https://www.faz.net/-gum-9gqxw

Das wahre Herz Europas

Der Zug durch endloses Grün: Der Geruch von Feuer liegt in der Luft, später der von kühlerer Berglandschaft und grünen Wiesen.

Mitten in Europa lebt das Bergvolk der Huzulen, das viele nicht kennen. Und zwar in den verwunschenen Karpaten, wo selten Touristen hinkommen. Zwei Gründe für Schriftsteller Norman Ohler, sofort dorthin zu reisen.

21.11.2018

Text: NORMAN OHLER
Fotos: INA NIEHOFF

Europäer – kennt ihr eigentlich euer wahres Herz? Für die meisten sind die Karpaten – ein Gebirgszug, den sich Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und die Ukraine teilen – Terra incognita, dabei hat ein österreichisch-kaiserlicher Landvermesser 1887 herausgefunden, dass sich dort das geografische Zentrum unseres Kontinents befindet, das Herz Europas also – zumindest galt das in Zeiten der k. u. k. Monarchie. Und da lebt das vielen unbekannte Bergvolk der Huzulen, das in seiner wechselhaften Geschichte sogar mal kurz eine eigene Republik hatte, sich heute aber mehrheitlich der Ukraine zugehörig fühlt. Pocht das alte Herz Europas dort wirklich so wild und so schön, wie das Wort Huzulenland verspricht?

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

Jetzt abonnieren

Die Anreise erfolgt über die alte Kulturstadt Czernowitz, wo einst viele deutsche und jüdische Dichter lebten und Paul Celan die „Todesfuge“ geschrieben hat. Doch in Czernowitz weiß man vom Huzulenland nichts, außer dass es irgendwo hinter unpassierbaren Straßen liegt. Dass man dort freiwillig hin will, erstaunt die Menschen, denen ich in der Fußgängerzone beim Kirschweintrinken von meinen Plänen erzähle. Sie wollen mir abraten und warnen mich, dass es pro Tag nur einen klapprigen Kleinbus dahin gebe, der mindestens sieben Stunden brauche, und wo der Abfahrtspunkt sei, das wusste niemand so genau.

Erhabene Gipfel, dichter Wald, keine Hinweisschilder, absolut keine Touristen

Einen Taxifahrer, der kräftig gebaut war und kampferprobt aussah, als sei er kürzlich noch im Donez-Becken gewesen, schien die gewünschte Strecke ins Huzulenland nicht zu verschrecken. Doch bald wurde der Schotterweg in den kleinen Ort Werchowyna, meinem Ziel, derart schlecht, dass der Fahrer mehrmals kurz vor dem Aufgeben stand, das spürte ich deutlich. Vielleicht war er wütend auf mich, weil ich so eine blödsinnige Idee hatte, ausgerechnet ins Huzulenland fahren zu wollen, dessen hohe Gipfel, dunkle Fichtenwälder und tief eingeschnittene Täler den Zugang erschweren. Seine Karre kämpfte, ruckelte, wackelte, wehrte sich regelrecht gegen den Fahrauftrag, doch ich bestand darauf, dass wir weiterfuhren, kurbelte die Fenster herunter, genoss den würzigen Nadelwaldgebirgsduft und konnte mich nicht sattsehen an den Häusern, die nun, je höher wir kamen, alle aus Holz waren, ebenso wie die riesigen Kirchen in den Dörfern, bei denen der Fahrer im Vorbeifahren je drei Kreuze schlug, ihre silbernen Schindeldächer lagen gleißend im Sonnenlicht.

Wer über Lemberg anreist, empfindet die idyllischen Karpaten später als anderen Planeten.

In Werchowyna wohnte ich bei Oksana, einer quirligen Huzulin mit blonder Helmfrisur. Sie spricht den lokalen Dialekt, das Russinisch, eine Abwandlung des Ukrainischen mit rumänischen Einsprengseln, kann aber auch Englisch und betreibt ein Gästehaus, das mein Kollege Andrej Kurkow aus Kiew empfohlen hatte, der mit dem Roman „Picknick auf dem Eis“ über einen deprimierten Pinguin aus dem Kiewer Zoo einen Weltbestseller gelandet hat. Bei Oksana komme man zur Ruhe, hatte Andrej geschwärmt, und schon pflückte sie mir im Garten Rosmarin, Brennnessel, Melisse und Salbei und bereitete mir daraus einen Willkommenstee zu, der gut für das Gehirn sein soll. Dann stellte sie mich ihrer Mutterziege vor, die Szula heißt und drei Junge hat. Das Gras für diese Tiere schneidet Oksana mit der Sense, was zwar anstrengend sei, aber fit halte – und vor allem von Szula goutiert werde, die den Benzingeruch der Rasenmäher nicht mag.

