https://www.faz.net/-gum-88l35

Nach dem Tod des Partners : Die Einsamen erkennt man nicht

  • -Aktualisiert am

Öffentliche Veranstaltungen meidet sie. Straßenfeste hauptsächlich, weil dort fast nur Familien mit Kindern sind. Man empfindet sich da nur noch mehr allein mit sich, als man das so schon ist, sagt sie. Auf Wochenmärkten kann ich auch nicht laufend sein, auf die Dauer wäre mir das fade. Kaum dass sie die Sonntage zu bewältigen vermag. Sonntags ist sie oft auf dem Hauptbahnhof. „Rossmann“, „Kaiser’s“ und „Strauss Innovation“ dort haben immer auf. Auf den Bahnsteigen sieht sie die Züge ankommen und abfahren. So allein irgendwohin wäre trostlos, sagt sie, man reist doch deshalb, um Eindrücke miteinander auszutauschen. An Heiligabend allein, auch ihren Geburtstag feiert sie nicht mehr. Sie ist froh, wenn die beiden Tage hinter ihr liegen.

Die Zeit zu leben - sinnlos dahin bringen

Man wird einfach nur älter, sagt sie. Die Zeit zu leben, die mir noch bleibt, bringe ich sinnlos dahin. Wozu mache ich das jetzt, frage ich mich häufig. Dafür, um das Ende zu erwarten. Morgens zwischen acht und halb neun aufstehen. Beim Frühstück die Zeitschriften lesen, die eine ihrer Töchter ihr immer vorbeibringt, die Kreuzworträtsel darin lösen. Mittags einen Joghurt und Obst, und schon ist der Tag zur Hälfte geschafft. Dann macht sie sich zum Rausgehen fertig. Bis um zwei, um drei Uhr dehnt sie das stets aus.

Gegen sechs ist sie wieder drin und hat den Tag beinahe herumgebracht. Von Peter her ist sie nun ein warmes Essen gewohnt. Was soll ich mir allein kochen, sagt sie. Fertiggerichte in der Mikrowelle. Zu Mittag in die Kantine des Rathauses Tiergarten zu gehen, wie andere Rentner in Moabit es tun, kann sie nicht, weil das nicht ihre Stunde zum Warmessen ist.Nach dem Abendbrot geht sie ins Bett und sieht fern. Vom Bett aus fernzusehen ist ihr bequem, bloß schläft sie dabei immer gleich ein. Früher ist sie nie ins Bett, bevor sie nicht alles das mit Peter besprochen hatte, was sie vom Tag bewegte, sie hätte sonst unmöglich einschlafen können.

„Ehe ich runter auf die Straße gehe, habe immer schöne Sachen an“

Die Einsamen sind nicht zu erkennen, sagt sie. Egal ob offen oder verschlossen von der Ausstrahlung her, das hat alles nichts damit zu tun, ob man jemanden Vertrautes zu Hause hat. Mir ist es auch nicht anzusehen, wie es mir in Wahrheit geht. Ich mache mich immer fein zurecht, frisiere mich, ehe ich runter auf die Straße gehe, habe immer schöne Sachen an. Sie sagt, dass der Verlust von Peter ihr die Einsamkeit aufgezwungen hat. In den Zustand fügen wird sie sich nicht. Sie wird den Mann finden, der ihr der rechte ist. Sollte sich da etwas mit Sex ergeben, wird man das sehen, sagt sie. Aber erst einmal überhaupt wieder mit Mann zusammen essen.

Als sie vor Wochen in ihrem Supermarkt war, um eine Kleinigkeit einzuholen, bemerkte sie den Mann in der Schlange an der Kasse, und wie er sie anlächelte und sie beobachtete. Eine gefällige Erscheinung. Ruhig und ausgeglichen wirkte er auf sie. Er sah auch nicht doof aus, sagt sie, er hätte ihr bestimmt einiges zu erzählen gehabt. Mit ihm hätte sie sich sicherlich über vieles unterhalten können. Er wäre ihr womöglich ein guter Freund und vielleicht außerdem ein Partner geworden.

Jetzt ärgert sie sich darüber, dass sie ihn nicht angesprochen hat. Vielleicht so, sagen Sie mal, kenne ich Sie nicht von irgendwoher. Kommt mir gerade so vor. Sich aber ein drittes Mal zu ihm umzudrehen, hatte sie nicht den Mut. Sie hat versucht, ihn wiederzusehen. War über Tage hinweg zu der einen Uhrzeit im Supermarkt, er war nie da. Der wäre es gewesen, sagt sie.

Weitere Themen

Topmeldungen

Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.