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Nach dem Abi nach Peru : Du hast da nichts verloren!

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Der Schritt in die Ferne als Ende der Kindheit: Immerhin schickt Lilly jetzt Whatsapp-Fotos aus ihrem aufregenden Auslandsleben - hier vom Humantay-See. Bild: Privat

Nach dem Abi nach Peru? Reicht nicht auch Amsterdam? Angesichts der Pläne ihrer Tochter kriegt Alexa Hennig von Lange das Grausen – und muss lernen loszulassen.

          Meine Tochter ist seit sechs Wochen in Peru. Nach dem Abitur ist sie nach Cusco geflogen, eine Stadt mitten in den Anden, zwanzig Flugstunden von hier entfernt. Sie arbeitet dort in einem psychiatrischen Waisenhaus und faltet mit den Kindern „Himmel und Hölle“ – so, wie ich das früher mit ihr gemacht habe. Gestern haben wir geskypt, und ich habe ihr Zimmer gesehen, in dem sie mit zehn anderen Mädchen aus aller Welt in Doppelbetten schläft. Tagsüber wird es in dem Raum extrem heiß, weil das Dach aus Glas ist. Drei ihrer Mitbewohnerinnen hatten bereits eine Salmonellenvergiftung und mussten ins Krankenhaus. Aber meine Tochter ist sehr glücklich. Und darüber freue ich mich. Beides hätte ich noch vor drei Monaten nicht für möglich gehalten.

          Als Zehnjährige googelte meine Tochter am liebsten englische Elite-Internate. Solche, die aussahen wie Hogwarts – die bedeutendste Zauberschule der Welt. Es berauschte sie, sich vorzustellen, in so einem efeuüberwucherten Harry-Potter-Schloss zur Schule zu gehen. Fünf Jahre später recherchierte sie dann alles über Schüleraustausch in Amerika, weil sie auch gern mal als Cheerleaderin bei einem Highschool-Footballspiel mit gelben Pompons ganz oben auf der Pyramide stehen wollte.

          Über all die Jahre haben mein Mann und ich mehrere stapeldicke Bewerbungsunterlagen ausgefüllt, angeforderte Info-Broschüren aus dem Postkasten gezogen und uns Lillys akribische Ermittlungen erläutern lassen. Dazu haben wir begeistert gerufen: „Wow! Das sieht aber toll aus!“ Oder: „Klasse, was du alles herausfindest!“ Weil wir ihre Träume teilen wollten. Wobei ich mir natürlich total sicher war, dass Lilly niemals ihren Elite-Internats-Wunsch oder die Sache mit dem Highschool-Cheerleading umsetzen würde. Dafür war sie ja viel zu gern zu Hause. Deshalb fiel es mir leicht, meiner Tochter ganz entspannt zu vermitteln, dass ich sie natürlich jederzeit loslassen könnte, wann immer sie in ihr eigenes Leben aufbrechen würde. Ich wollte es nämlich ganz anders machen als meine Mutter früher!

          Eine bunte Welt voller Lamas und Panflöten, die gar nichts mehr mit unserer zu tun hat.

          Schließlich erinnerte ich mich noch sehr genau, wie traumatisch dieser Ablösungsprozess in meiner eigenen Jugend gewesen war. Ständig hatte ich meiner Mutter die Zimmertür vor der Nase zugehauen. Von wegen: „Lass mich endlich in Ruhe, oder ich bringe mich um!“ Dauernd dieses Einmischen in meine Angelegenheiten! Diese Sorgen um meine Nieren, wenn mein T-Shirt zu kurz war! Oder dass ich genug aß und meine Hausaufgaben machte. Hallo?! Ich war ja nicht total bekloppt! Gleichzeitig taten mir meine Abnabelungsversuche weh. Gerade hatte ich doch noch auf dem Schoß meiner Mutter Schutz gesucht – jetzt stieß ich sie von mir weg, als würde ich sie nicht mehr lieben! Vor lauter Verzweiflung über mein eigenartiges Verhalten, bekam ich irgendwann das Gefühl, ich hätte eine gewaltige Psycho-Macke. Ich dachte wirklich, ich könnte meiner Tochter und mir diesen Wahnsinn ersparen.

