit einem zusammen, der kochen kann. Ich brauche den männlichen Widerpart, sagt Britta. Für die wesentlichen Dinge, für die Art von Unterhaltung, wie sie nur ein Mann und eine Frau miteinander haben. Ich sehne mich danach, wieder Frau zu sein. Nicht mehr hart sein zu müssen, so wie ich es jetzt sein muss. Härte kannte ich früher an mir nicht. Früher bin ich behütet gewesen, Peter umsorgte mich, bei ihm konnte ich mich fallenlassen, und er fing mich auf.

          Fünf Jahre lang in Trauer sind ihr genug. Aber immer nur dieselben Typen, die sie sieht, wenn sie an Kneipen vorübergeht, sagt sie. Bestimmertypen, die wollen, dass eine Frau sie bekocht und ihnen die Unterhosen wäscht. Verlorene Gestalten. Und diejenigen Männer beim Tanz im „Café Keese“ oder in „Clärchens Ballhaus“ sind alle nur auf die schnelle Nummer aus. Genauso verloren wie die anderen. Die Musik dort erträgt sie ohnehin nicht. Sie steht auf die Dire Straits, sie hat alle ihre Platten da.

          In der Bäckereifiliale, in der ich viel zusammen mit meiner Freundin bin, da sitzen Männer bei Kaffee und Kuchen. Bloß wie soll ich da einen von ihnen kennenlernen. Ist meine Freundin mit dabei, geht das nicht, da wagt sich kein Mann an mich ran. Aber ich gehe da nur mit Begleitung rein. Wäre ich da allein am Tisch, würde das so aussehen, als wäre ich einsam und hätte einen Mann nötig. Im Frühjahr hatte sie sich auf eine Anzeige hin mit einem Mann getroffen. Haarbüschel wucherten ihm auf dem Nasenrücken, aus den Nasenlöchern und aus den Ohren. Das ganze Treffen über erzählte er ihr, was er in seinem Leben nicht alles schon an Frauen gehabt hätte. Zu Baseballcap und Handgelenktasche hatte er eine Fotoweste und eine Karottenhose an und zu den Sandalen Socken. Alles in Hellbeige. Kleiderstil und Farbton eines alten Mannes, sagt sie, eines Spießers, Altmännerbeige, im Herzen und im Geist nie jung gewesen.

          Bei ihrer eigenen Garderobe kombiniert sie Schwarz mit Rot. Rot, die Signalfarbe, die sie seit kurzem bevorzugt trägt. Schwarz mag sie. Nur ist sie jetzt so lange ausschließlich in Schwarz gegangen. Rot soll ihr anzeigen, dass sie wieder da ist, auf dem Markt, gewissermaßen. Blusen in dunklem Rot gefallen ihr zu schwarzen Hosen, sagt sie. Sie geht jeden Tag raus. Für gewöhnlich zuerst in das Secondhandgeschäft und bei „C & A“ in der Turmstraße gucken, anschließend am Kanal entlang. Am frühen Abend ist sie wieder daheim.

          Zweimal die Woche sieht sie zum Supermarkteinkauf mit folgendem Bäckereibesuch ihre Freundin, eine fünfundsiebzig Jahre alte alleinstehende Frau, die bei ihr um die Ecke wohnt. Die Freundin ist ihr beim Tragen der Einkäufe behilflich, weil sie selbst die schwachen Finger hat. Die beiden gehen auch gemeinsam zum Alexanderplatz und wieder zurück. Eine richtige Wanderung. Quer durch das Regierungsviertel hindurch und dann Unter den Linden geradeaus bis zum Roten Rathaus und dem Fernsehturm.

          Öffentliche Veranstaltungen meidet sie

          Ein Krampf, das alles, sagt sie, so auf Krampf rauszugehen. Es ist die Angst vor dem Alleinsein, das Krankheiten verursacht und das selbst wie eine Krankheit ist. Wäre sie mit einem Mann zusammen, hätte sie nicht mehr die eine Angst, die alles umfasst, darunter die Angst vor der Zukunft. Hätte sie manchmal wenigstens Enkel um sich herum, diese kleinen Menschen, deren Gegenwart Zuversicht gibt. Aber ihre Töchter haben beide keine Kinder. Ich beklage mich nicht, ich bin viel draußen, ich kapsele mich nicht ab. Ich suche Kontakt, ich zeige mich, ich brüte nicht vor mich hin. Donnerstags die Frauengruppe, da wird auch wandern gegangen.