Am Kiosk in der Wartehalle des Lemberger Bahnhofs: Proviant für lange Fahrten in die Karpaten
Auf der Wiese vor der Unterkunft mäht Oksana Gras mit der Sense für ihre Ziege.


Es mutet absurd an, dass in einem Land, in dessen Ostteil ein Krieg mit russischen Separatisten tobt, bei dem in den vergangenen vier Jahren mehr als 10.000 Menschen gestorben sind, die Ziegen von Oksana mit der Sense geschnittenes Gras erhalten, weil sie sich am leichten Benzingeruch stören, den der Rasenmäher hinterlässt.

Andererseits ist es genau dies, was das Huzulenland besonders macht – und weshalb etwa ein junges Hipster-Pärchen aus Dnipro, der viertgrößten Stadt der Ukraine und einem wichtigen Militärstützpunkt, genau hierherkommt und bei Oksana Urlaub macht.

Wir treffen uns beim Mittagessen, das alle Gäste gemeinsam unter einem Holzbaldachin einnehmen, mit Blick auf die hügelige, sattgrüne Landschaft ringsum und mit dem Rauschen des Schwarzen Tscheremosch-Flusses im Ohr, ein Geruch von Feuer irgendwo in der Luft. Zur Vorspeise gibt es eine Buchweizensuppe mit selbstgemachten Teigtaschen, dann Apfelpfannkuchen mit Mohn, saurer Sahne und hauseigener Aprikosenmarmelade, am Schluss ein „Huzulen-Omelett“ von den Eiern der Hühner der Nachbarin, „tausend“ frischen Kräutern aus dem Garten und Blauschimmelziegenkäse vom heiligen Berg. Dazu Tee aus frisch gepflückten Himbeerblättern und Minze. Als Abrundung dieses Mahls wird Szula herbeigeführt und – wer möchte – direkt in die Tassen gemolken, was leicht süßlich und wie geschäumte Kuhmilch schmeckt und gut für die Verdauung sein soll. Biodynamischer geht’s wahrscheinlich nicht, und Oksana nutzt den Moment, um ihre Gäste zu bitten, morgens in der Nähe des Ziegenstalls nicht allzu laut zu sein, da Szula und ihre Kleinen gerne ausschlafen.

Frühstück bei Oksana: Pfannkuchen mit Quark und Mohn im Teig. Dazu Sahne und Preiselbeermarmelade

Der Hipster aus Dnipro, der Oleksander heißt, schaute zum Nachbargarten, wo seit meiner Ankunft ein etwa zehnjähriges Mädchen damit beschäftigt war, Heu zu rechen, und erzählte, dass er am liebsten hierbleiben würde, um sich irgendwie vor der Wehrpflicht zu drücken. Er habe keine Lust, in Luhansk von fanatischen Separatisten aufgespießt zu werden. Hier in den Bergen fände ihn vielleicht niemand, es sei das einzige Gebiet in der Ukraine, wo man sich verstecken könne. Es sitzt noch ein anderes, sehr schweigsames Pärchen mit am Tisch. Sie haben sich im Internet kennengelernt, er (eine ganz blasse, mondhafte Erscheinung) ist Russe aus Murmansk, sie Ukrainerin aus Lemberg. Hier im Huzulenland treffen sie sich zum ersten Mal und wollen sich fernab vom Konflikt ihrer beiden Länder beim Wandern und in einem von Oksanas ganz aus Holz gestalteten und mit allerlei Schaffellen ausgestatteten Gästezimmern besser kennenlernen.