          „Wow! Das ist aber toll!“

          Als Lilly mir in diesem Frühjahr dann erklärte, sie wolle nach dem Abitur dringend nach Lateinamerika gehen, um dort zwei Monate lang in einem Waisenhaus auszuhelfen, kommentierte ich also wie gewohnt: „Wow! Das ist aber toll!“ Lilly fand eine Agentur, die solche Aufenthalte organisiert. Sie fand heraus, was eine Teilnahme an besagtem Hilfsprojekt kosten würde, wann sie losfliegen würde, und dann meinte Lilly noch, dass sie einen weiteren Monat dranhängen würde, um allein mit dem Rucksack durchs Land zu reisen. Eben abenteuerliche Illusionen. Nichts weiter. Ein geteilter Traum, so wie immer. Nie hätte ich damit gerechnet, dass Lilly wirklich vorhatte, sich auf die andere Seite der Erdkugel zu verabschieden, in eine bunte Welt voller Lamas und Panflöten, die gar nichts mehr mit unserer zu tun hatte.

          Nur dieses Mal war es kein Spiel – was ich allerdings nicht gleich begriff. Tatsächlich brauchte ich sogar ziemlich lange, um zu kapieren, dass es meiner Tochter mit ihren Peru-Plänen reichlich ernst war. Mein Mann hat übrigens auch nichts gemerkt. Was die Uhr geschlagen hatte, schnallten wir erst, als unsere Tochter kurz nach ihrer schriftlichen Abiturprüfung vor uns stand und meinte: „Ihr müsstet dann jetzt die Anzahlung leisten.“

          Mein Mann und ich guckten uns irritiert an: „Wie bitte? Wofür denn?“

          „Hört ihr mir nicht zu? Ich fliege im August nach Peru!“

          „Kommt gar nicht in Frage!“

          Ich gebe zu, die Stimmung war ganz leicht angespannt, als meine Tochter uns aufklärte: „Das machen alle nach dem Abitur!“

          Ich weiß nicht, was mich in diesem Augenblick am meisten schockierte: Dass ich über all die vergangenen Wochen offenbar nicht richtig zugehört hatte. Oder dass meine Tochter mich tatsächlich verlassen wollte! War jetzt ihre Kindheit vorbei? Ich wollte doch noch so viele schöne Sachen mit ihr unternehmen! Reden! Tausend versäumte Momente nachholen! Peru? Was, wenn sie da medizinische Versorgung brauchte, weil ein Straßenhund sie ins Bein biss? Gab es da Erdbeben? Und wie sah es mit der Kriminalität aus? Drogen? Seltene Krankheiten? Malaria? Sowieso sprach Lilly kein einziges Wort Spanisch!

          Ich piepste: „Alles klar. Ich gucke es mir an.“

          Die Anden in Peru

          Abends sah ich mir auf Youtube Werbefilmchen von Agenturen an, die Volunteer-Programme in Peru anboten. Begeisterte junge Menschen erzählten von ihren großartigen, bewusstseinserweiternden Erfahrungen, im Hintergrund ein paar Baracken mit Wellblechdach. Sie schwärmten von der Einfachheit des Lebens. Von der Freude des Gebens. Von atemberaubender Landschaft, Freundschaften für immer. Da verstand ich endgültig, dass meine Tochter sich nun nicht mehr nur in ihrer Phantasie auf ihre Unabhängigkeit vorbereitete – es war so weit. Meine Tochter war volljährig. Erwachsen. Bereit zu gehen.

          Peru war so schrecklich weit weg!

          Unter keinen Umständen würde ich sie dorthin lassen. Ich war ihre Mutter. Ich hatte die Verantwortung. Ich überblickte die ganze Sache. Meine Tochter wusste ja nicht, worauf sie sich da einließ. Peru war so schrecklich weit weg! Da konnte man nicht einfach in den nächsten Flieger steigen und wieder nach Hause reisen. Was, wenn sie Heimweh bekam? Auch, wenn meinetwegen alle aus ihrem Jahrgang solche Selbsterfahrungstrips machten, hieß das nicht, dass meine Tochter das auch brauchte! Seit wann war es überhaupt Mode, als Mädchen nach dem Abitur monatelang allein in Süd- oder Mittelamerika unterwegs zu sein? Ohnehin kam mir das ein bisschen übertrieben vor, dass jetzt ALLE solche extravaganten Fernreisen unternahmen. Meiner Erinnerung nach waren meine Mitschüler und ich damals im Land geblieben – nur einige wenige hatten sich zum Studieren bis nach Frankreich vorgetraut. Aber das war’s auch schon!

