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Eine Frankfurterin in Wien : „Gerade noch habe ich das Schiff erreicht“

„Interkonfessioneller Altar“: Ingeborg Hungerleider vor Erinnerungsstücken in ihrer Wiener Wohnung Bild: Stephan Löwenstein

Die Frankfurterin Ingeborg Hungerleider hat die Welt gesehen, heute ist sie mit fast 90 Jahren fester Bestandteil der Wiener Gesellschaft. Ihr bewegtes Leben ist das Ergebnis von Bedrängnis, Not, und Flucht.

          7 Min.

          Ingeborg Hungerleider ist eine Frankfurterin in Wien. Man hört das schon nach wenigen Sätzen, wenn in typisch österreichischen Redewendungen wie „das geht sich aus“ noch das hessische „ch“ durchklingt. Besucht man die alte Frau, so gelangt man durch ein recht abgewohntes Treppenhaus in eine ausgesprochen gediegene und schön möblierte Altbauwohnung. Bücher in verschiedenen Sprachen, manche mit fernöstlichen Schriftzeichen, stehen ebenso in den Regalen wie ein Bildband von einer Bar-Mizwa-Feier. Den Salon schmücken prachtvoll geschnitzte Elefantenzähne, und auf dem Ofen in der Ecke ist ein „kleiner interkonfessioneller Altar“, wie Frau Hungerleider ihn nennt, aufgebaut: Kruzifixe und Räucherstäbchen, Leuchter, Blumen und Buddhastatuen. Und die Fotografie eines Europäers mit Sechziger-Jahre-Brille in fernöstlicher Tracht.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Die Wohnung atmet eine Mischung aus mitteleuropäischer Bürgerlichkeit und abenteuerlicher Weltläufigkeit, wie sie nur ein bewegtes Leben prägen kann. Und wie in so vielen Lebensgeschichten des zwanzigsten Jahrhunderts ist das nicht das Ergebnis von Abenteuerlust, sondern von Bedrängnis, Flucht, Not und manchmal auch Glück. Inge Hungerleider führte der Weg von Frankfurt am Main über Italien nach Schanghai und wieder über Italien schließlich nach Wien.

          „Ich war eine kleine Wilde“

          Geboren wurde sie 1926 als Tochter der Frankfurter Kaufmannsfamilie Mannheimer. Sie wohnte in der Quinckestraße, gleich hinter der Zeil. Die Eltern betrachteten sich als „liberale Juden“ oder „Deutsche mosaischen Bekenntnisses“. Inges beste Freundin war jedoch die Tochter des Oberrabbiners. „Daher wurde ich zum Kummer meiner Eltern zu einer orthodoxen Jüdin.“ An ihre Kindheit hat sie sonst nur wenige konkrete Erinnerungen, über die sie spricht. Allenfalls klingt durch, dass sie vom Vater wohl recht streng erzogen wurde, was ihrem Temperament zweifellos zuwiderlief. Über sich selbst sagt sie: „Ich war eine kleine Wilde.“ Deshalb bekam sie ein Jahresabonnement für den Zoo.

          Am 9. November 1938 wurde der Vater von den nationalsozialistischen Schergen verhaftet und für einige Zeit ins KZ Buchenwald gesteckt. Die Synagoge brannte. Inge hat sich auf den Bordstein gesetzt und geweint. Ihre damaligen Gefühle fasst sie heute so zusammen: „Wenn meine Synagoge brennt, dann gibt es keinen Gott.“ Seither bezeichnet sie sich als nur mehr innerlich religiös.

          Was damals vor sich ging, hat das Mädchen nicht ganz begriffen. „Aber dass man uns hier nicht mehr haben möchte, das habe ich schon erfasst.“ Es wurde beschlossen auszuwandern. Im Dezember 1938 wurde ein Ticket von Genua nach Schanghai erworben. Schanghai war einer der wenigen Zufluchtsorte für die bedrängten Juden aus Deutschland, denn für die Einreise war kein Visum notwendig. Am 29. April 1939 war Abreise. Es ging über Suez, Bombay und Somosa nach Schanghai. An Bord waren mindestens 900 Auswanderer, „die die Möglichkeit hatten, mit dem Leben davonzukommen“; vielleicht auch ein paar Geschäftsleute. An die Überfahrt hat Inge Hungerleider keine Erinnerungen mehr. Ihr war die ganze Zeit schlecht.

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