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Sachsens Turmbewohner : Die Letzten unterm Dachgebälk

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Eine Familie besucht die Glockenstube. Marit Melzer nimmt das Eintrittsgeld und zeigt ihnen das Erzgebirge: da hinten der Keilberg, daneben der Fichtelberg, dort der Schreckenberg, „da gab es die ersten Silberfunde“. Das Erzgebirge ist voller solcher Geschichten, hinter jedem grünen Hügel liegt der nächste Ort, mit einer besonderen Eigenheit, mit einer langen Tradition.

Bekannt ist das Erzgebirge vor allem als Weihnachtsland für Räuchermann und Schwibbogen, für Bergmann und Engel. Seit Juli ist es auch Unesco-Weltkulturerbe. „Vielleicht kommen dann ja wieder mehr Touristen“, sagt Matthias Melzer. Die seien in den vergangenen Jahren immer weniger geworden. Die naheliegende Erklärung für diese Entwicklung wollen die Melzers nicht selbst geben, am liebsten wollen sie auch gar nicht über das Thema sprechen. Aber irgendwann bejaht Marit Melzer dann doch die Frage, ob das Ausbleiben der Touristen vielleicht mit der AfD und den Rechten zu tun habe. Ende 2015 verübten vier Menschen in einem Nachbarort einen Brandanschlag auf eine Jugendherberge, in der Flüchtlinge unterkommen sollten; daraufhin wurden viele Buchungen in der Region storniert.

Marit Melzers Stimme wird ernster: „Angela Merkel hat sich christlich verhalten. Da haben alle eine Chance, da können alle kommen, und es kann mir keiner weismachen, dass es in Deutschland nicht genügend Platz gibt. Es ist nur eine Sache der Verteilung.“ Den 28 Prozent AfD-Wählern, die die Partei bei den Europawahlen im Erzgebirge hatte, entgegnet sie: „Ich rede nicht mit Leuten, die AfD gewählt haben. Die tun sich keinen Gefallen, die dieser Partei nachschreien.“ Auch die Melzers können sich nicht erklären, wie in diesem Erzgebirge, das doch als weltoffen und gastfreundlich gilt, so viele Menschen einer Partei die Stimme geben, die für all das nicht steht.

Spartanisches Leben in 47 Meter Höhe: Dieter Kuschel blickt auf Bautzen.
Spartanisches Leben in 47 Meter Höhe: Dieter Kuschel blickt auf Bautzen. : Bild: Michael Graupner

In Annaberg-Buchholz macht die Abwanderung der Stadt zu schaffen: Mittlerweile ist die Einwohnerzahl unter 20.000 gefallen, von gut 25.000 im Jahr 1990. „Wenn Touristen kommen, können die das gar nicht verstehen. ,Es ist doch so schön hier‘, sagen sie“, erzählt Marit Melzer. Immerhin: Toni Melzer will bleiben. Der 17-Jährige fängt eine Ausbildung zum Notfallsanitäter an und will auf dem Turm wohnen bleiben, „solange es noch geht“. Seit zwei Jahren hat er eine Freundin, die sich allerdings nicht ganz an die Turmbesuche gewöhnen kann: „Sie findet es anstrengend. Aber wenn sie oben ist, findet sie es schön.“

Bautzen, Dom St. Petri, 47 Meter: In der Familie seit 1900

Fast 70 Jahre lebt Dieter Kuschel im Turm des Bautzener Doms St. Petri, aber so etwas wie 2016 hat er von hier oben noch nie gesehen. Kuschel führt um die Aussichtsplattform des Turms, an einem der acht kleinen Fenster bleibt er stehen und zeigt auf die Altstadt. Vor drei Jahren kam es in Bautzen zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und Rechtsextremen, der Bautzener Kornmarkt musste gesperrt werden. „Dann sind die Rechten aufmarschiert“, erinnert sich Kuschel. „Die zogen die Straße hier hoch und dann um die Kirche rum. Es waren vielleicht 150 Leute. Am Kornmarkt haben sie Knaller geworfen. Das war schlimm. Da weißt du nicht, wie du dich verhalten sollst. Das wollen wir hier eigentlich nicht haben!“

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