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Nach dem Tod des Partners : Die Einsamen erkennt man nicht

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Endlich wieder mit einem Mann zusammen zu Abend essen

Sie möchte wieder einen Mann im Haus, als Schutz und als besten Freund. Dass er zu ihr zieht oder sie zu ihm oder dass sie sich beide eine gemeinsame Wohnung nehmen. Einen Mann, mit dem sie so reden kann, wie sie mit Peter geredet hat. Endlich einmal wieder mit einem Mann zusammen zu Abend essen. Vielleicht mit einem zusammen, der kochen kann. Ich brauche den männlichen Widerpart, sagt Britta. Für die wesentlichen Dinge, für die Art von Unterhaltung, wie sie nur ein Mann und eine Frau miteinander haben. Ich sehne mich danach, wieder Frau zu sein. Nicht mehr hart sein zu müssen, so wie ich es jetzt sein muss. Härte kannte ich früher an mir nicht. Früher bin ich behütet gewesen, Peter umsorgte mich, bei ihm konnte ich mich fallenlassen, und er fing mich auf.

Fünf Jahre lang in Trauer sind ihr genug. Aber immer nur dieselben Typen, die sie sieht, wenn sie an Kneipen vorübergeht, sagt sie. Bestimmertypen, die wollen, dass eine Frau sie bekocht und ihnen die Unterhosen wäscht. Verlorene Gestalten. Und diejenigen Männer beim Tanz im „Café Keese“ oder in „Clärchens Ballhaus“ sind alle nur auf die schnelle Nummer aus. Genauso verloren wie die anderen. Die Musik dort erträgt sie ohnehin nicht. Sie steht auf die Dire Straits, sie hat alle ihre Platten da.

In der Bäckereifiliale, in der ich viel zusammen mit meiner Freundin bin, da sitzen Männer bei Kaffee und Kuchen. Bloß wie soll ich da einen von ihnen kennenlernen. Ist meine Freundin mit dabei, geht das nicht, da wagt sich kein Mann an mich ran. Aber ich gehe da nur mit Begleitung rein. Wäre ich da allein am Tisch, würde das so aussehen, als wäre ich einsam und hätte einen Mann nötig. Im Frühjahr hatte sie sich auf eine Anzeige hin mit einem Mann getroffen. Haarbüschel wucherten ihm auf dem Nasenrücken, aus den Nasenlöchern und aus den Ohren. Das ganze Treffen über erzählte er ihr, was er in seinem Leben nicht alles schon an Frauen gehabt hätte. Zu Baseballcap und Handgelenktasche hatte er eine Fotoweste und eine Karottenhose an und zu den Sandalen Socken. Alles in Hellbeige. Kleiderstil und Farbton eines alten Mannes, sagt sie, eines Spießers, Altmännerbeige, im Herzen und im Geist nie jung gewesen.

Bei ihrer eigenen Garderobe kombiniert sie Schwarz mit Rot. Rot, die Signalfarbe, die sie seit kurzem bevorzugt trägt. Schwarz mag sie. Nur ist sie jetzt so lange ausschließlich in Schwarz gegangen. Rot soll ihr anzeigen, dass sie wieder da ist, auf dem Markt, gewissermaßen. Blusen in dunklem Rot gefallen ihr zu schwarzen Hosen, sagt sie. Sie geht jeden Tag raus. Für gewöhnlich zuerst in das Secondhandgeschäft und bei „C & A“ in der Turmstraße gucken, anschließend am Kanal entlang. Am frühen Abend ist sie wieder daheim.

Zweimal die Woche sieht sie zum Supermarkteinkauf mit folgendem Bäckereibesuch ihre Freundin, eine fünfundsiebzig Jahre alte alleinstehende Frau, die bei ihr um die Ecke wohnt. Die Freundin ist ihr beim Tragen der Einkäufe behilflich, weil sie selbst die schwachen Finger hat. Die beiden gehen auch gemeinsam zum Alexanderplatz und wieder zurück. Eine richtige Wanderung. Quer durch das Regierungsviertel hindurch und dann Unter den Linden geradeaus bis zum Roten Rathaus und dem Fernsehturm.

Öffentliche Veranstaltungen meidet sie

Ein Krampf, das alles, sagt sie, so auf Krampf rauszugehen. Es ist die Angst vor dem Alleinsein, das Krankheiten verursacht und das selbst wie eine Krankheit ist. Wäre sie mit einem Mann zusammen, hätte sie nicht mehr die eine Angst, die alles umfasst, darunter die Angst vor der Zukunft. Hätte sie manchmal wenigstens Enkel um sich herum, diese kleinen Menschen, deren Gegenwart Zuversicht gibt. Aber ihre Töchter haben beide keine Kinder. Ich beklage mich nicht, ich bin viel draußen, ich kapsele mich nicht ab. Ich suche Kontakt, ich zeige mich, ich brüte nicht vor mich hin. Donnerstags die Frauengruppe, da wird auch wandern gegangen.

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