https://www.faz.net/-gum-92seb

Nach dem Abi nach Peru : Du hast da nichts verloren!

  • -Aktualisiert am

Der Schritt in die Ferne als Ende der Kindheit: Immerhin schickt Lilly jetzt Whatsapp-Fotos aus ihrem aufregenden Auslandsleben - hier vom Humantay-See. Bild: Privat

Nach dem Abi nach Peru? Reicht nicht auch Amsterdam? Angesichts der Pläne ihrer Tochter kriegt Alexa Hennig von Lange das Grausen – und muss lernen loszulassen.

          Meine Tochter ist seit sechs Wochen in Peru. Nach dem Abitur ist sie nach Cusco geflogen, eine Stadt mitten in den Anden, zwanzig Flugstunden von hier entfernt. Sie arbeitet dort in einem psychiatrischen Waisenhaus und faltet mit den Kindern „Himmel und Hölle“ – so, wie ich das früher mit ihr gemacht habe. Gestern haben wir geskypt, und ich habe ihr Zimmer gesehen, in dem sie mit zehn anderen Mädchen aus aller Welt in Doppelbetten schläft. Tagsüber wird es in dem Raum extrem heiß, weil das Dach aus Glas ist. Drei ihrer Mitbewohnerinnen hatten bereits eine Salmonellenvergiftung und mussten ins Krankenhaus. Aber meine Tochter ist sehr glücklich. Und darüber freue ich mich. Beides hätte ich noch vor drei Monaten nicht für möglich gehalten.

          Als Zehnjährige googelte meine Tochter am liebsten englische Elite-Internate. Solche, die aussahen wie Hogwarts – die bedeutendste Zauberschule der Welt. Es berauschte sie, sich vorzustellen, in so einem efeuüberwucherten Harry-Potter-Schloss zur Schule zu gehen. Fünf Jahre später recherchierte sie dann alles über Schüleraustausch in Amerika, weil sie auch gern mal als Cheerleaderin bei einem Highschool-Footballspiel mit gelben Pompons ganz oben auf der Pyramide stehen wollte.

          Über all die Jahre haben mein Mann und ich mehrere stapeldicke Bewerbungsunterlagen ausgefüllt, angeforderte Info-Broschüren aus dem Postkasten gezogen und uns Lillys akribische Ermittlungen erläutern lassen. Dazu haben wir begeistert gerufen: „Wow! Das sieht aber toll aus!“ Oder: „Klasse, was du alles herausfindest!“ Weil wir ihre Träume teilen wollten. Wobei ich mir natürlich total sicher war, dass Lilly niemals ihren Elite-Internats-Wunsch oder die Sache mit dem Highschool-Cheerleading umsetzen würde. Dafür war sie ja viel zu gern zu Hause. Deshalb fiel es mir leicht, meiner Tochter ganz entspannt zu vermitteln, dass ich sie natürlich jederzeit loslassen könnte, wann immer sie in ihr eigenes Leben aufbrechen würde. Ich wollte es nämlich ganz anders machen als meine Mutter früher!

          Eine bunte Welt voller Lamas und Panflöten, die gar nichts mehr mit unserer zu tun hat.

          Schließlich erinnerte ich mich noch sehr genau, wie traumatisch dieser Ablösungsprozess in meiner eigenen Jugend gewesen war. Ständig hatte ich meiner Mutter die Zimmertür vor der Nase zugehauen. Von wegen: „Lass mich endlich in Ruhe, oder ich bringe mich um!“ Dauernd dieses Einmischen in meine Angelegenheiten! Diese Sorgen um meine Nieren, wenn mein T-Shirt zu kurz war! Oder dass ich genug aß und meine Hausaufgaben machte. Hallo?! Ich war ja nicht total bekloppt! Gleichzeitig taten mir meine Abnabelungsversuche weh. Gerade hatte ich doch noch auf dem Schoß meiner Mutter Schutz gesucht – jetzt stieß ich sie von mir weg, als würde ich sie nicht mehr lieben! Vor lauter Verzweiflung über mein eigenartiges Verhalten, bekam ich irgendwann das Gefühl, ich hätte eine gewaltige Psycho-Macke. Ich dachte wirklich, ich könnte meiner Tochter und mir diesen Wahnsinn ersparen.

          „Wow! Das ist aber toll!“

          Als Lilly mir in diesem Frühjahr dann erklärte, sie wolle nach dem Abitur dringend nach Lateinamerika gehen, um dort zwei Monate lang in einem Waisenhaus auszuhelfen, kommentierte ich also wie gewohnt: „Wow! Das ist aber toll!“ Lilly fand eine Agentur, die solche Aufenthalte organisiert. Sie fand heraus, was eine Teilnahme an besagtem Hilfsprojekt kosten würde, wann sie losfliegen würde, und dann meinte Lilly noch, dass sie einen weiteren Monat dranhängen würde, um allein mit dem Rucksack durchs Land zu reisen. Eben abenteuerliche Illusionen. Nichts weiter. Ein geteilter Traum, so wie immer. Nie hätte ich damit gerechnet, dass Lilly wirklich vorhatte, sich auf die andere Seite der Erdkugel zu verabschieden, in eine bunte Welt voller Lamas und Panflöten, die gar nichts mehr mit unserer zu tun hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Große Koalition erzielt in der Nacht auf Montag einen Kompromiss bei der Grundsteuer (Archivbild von Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD)).

          Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

          Schon beim ersten Koalitionsausschuss mit neuer Besetzung erzielt die Bundesregierung einen Kompromiss. Ist das Ausdruck einer neuen Handlungsfähigkeit? Etliche Streitpunkte können jedenfalls nicht gelöst werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.