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Ursprung des Hochzeitsbrauchs : „Guck mal, Deutsche fahren auch Autokorso“

  • -Aktualisiert am

„Es ist ärgerlich, dass einige Leute diesen Brauch, den es in kleinerem Rahmen immer gab, nun in Misskredit bringen“ – sagt die Migrationsforscherin Dr. Gürbey. Bild: dpa

Immer häufiger werden deutsche Hochzeiten mit Autokorsos nach türkischem Vorbild begangen. Die Migrationsforscherin Gülistan Gürbey erzählt im Interview, woher der Brauch eigentlich stammt – und warum er so gerne kopiert wird.

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          Frau Gürbey, Sie sind Migrationsforscherin und haben beobachtet, dass deutsche Hochzeiten immer häufiger mit Autokorsos nach türkischem Vorbild begangen werden. Warum ist das so?

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          So ein Korso ist eine spektakuläre Aktion, die Aufmerksamkeit erzeugt und zugleich Spaß macht. Das lenkt das Augenmerk mit aller Energie auf die besondere Situation, so dass jeder weiß: Da ist eine Hochzeitsfeier. Das ist attraktiv – auch für Deutsche. Außerdem kommen viele Menschen in deutsch-türkischen Freundeskreisen mit dieser Art des Feierns in Berührung. Da liegt es nahe, dass man Bräuche aus anderen Kulturen mal kopiert. So etwas passiert auf ganz unterschiedlichen Ebenen immer wieder.

          Haben Sie ein Beispiel?

          Die Sprache der Jugendlichen. Deutsche übernehmen oft Wörter, die aus dem Türkischen oder Arabischen stammen. Das geschieht meist an Orten, wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, wo viele Deutsche neben Menschen mit Migrationshintergrund leben. Ähnlich verhält es sich mit den Hochzeitskonvois, die man insbesondere in Ballungsgebieten findet.

          Nun sind solche Korsos allerdings auch bei deutschen Hochzeiten nichts Neues.

          Neu ist das Ausmaß. Mehr schicke Autos, mehr Schmuck, mehr Personen. Das sind Statussymbole, die man besonders öffentlichkeitswirksam zeigen möchte. Wenn Deutsche das nun nachahmen, wird deutlich, dass Kultur nichts Statisches ist, sondern ein sehr dynamischer Prozess. Im Grunde genommen kommt es so zu neuen Varianten des kulturellen Zusammenlebens.

          Und zu einem besseren Verständnis für andere Kulturen?

          Ich denke, dass solche Annäherungen insgesamt eine positive Auswirkung haben. Wenn Türken sehen, dass nun auch deutsche Hochzeiten mit einem pompösen Konvoi gefeiert werden, freuen sie sich und denken: Oh, guck mal, die machen das genauso wie wir. Letztlich eine indirekte Form der Anerkennung.

          Türkische Hochzeiten laufen allerdings immer häufiger aus dem Ruder. Zum Beispiel werden ganze Autobahnabschnitte blockiert.

          Autobahnblockaden müssen unterbunden werden, dabei handelt es sich schließlich um eine Gefährdung der Öffentlichkeit. Diese Entwicklung verdankt sich dem Wunsch nach mehr Sichtbarkeit: lauter, spektakulärer, provokanter. Es ist ärgerlich, dass einige Leute diesen Brauch, den es in kleinerem Rahmen immer gab, nun in Misskredit bringen.

          Woher kommt der Hochzeitskorso?

          Bevor es Autos gab, war es in Anatolien üblich, dass die Braut vom Elternhaus abgeholt und auf einem Pferd durchs Dorf geführt wurde. Der enge Kreis lief hinterher. Zu dem Brauch gehörte auch, dass das Pferd von verschiedenen Menschen gestoppt wurde: Ich blockiere den Weg, bis ich ein Geschenk von dir kriege. Dieser Brauch hat sich infolge der Modernisierung und Verstädterung in die heutige Form transformiert. Wobei ich anmerken muss: Autobahnblockaden gibt es in der Türkei überhaupt nicht.

          Ist der aufsehenerregende Hochzeitskonvoi ein flüchtiger Trend?

          Nein, das ist ein Brauch, der bleiben wird. Auch Türken, die in Deutschland geboren und sozialisiert wurden, finden diese Tradition total schön. Wann hat man sonst an einem Tag dieses Maß an Sichtbarkeit und so viel Spaß? Auch für mich ist es eine Bereicherung, in mehreren Kulturen beheimatet zu sein.

          Dr. Gülistan Gürbey ist Politikwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin.

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