Ein Schlafzimmer: Traditionelle huzulische Textilien auf Böden und Betten, an den Wänden und vor den Fenstern

Dies ist offenbar eine gute Gegend, um einmal ganz herauszufallen aus den gewohnten Lebensumständen – sich komplett zu verlieren und darüber wiederzufinden. Vielleicht liegt das daran, dass das Huzulenland in keinen festen Rahmen zu passen scheint. Eindeutig gehört es nicht zur Europäischen Union (auch wenn die mit der Slowakei und Rumänien nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt ist), aber auch von der Ukraine setzt es sich ab. Doch wer sind diese Huzulen? Manche Ethnologen behaupten, es seien Nachkommen der Skythen oder Goten, andere sagen, es sind versprengte Reste von Mongolen, Dritte behaupten, sie gingen auf römische Sklaven zurück. Auf jeden Fall haben sich ziemlich viele ihrer alten Gebräuche bis heute erhalten, ihre Schaffelle waschen sie in sogenannten „Huzulen-Waschmaschinen“, großen Holztrommeln, die inmitten der reißenden Gebirgsbäche festgemacht werden, außerdem tanzen sie gerne und toll. Das hat Ruslana bewiesen, die berühmteste Huzulin der Welt, die 2004 mit ihrem Lied „Wild Dances“ den Eurovision Song Contest gewann. Zwar trat sie für die Ukraine an, doch fühlen sich die Huzulen noch immer als eigenständig, und Oksana erzählt gerne von der Huzulenrepublik, die nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn im Jahre 1919 ausgerufen wurde und ein halbes Jahr Bestand hatte, bis die Rumänen kamen – und dann die Sowjets.

Eine Frau verkauft Kleidung im traditionell huzulischen Stil am Straßenrand.

Und noch immer ist das Huzulenland eine der eigenständigsten Gegenden Europas, mit nichts wirklich vergleichbar und sympathisch unvorbereitet auf Touristen.

Oksana hat keine Wanderkarte, Wanderwegweiser gebe es auch nicht. Sie beginnt, eine Art Traumpfadkarte zum sogenannten Magura-Berg zu zeichnen, den sie mir als erstes Ziel ans Herz legt. Liebevoll malt sie die kleine Brücke, die ich auf dem Weg dorthin zu überqueren habe, notiert die Stelle, wo ich abbiegen müsse und wo wahrscheinlich ein Hund bellen würde, und gibt als finalen Orientierungspunkt eine große Kirche an, von der aus man das Gipfelpanorama der Waldkarpaten bewundern könne. Wenn ich den Magura-Berg erklommen hätte, sollte ich bitte ein Foto machen, als Beweis. Viele ihrer Gäste kämen an ganz anderen Orten heraus, und sie könne dann erklären, wo man gewesen sei.

Typische Kirche im Städtchen Werchowyna im Huzulenland

Ich kenne das Wandern am Berg vor allem aus dem Engadin und dem Allgäu, wo man stets weiß, in welchem Streckenabschnitt man sich befindet. Im Huzulenland bin ich mit dem ersten Schritt, der mich von Oksanas Kräuteroase weg- und in die Bergwelt führt, vollkommen verloren. Die Brücke, die sie eingezeichnet hat, finde ich nicht, es gibt auch keinen bellenden Hund, dafür eine rotbackige Käsefrau, die mit einem riesigen Rad Bryndsa (dem lokalen Schafskäse) am Wegesrand sitzt. Ein Fuchs läuft eine Weile gemächlich vor mir her, und als ich an einen Gebirgsbach komme, trinkt dort eine Igelfamilie.

Tatsächlich weiß ich nie so genau: Bin ich jetzt auf einem Wanderweg oder doch auf einer Straße, auf der gleich eine Kolonne von Billig-SUVs entlangbraust – ist das hier unberührte Natur, oder kommt um die nächste Biegung ein Dorf mit Kneipe und Spielhölle? Ein Großvater mit Enkelkind und Fernglas fragt mich nach einer Zigarette, die ich nicht habe, dafür darf ich einmal durch ihr Fernglas gucken, dann geht es weiter durch den Wald hinauf und zwischen Blaubeerfeldern hindurch, an stillen Almen vorbei: Steine präparieren, um ein Bächlein zu überqueren, ein Mann tritt aus seinem Holzhaus, blickt prüfend zum Himmel und schärft eine Ewigkeit lang seine Sense. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Es ist egal, denn irgendwann kommt garantiert auf irgendeinem Hügel eine Kirche mit herrlichem Ausblick.