          Totaler Touristen-Hotspot: Die Ruinenstadt Machu Picchu

          Als meine Tochter dann auch noch anfing aufzuzählen, in welch krasse Gebiete ihre Mitabiturienten reisten, war ich – ehrlich gesagt – froh, dass sie nur nach Cusco wollte, eine Stadt mit gut 400.000 Einwohnern, einst Hauptstadt des Inkareiches. Daher wenigstens kulturell bedeutungsvoll, beruhigte ich mich. Die Ruinenstadt Machu Picchu war auch nicht weit. Also alles kein Problem. Totaler Touristen-Hotspot! Trotzdem: unvorstellbar für mich. Meine Mutter meinte am Telefon: „Amsterdam ist doch auch schön!“

          Lilly und ich waren kurz davor, in eine richtige Auseinandersetzung zu geraten, die uns womöglich noch weiter voneinander entfernt hätte als Berlin – Cusco. Schließlich merkte ich, dass der Peru-Ärger auch auf andere Themen übersprang, und meine Tochter und ich kein normales Gespräch miteinander führen konnten. Das wollte ich nun auch nicht. Es schien daher keine andere Möglichkeit zu geben, als zu versuchen, die Sache einmal in Ruhe zu besprechen

          Die Gesprächssituation glich allerdings eher einem Verhör, das wir lieber in einem Café führten. Mein Mann und ich saßen auf der einen Seite des Tisches, unsere Tochter auf der anderen Seite. Wir alle falteten – wie Anwälte – die Hände auf der Tischplatte und starrten uns in die Augen. Mit tapferem Lächeln fragte ich: „Nun erzähl mal, was genau willst du in Peru?!“

          Darauf meine Tochter mit Blick zur Decke: „Was wohl? Meinen Horizont erweitern!“

          Und ich klang auf einmal wie meine Mutter, als ich zu bedenken gab: „Aber geht das nicht auch in Europa?“ Als ich nach dem Abitur mit ein paar Freundinnen Pauschalurlaub in der Dominikanischen Republik machen wollte, hatte meine Mutter auch nur den Kopf geschüttelt: „Du hast da nichts verloren.“ Damit war das Thema erledigt gewesen. Also probierte ich diesen Satz jetzt auch mal aus: „Du hast da nichts verloren!“ Aber er funktionierte nicht so richtig.

          Stattdessen meinte meine Tochter: „Dann gehe ich eben jobben, bis ich das Geld zusammen habe!“ Ich war total verwundert. Sie war nicht von ihrem Plan abzubringen. Sehr geduldig, mit minimaler Anspannung in der Stimme erzählte sie uns, was sie sich genau von Peru und dem Volunteer-Programm erwartete. Bis ich ein bisschen anfing zu weinen. Tatsächlich sagte meine Tochter sogar: „Mama, du musst mich loslassen!“

          Ich befürchte, ich hatte daraufhin so eine Art Schock. Das eigene Kind seinen eigenen Weg gehen zu lassen, ist überhaupt nicht leicht. Es tut weh. Furchtbar weh. Plötzlich tat nicht nur ich mir leid, sondern auch noch meine Mutter, der ich damals so oft die Tür vor der Nase zugeklatscht hatte. Zu ihrem Glück war ich nur bis nach Berlin gegangen! Ich war wütend auf diese ganzen Agenturen mit ihren Hilfsprogrammen, die junge Menschen wie meine Tochter so weit weg lockten. Und auf Instagram, wo alle ihre tollen Erlebnisbilder posteten! Ich war ja bereit, meine Tochter gehen zu lassen – aber gleich so erzwungen und radikal?

          Inzwischen bin ich unendlich dankbar, dass meine Tochter nach Peru geflogen ist. Der Ablösungsprozess wurde dadurch extrem verkürzt. Kurz und heftig. Ich habe sie losgelassen. Und ich musste noch mehrfach entsetzlich weinen, weil ihr mutiger Weggang so klar das Ende ihrer Kindheit symbolisiert. Ich musste mein kleines Mädchen, das doch gerade erst im Kindersitz vor mir auf dem Fahrrad saß, um die halbe Welt fliegen lassen und ihr vertrauen, dass sie gut auf sich aufpasst. Aber ich habe auch etwas Großes und Kostbares zurückbekommen: Ein freies, fröhliches, erwachsenes Kind, das mich jeden Tag per Whatsapp an seinem aufregenden Leben teilhaben lässt, Fotos schickt, mir von all seinen Erlebnissen und Ausflügen erzählt und Fragen stellt. Mein Kind, das weiß, dass ich immer seine Mutter sein werde – ohne es festzuhalten.

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