          Öffentliche Veranstaltungen meidet sie. Straßenfeste hauptsächlich, weil dort fast nur Familien mit Kindern sind. Man empfindet sich da nur noch mehr allein mit sich, als man das so schon ist, sagt sie. Auf Wochenmärkten kann ich auch nicht laufend sein, auf die Dauer wäre mir das fade. Kaum dass sie die Sonntage zu bewältigen vermag. Sonntags ist sie oft auf dem Hauptbahnhof. „Rossmann“, „Kaiser’s“ und „Strauss Innovation“ dort haben immer auf. Auf den Bahnsteigen sieht sie die Züge ankommen und abfahren. So allein irgendwohin wäre trostlos, sagt sie, man reist doch deshalb, um Eindrücke miteinander auszutauschen. An Heiligabend allein, auch ihren Geburtstag feiert sie nicht mehr. Sie ist froh, wenn die beiden Tage hinter ihr liegen.

          Die Zeit zu leben - sinnlos dahin bringen

          Man wird einfach nur älter, sagt sie. Die Zeit zu leben, die mir noch bleibt, bringe ich sinnlos dahin. Wozu mache ich das jetzt, frage ich mich häufig. Dafür, um das Ende zu erwarten. Morgens zwischen acht und halb neun aufstehen. Beim Frühstück die Zeitschriften lesen, die eine ihrer Töchter ihr immer vorbeibringt, die Kreuzworträtsel darin lösen. Mittags einen Joghurt und Obst, und schon ist der Tag zur Hälfte geschafft. Dann macht sie sich zum Rausgehen fertig. Bis um zwei, um drei Uhr dehnt sie das stets aus.

          Gegen sechs ist sie wieder drin und hat den Tag beinahe herumgebracht. Von Peter her ist sie nun ein warmes Essen gewohnt. Was soll ich mir allein kochen, sagt sie. Fertiggerichte in der Mikrowelle. Zu Mittag in die Kantine des Rathauses Tiergarten zu gehen, wie andere Rentner in Moabit es tun, kann sie nicht, weil das nicht ihre Stunde zum Warmessen ist.Nach dem Abendbrot geht sie ins Bett und sieht fern. Vom Bett aus fernzusehen ist ihr bequem, bloß schläft sie dabei immer gleich ein. Früher ist sie nie ins Bett, bevor sie nicht alles das mit Peter besprochen hatte, was sie vom Tag bewegte, sie hätte sonst unmöglich einschlafen können.

          „Ehe ich runter auf die Straße gehe, habe immer schöne Sachen an“

          Die Einsamen sind nicht zu erkennen, sagt sie. Egal ob offen oder verschlossen von der Ausstrahlung her, das hat alles nichts damit zu tun, ob man jemanden Vertrautes zu Hause hat. Mir ist es auch nicht anzusehen, wie es mir in Wahrheit geht. Ich mache mich immer fein zurecht, frisiere mich, ehe ich runter auf die Straße gehe, habe immer schöne Sachen an. Sie sagt, dass der Verlust von Peter ihr die Einsamkeit aufgezwungen hat. In den Zustand fügen wird sie sich nicht. Sie wird den Mann finden, der ihr der rechte ist. Sollte sich da etwas mit Sex ergeben, wird man das sehen, sagt sie. Aber erst einmal überhaupt wieder mit Mann zusammen essen.

          Als sie vor Wochen in ihrem Supermarkt war, um eine Kleinigkeit einzuholen, bemerkte sie den Mann in der Schlange an der Kasse, und wie er sie anlächelte und sie beobachtete. Eine gefällige Erscheinung. Ruhig und ausgeglichen wirkte er auf sie. Er sah auch nicht doof aus, sagt sie, er hätte ihr bestimmt einiges zu erzählen gehabt. Mit ihm hätte sie sich sicherlich über vieles unterhalten können. Er wäre ihr womöglich ein guter Freund und vielleicht außerdem ein Partner geworden.

          Jetzt ärgert sie sich darüber, dass sie ihn nicht angesprochen hat. Vielleicht so, sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht von irgendwoher. Kommt mir gerade so vor. Sich aber ein drittes Mal zu ihm umzudrehen, hatte sie nicht den Mut. Sie hat versucht, ihn wiederzusehen. War über Tage hinweg zu der einen Uhrzeit im Supermarkt, er war nie da. Der wäre es gewesen, sagt sie.

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