Die Häuser sind meist aus Holz. Im Gästehaus gibt es auf jeder Etage ein Zimmer für zwei Reisende.

Wandern im Huzulenland ist ein Heraustreten aus dem bisherigen Leben, es ist das Finden des Weges – und auch eines Ziels. Es ist ein Wandern, bei dem einem keine Entscheidung abgenommen wird und im Kleinen ständig etwas Herausforderndes passiert. Etwa der Regen, den Oksana nicht erwähnt hat. Jeden Tag, wie ich erfahren soll, kommt selbst bei herrlichstem Wetter irgendein schrecklicher Guss herunter, der zwischen ein und zwei Stunden andauert. Es ist unmöglich vorherzusagen, ob er morgens kommt, mittags oder abends, doch wenn er kommt, nähert er sich so schnell, dass es einen stets überrascht.

Mir geschieht das auf dem Rückweg vom Magura – so es denn der Magura war –, als ich über eine Stunde von Werchowyna entfernt mitten in einem von Tannen bewachsenen Gebirgstal die ersten kirschgroßen Tropfen abbekomme. Der Blick zum Himmel, der auf einen Schlag pechschwarz und in Greifweite hängt, ist beeindruckend und verspricht: In wenigen Minuten werde ich so durchnässt sein wie noch nie in meinem Leben, und nirgends ist Schutz in Sicht, denn Tannen bilden kein Dach gegen sintflutartigen Niederschlag. Ich beschleunige meinen Schritt auf dem holprigen Feldweg, drehe mich noch einmal um und atme den Duft von Minze, der der Erde entströmt, blicke in Richtung des Magura – und glaube plötzlich, meinen Augen nicht trauen zu können, denn im verschwimmenden, sich nun mit aller Gewalt nach unten stürzenden Himmel taucht ein Taxi auf: ein alter, dunkler Lada aus längst vergessenen Zeiten.

Friedlich: Ein Mann führt seine Kuh in den Straßen Werchowynas zum Abendspaziergang aus.

Der Fahrer hält auf mein Winken, ein älterer Herr, der an einem selbstgedrehten Zigarettenstummel kaut, lädt mich zum Einsteigen ein und fährt eine Viertelstunde lang wie unter Wasser, bis wir ein kaum sichtbares Werchowyna erreichen. Der Gebirgsfluss ist angeschwollen, zwei etwa achtjährige Jungen stehen im strömenden Regen an der Brücke, sie haben ein triefendes weißes Huzulenpferd dabei und einen blauen Regenschirm. Ich zeige dem Fahrer das Haus von Oksana, das an einem aufgeweichten Feldweg liegt, und er fährt mich bis an den dunkelgrün gestrichenen Holzzaun. Als ich ihm durch Handzeichen zu verstehen gebe, dass ich schnell zum Haus müsse, um Geld zu holen, winkt er mit einer beeindruckenden, von ganzer Seele kommenden Lässigkeit ab.

Zum Abendessen serviert Oksana als ersten Gang eine Suppe aus getrockneten Waldpilzen, dann gibt es Banusch, ein Huzulengericht aus Maismehl mit saurer Sahne, dazu blanchierten Natyna, eine spinatartige Pflanze aus dem Garten, und zum Abschluss panierte Kalbsschnitzel mit Wildkräutersalat. Ich zeige Oksana und den Hipstern meine Fotos (das russisch-ukrainische Paar bleibt auf dem Zimmer) und erfahre, dass ich mich komplett verlaufen habe. Aber das macht nichts, denn so bleibt mir der Magura-Berg für den nächsten Tag. Sicher schlägt dort das Herz von Europa.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie diesen und weitere, spannende Artikel in der aktuellen Ausgabe der „F.A.Q.- Frankfurter Allgemeine Quarterly“.

Abonnieren Sie die Print-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ hier: fazquarterly.de

Lesen Sie die „Quarterly“ lieber digital? Hier finden Sie alle bisher erschienenen Ausgaben der F.A.Q. als PDF: e-kiosk.faz.net

Möchten Sie wissen, wie es hinter den Kulissen der „Quarterly“ aussieht? Für Neuigkeiten aus der Redaktion, „Behind the scenes“-Video's von unseren Shootings und Hintergrund-Informationen zur neuen Ausgabe folgen Sie uns einfach auf:

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 21.11.2018 08:13 Uhr