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Nach dem Abi nach Peru : Du hast da nichts verloren!

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Lilly und ich waren kurz davor, in eine richtige Auseinandersetzung zu geraten, die uns womöglich noch weiter voneinander entfernt hätte als Berlin – Cusco. Schließlich merkte ich, dass der Peru-Ärger auch auf andere Themen übersprang, und meine Tochter und ich kein normales Gespräch miteinander führen konnten. Das wollte ich nun auch nicht. Es schien daher keine andere Möglichkeit zu geben, als zu versuchen, die Sache einmal in Ruhe zu besprechen

Die Gesprächssituation glich allerdings eher einem Verhör, das wir lieber in einem Café führten. Mein Mann und ich saßen auf der einen Seite des Tisches, unsere Tochter auf der anderen Seite. Wir alle falteten – wie Anwälte – die Hände auf der Tischplatte und starrten uns in die Augen. Mit tapferem Lächeln fragte ich: „Nun erzähl mal, was genau willst du in Peru?!“

Darauf meine Tochter mit Blick zur Decke: „Was wohl? Meinen Horizont erweitern!“

Und ich klang auf einmal wie meine Mutter, als ich zu bedenken gab: „Aber geht das nicht auch in Europa?“ Als ich nach dem Abitur mit ein paar Freundinnen Pauschalurlaub in der Dominikanischen Republik machen wollte, hatte meine Mutter auch nur den Kopf geschüttelt: „Du hast da nichts verloren.“ Damit war das Thema erledigt gewesen. Also probierte ich diesen Satz jetzt auch mal aus: „Du hast da nichts verloren!“ Aber er funktionierte nicht so richtig.

Stattdessen meinte meine Tochter: „Dann gehe ich eben jobben, bis ich das Geld zusammen habe!“ Ich war total verwundert. Sie war nicht von ihrem Plan abzubringen. Sehr geduldig, mit minimaler Anspannung in der Stimme erzählte sie uns, was sie sich genau von Peru und dem Volunteer-Programm erwartete. Bis ich ein bisschen anfing zu weinen. Tatsächlich sagte meine Tochter sogar: „Mama, du musst mich loslassen!“

Ich befürchte, ich hatte daraufhin so eine Art Schock. Das eigene Kind seinen eigenen Weg gehen zu lassen, ist überhaupt nicht leicht. Es tut weh. Furchtbar weh. Plötzlich tat nicht nur ich mir leid, sondern auch noch meine Mutter, der ich damals so oft die Tür vor der Nase zugeklatscht hatte. Zu ihrem Glück war ich nur bis nach Berlin gegangen! Ich war wütend auf diese ganzen Agenturen mit ihren Hilfsprogrammen, die junge Menschen wie meine Tochter so weit weg lockten. Und auf Instagram, wo alle ihre tollen Erlebnisbilder posteten! Ich war ja bereit, meine Tochter gehen zu lassen – aber gleich so erzwungen und radikal?

Inzwischen bin ich unendlich dankbar, dass meine Tochter nach Peru geflogen ist. Der Ablösungsprozess wurde dadurch extrem verkürzt. Kurz und heftig. Ich habe sie losgelassen. Und ich musste noch mehrfach entsetzlich weinen, weil ihr mutiger Weggang so klar das Ende ihrer Kindheit symbolisiert. Ich musste mein kleines Mädchen, das doch gerade erst im Kindersitz vor mir auf dem Fahrrad saß, um die halbe Welt fliegen lassen und ihr vertrauen, dass sie gut auf sich aufpasst. Aber ich habe auch etwas Großes und Kostbares zurückbekommen: Ein freies, fröhliches, erwachsenes Kind, das mich jeden Tag per Whatsapp an seinem aufregenden Leben teilhaben lässt, Fotos schickt, mir von all seinen Erlebnissen und Ausflügen erzählt und Fragen stellt. Mein Kind, das weiß, dass ich immer seine Mutter sein werde – ohne es festzuhalten.

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