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Erklärvideos auf Youtube : Wie eine kolumbianische Bauernfamilie in der Pandemie berühmt geworden ist

In ihren Youtube-Videos verkaufen Nubia, David (links) und Alejandro selbst zusammengestellte Lebensmittelsets und geben Pflanztipps. Bild: Youtube/Nubia e hijos/Screenshot

Die kolumbianische Bäuerin Nubia und ihre beiden Söhne erklären auf Youtube, wie man Cherrytomaten pflanzt oder Dünger selbst herstellt. Dank der Corona-Pandemie wurden sie auf der ganzen Welt bekannt – und können es selbst kaum glauben.

          3 Min.

          David Gaona Gaona trägt wegen der Sonne oft eine Schildkappe, er hat einen hellbraunen Teint, und seine Füße stecken in Gummistiefeln. Dort, wo er lebt, ist es matschig: in Chipaque, Kolumbien, in den Bergen östlich von Bogotá.

          Franziska Pröll
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Menschen, die aussehen und anpacken wie er selbst, haben David in sozialen Medien lange gefehlt. Besonders in der Corona-Pandemie hat er auf Plattformen wie Youtube nur Politiker oder Ärzte gesehen, studierte Menschen, Anzugträger mit weißer Haut. Deshalb sagte er zu seiner Mutter Nubia Gaona Cárdenas, einer Bäuerin: „Mama, lass uns ein Video machen.“

          Nubia, David und sein jüngerer Bruder Alejandro erzählen ihre Geschichte im Januar 2022 in einem Videotelefonat. Noch immer können sie kaum glauben, was sie in den vergangenen fast zwei Jahren erreicht haben.

          „Ihr seid eine wunderbare Familie!“

          Am 29. April 2020 veröffentlichten die Gaonas ihr erstes Video, das inzwischen 1,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. Es folgten rund 50 weitere Clips, unter denen Menschen aus der ganzen Welt kommentieren, aus Mexiko etwa oder aus Saudi-Arabien. Eine Spanierin schreibt: „Ihr seid eine wunderbare Familie!“ Ohne die Corona-Pandemie wäre es wohl nie so weit gekommen.

          Als das Virus im Frühjahr 2020 begann sich in Kolumbien zu verbreiten, wurde die Situation für Landwirtinnen noch schwieriger als zuvor. Restaurants und Kantinen, die normalerweise große Mengen an Getreide oder Gemüse abnehmen, blieben geschlossen. In Bogotá, der Hauptstadt, infizierten sich in den ersten Wochen viele Marktverkäufer mit dem Virus. Märkte wurden verboten, monatelang. Lebensmittelpakete für Bedürftige, die in der Pandemie nichts verdienen, bestückte die Regierung lieber mit Industrieprodukten, als Bauern die Ware abzunehmen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Nubia und ihre Söhne mussten sich also einen neuen Vertriebsweg suchen. In ihren Videos erklären sie, wie man Cherrytomaten auf dem eigenen Balkon züchtet, Avocado-Pflanzen zieht oder Dünger aus Eierschalen gewinnt. Für umgerechnet 4,50 Euro bieten sie von ihnen zusammengestellte Pflanz- und Lebensmittelsets an. Darin befinden sich Eier, Samen, Honig und Öl – auch von ihren Nachbarn.

          In Kolumbien leben 42,5 Prozent der Menschen in Armut, darunter viele Bäuerinnen und Bauern, die andere mit Lebensmitteln versorgen, sich selbst aber keine drei Mahlzeiten pro Tag leisten können. „Zwischenhändler sind das Problem“, sagt Nubia. „Uns bezahlen sie kaum etwas, aber sie verkaufen unsere Erzeugnisse zu deutlich höheren Preisen weiter.“ Zwischen der Bäuerin und dem Endverbraucher liegen sechs bis zwölf Händler, wie die BBC unter Berufung auf Studien berichtet. Bei jedem Verkauf wird das Produkt teurer, bei den Bauern kommt davon jedoch nichts an.

          Auf Youtube bauen sich Nubia, ihre Söhne und die Nachbarsbauern ein alternatives Geschäftsmodell auf. Ihre Pflanz- und Lebensmittelsets senden sie den Kunden direkt. Wie viel Geld ihre Familie damit bereits verdient hat, will Nubia nicht sagen. Medienberichten zufolge hat Familie Gaona in den ersten drei Tagen nach Veröffentlichung des ersten Videos 6.000 Anfragen erhalten. Darauf angesprochen, sagt Nubia, sie habe keinen Überblick über die Zahlen. Einen Computer sowie Smartphones für die Jungs habe sie von dem Geld schon kaufen können. Ein Sponsor habe ihnen Gummistiefel geschenkt.

          Unterstützt wird Familie Gaona von ihren früheren Nachbarn. Sigifredo Moreno, ein Ingenieur aus Bogotá, koordiniert die Presseanfragen. Juliana Zapata, seine Ehefrau, filmt und schneidet die Videos.

          Zuschauer beschreiben die Familie als „bescheiden“

          Ein Skript gibt es nicht. Nubia, David und Alejandro erzählen einfach, was ihnen in den Sinn kommt. Sie finden einfache Worte, die jeder versteht. Wenn einer sich verhaspelt oder ein Wort vergisst, lachen alle. Beim Erklären wechseln sie sich ab. Keiner der drei sucht den Mittelpunkt, im Gegenteil, sie wirken eher schüchtern. Gerade in den älteren Videos blicken sie oft nicht direkt in die Kamera. In den Kommentaren beschreiben Zuschauer die Familie oft als „humilde“, als „bescheiden“ oder „demütig“. Ihre Fans schätzen sie dafür.

          Viele von ihnen sind Städter, die während der Pandemie im Homeoffice arbeiten und das Gärtnern auf dem Balkon für sich entdecken. Die Tipps von Nubia und ihren Söhnen kommen da gerade recht.

          Im November 2021 hat Nubia Abitur gemacht. Mit 38 Jahren konnte sie nachholen, was ihr als Jugendliche verwehrt geblieben war, als sie auf dem Feld arbeitete. Auf Instagram hat sie ein Foto mit ihrer Abschlussurkunde gepostet. Darunter schrieb sie: „Vor einigen Jahren hätte ich auf keinen Fall daran gedacht, Abitur zu machen. Auf dem Land ist es nicht einfach. Viele von uns müssen das Lernen aufgeben.“

          Stadt und Land sind in Kolumbien nicht nur geografisch oft weit von­einander entfernt. Fährt Familie Gaona nach Bogotá, brauchen sie mindestens eine Stunde für die rund 30 Kilometer, auf teils ungeteerten Straßen. Bis vor fast zwei Jahren hatten die Gaonas keinen Strom. Jetzt läuft an guten Tagen das WLAN stabil.

          Auch wenn das Leben auf dem Land beschwerlich ist, Nubia würde niemals in die Stadt ziehen wollen. „Schau, wie schön es hier ist, wir sind von Gott beschenkt“, sagt sie im Videointerview. Mit dem Smartphone dreht sie sich um die eigene Achse. Wiesen in sattem Grün tauchen im Hintergrund auf, Bäume, Berge. Und Kuh Lola, die zufrieden grast.

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