https://www.faz.net/-gum-9qfrf

Sachsens Turmbewohner : Die Letzten unterm Dachgebälk

  • -Aktualisiert am

Hoch oben über den Dächern von Zittau: Felix Weickelt spielt „Die Gedanken sind frei“ Bild: Michael Graupner

Früher existierten in vielen Städten „Türmer“, die vor nahenden Gefahren warnen sollten. Heute haben so etwas nur noch drei Kirchen – allesamt in Sachsen. Ein Besuch vor der Wahl.

          7 Min.

          Zittau, St. Johannis, 60 Meter: Wo ein Kindheitstraum wahr wurde

          Felix Weickelt stürmt durch das große, dunkelgrüne Eingangsportal der Johanniskirche in Zittau. Er ist spät dran, im Stechschritt geht es die 266 Steinstufen des Turmes hoch. Dann steht Weickelt in seinem Dienstzimmer, greift zur Trompete und tritt auf die Aussichtsplattform des Turmes. Er setzt die Trompete an, spielt zunächst zwei kirchliche Lieder, zum Schluss in Richtung Markt „Die Gedanken sind frei“. Es schlägt zwölf.

          Die Turmbesucher applaudieren, unten auf dem Markt winken ihm Leute zu. Weit ausholend winkt er zurück. Weickelt geht zurück in das Zimmer, eigentlich müsste er gleich wieder runter, das Friedensgebet leiten. „Ist jemand da?“, fragt er einen Mitarbeiter am Telefon. „Ist niemand da? Okay, dann bleibe ich oben!“ Weickelt legt den Telefonhörer ab und fällt in einen Stuhl.

          Von seiner Stirn tropft Schweiß, die Augen sehen müde aus. Seit vier Jahren wohnt der 29-Jährige auf St. Johannis, 60 Meter über Zittau, der Kleinstadt im Dreiländereck zwischen Tschechien und Polen. Nur drei Kirchen in Deutschland haben noch Türmer – in früheren Zeiten eine Art Frühwarnsystem für Feuer und feindliche Armeen –, die auch im Turm leben, so weiß deren europäische Zunft zu berichten (in der übrigens auch Nachtwächter organisiert sind); alle drei liegen in Sachsen.

          Weickelt, der Zittauer, trägt regenbogenfarbene Socken, weinrote Schuhe, sein blondes kurzes Haar liegt kreuz und quer. Er will etwas loswerden, das merkt man gleich zu Beginn: Er überlege, den Turm zu verlassen – zumindest zeitweise. In den vergangenen Jahren habe er sich zu viel aufgehalst und möchte nun „mal ein ordentliches Leben führen“. Und er wolle sich wieder mehr dem Leben unten widmen. Was da passiere, treibe ihn um.

          Vor vier Jahren hatte sich Weickelt entschieden, dem ordentlichen Leben da unten erst einmal den Rücken zu kehren. Weickelt, der in einem Dorf bei Zittau aufgewachsen ist, hatte in Dresden seinen Lehramtsbachelor in Deutsch und Musik beendet, wollte aber keinen Master anschließen. Bei einem Nachtspaziergang entschied er sich, seine Zelte in Dresden abzubrechen: „Ich habe alles, was vorher war und was nachher kommen müsste, verdrängt.“ Er bewarb sich auf die Türmer-Stelle und bekam sie – als einziger Bewerber.

          Obacht beim Aufstieg: 266 Steinstufen führen den Turm hoch.
          Obacht beim Aufstieg: 266 Steinstufen führen den Turm hoch. : Bild: Michael Graupner

          Ganz allein ist Weickelt hier oben nicht, Kater Johannis schleicht an seinen Beinen vorbei. Das Herzstück der Wohnung, die 2015 aufwendig saniert wurde, ist das Dienstzimmer. Die Wände sind in hellgrünem Ton gehalten, ein Bücherregal quillt über, daneben stehen ein E-Piano und ein Notenständer. Ein Ofen mit grünen Blumenkacheln ist an kalten Wintertagen, wenn hier oben wenige Plusgrade herrschen, die einzige Wärmequelle. Eine steile Treppe weiter oben steht das wuchtige Türmerbett aus Holz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Justizministerin Alma Zadić und Vizekanzler Werner Kogler auf dem Parteitag der österreichischen Grünen am Sonntag in Linz

          Grünen-Parteitag in Österreich : „Regieren ist nix für Lulus“

          Österreichs Grüne ziehen eine erste Bilanz der Koalition mit der ÖVP. Es gibt viele Krisen aufzuarbeiten, doch die Führung ist überzeugt: Den Unterschied zur Vorgängerregierung mit der FPÖ machen die Grünen.

          Autonomes Fahren : Tech-Konzerne auf der Überholspur?

          Noch vor einigen Jahren schien autonomes Fahren das Zukunftsthema schlechthin. Heute steht das Thema nicht mehr in der Öffentlichkeit, doch im Verborgenen liefern sich Automobil- und Tech-Konzerne ein Rennen um die Vorherrschaft auf den Straßen der Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.