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Nach dem Abi nach Peru : Du hast da nichts verloren!

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Nur dieses Mal war es kein Spiel – was ich allerdings nicht gleich begriff. Tatsächlich brauchte ich sogar ziemlich lange, um zu kapieren, dass es meiner Tochter mit ihren Peru-Plänen reichlich ernst war. Mein Mann hat übrigens auch nichts gemerkt. Was die Uhr geschlagen hatte, schnallten wir erst, als unsere Tochter kurz nach ihrer schriftlichen Abiturprüfung vor uns stand und meinte: „Ihr müsstet dann jetzt die Anzahlung leisten.“

Mein Mann und ich guckten uns irritiert an: „Wie bitte? Wofür denn?“

„Hört ihr mir nicht zu? Ich fliege im August nach Peru!“

„Kommt gar nicht in Frage!“

Ich gebe zu, die Stimmung war ganz leicht angespannt, als meine Tochter uns aufklärte: „Das machen alle nach dem Abitur!“

Ich weiß nicht, was mich in diesem Augenblick am meisten schockierte: Dass ich über all die vergangenen Wochen offenbar nicht richtig zugehört hatte. Oder dass meine Tochter mich tatsächlich verlassen wollte! War jetzt ihre Kindheit vorbei? Ich wollte doch noch so viele schöne Sachen mit ihr unternehmen! Reden! Tausend versäumte Momente nachholen! Peru? Was, wenn sie da medizinische Versorgung brauchte, weil ein Straßenhund sie ins Bein biss? Gab es da Erdbeben? Und wie sah es mit der Kriminalität aus? Drogen? Seltene Krankheiten? Malaria? Sowieso sprach Lilly kein einziges Wort Spanisch!

Ich piepste: „Alles klar. Ich gucke es mir an.“

Die Anden in Peru

Abends sah ich mir auf Youtube Werbefilmchen von Agenturen an, die Volunteer-Programme in Peru anboten. Begeisterte junge Menschen erzählten von ihren großartigen, bewusstseinserweiternden Erfahrungen, im Hintergrund ein paar Baracken mit Wellblechdach. Sie schwärmten von der Einfachheit des Lebens. Von der Freude des Gebens. Von atemberaubender Landschaft, Freundschaften für immer. Da verstand ich endgültig, dass meine Tochter sich nun nicht mehr nur in ihrer Phantasie auf ihre Unabhängigkeit vorbereitete – es war so weit. Meine Tochter war volljährig. Erwachsen. Bereit zu gehen.

Peru war so schrecklich weit weg!

Unter keinen Umständen würde ich sie dorthin lassen. Ich war ihre Mutter. Ich hatte die Verantwortung. Ich überblickte die ganze Sache. Meine Tochter wusste ja nicht, worauf sie sich da einließ. Peru war so schrecklich weit weg! Da konnte man nicht einfach in den nächsten Flieger steigen und wieder nach Hause reisen. Was, wenn sie Heimweh bekam? Auch, wenn meinetwegen alle aus ihrem Jahrgang solche Selbsterfahrungstrips machten, hieß das nicht, dass meine Tochter das auch brauchte! Seit wann war es überhaupt Mode, als Mädchen nach dem Abitur monatelang allein in Süd- oder Mittelamerika unterwegs zu sein? Ohnehin kam mir das ein bisschen übertrieben vor, dass jetzt ALLE solche extravaganten Fernreisen unternahmen. Meiner Erinnerung nach waren meine Mitschüler und ich damals im Land geblieben – nur einige wenige hatten sich zum Studieren bis nach Frankreich vorgetraut. Aber das war’s auch schon!

Totaler Touristen-Hotspot: Die Ruinenstadt Machu Picchu

Als meine Tochter dann auch noch anfing aufzuzählen, in welch krasse Gebiete ihre Mitabiturienten reisten, war ich – ehrlich gesagt – froh, dass sie nur nach Cusco wollte, eine Stadt mit gut 400.000 Einwohnern, einst Hauptstadt des Inkareiches. Daher wenigstens kulturell bedeutungsvoll, beruhigte ich mich. Die Ruinenstadt Machu Picchu war auch nicht weit. Also alles kein Problem. Totaler Touristen-Hotspot! Trotzdem: unvorstellbar für mich. Meine Mutter meinte am Telefon: „Amsterdam ist doch auch schön!“

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