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Eingeschneit in Miesbach : „Sorge bereitet uns der pappige Hartschnee“

Mehr Schnee als Haus: Das Zuhause von Petra Gerling in Miesbach. Bild: privat

In der bayerischen Gemeinde Miesbach ist der Katastrophenfall ausgerufen worden. Anwohnerin Petra Gerling erzählt im Interview von der Ausnahmesituation, festgefrorenen Autoreifen und übertriebenen Schlagzeilen.

          Frau Gerling, Sie leben seit zwölf Jahren in Miesbach, das vom Winter diesmal besonders betroffen ist. Wie problematisch ist die Lage wirklich?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es ist schon eine Ausnahmesituation, das hat uns auch unser Nachbar bestätigt: ein Bauer, der seit mehr als 50Jahren hier lebt. Seit Montag sind die Schulen geschlossen, die Schneepflüge kommen nicht mehr dazu, die Gehwege zu räumen. Mein Mann und ich sind allerdings in der glücklichen Lage, dass wir in der Regel von zuhause aus arbeiten können. Mir tun die Leute leid, die das nicht können, die zum Beispiel für einen Pflegedienst arbeiten – und trotzdem noch das tägliche Leben meistern müssen. Das kostet im Moment unglaublich viel Zeit und Kraft, allein das Stapfen durch den oberschenkelhohen Schnee.

          Wie lange sind Sie täglich mit Schneeräumen und ähnlichem beschäftigt?

          Alles zusammengerechnet fünf, sechs Stunden. Wir haben am Donnerstag zu zweit eineinhalb Stunden mein Auto so weit ausgegraben, dass ich am Freitag – nach weiteren 20Minuten Graben – in der Lage war wegzufahren. Die Reifen waren festgefroren, wir haben sie mit heißem Wasser gelöst, so kam ich dann tatsächlich zu einem wichtigen Termin nach München.

          Die Zufahrtsstraßen waren kein Problem?

          Die Staatsstraßen waren gut geräumt, auch die Autobahn ging prima. Tags zuvor hatten die Lastwagen und Busse auf derselben Strecke alle Schneeketten aufziehen müssen.

          Bei Ihnen ging es ohne?

          Ja, aber mein Auto hat Allrad, das hat geholfen.

          Petra Gerling wohnt seit zwölf Jahren in Miesbach.

          Sie sprachen vom Freischaufeln des Autos. Haben Sie keine Garage?

          Doch. Aber da wir am Hang wohnen, ist die Zufahrt zur Garage so steil, dass das bei den momentanen Bedingungen auch mit Allrad nicht mehr zu machen war. Wir mussten also die Autos, wenn wir überhaupt eine Chance haben wollten, sie zu nutzen, an die Straße stellen.

          Wie geht es Ihrem Haus?

          Die große Problematik sind die Lasten auf dem Dach. Unser Satteldach hält ungefähr eine halbe Tonne pro Quadratmeter aus. Davon sind wir nicht mehr weit entfernt. Es schneit ja seit einer Woche fast unaufhörlich. Mein Mann ist gestern hochgestiegen, von mir mit Seil gesichert, und hat die obersten 30 bis 40Zentimeter, die relativ pulvrig waren, mit dem Besen abgetragen. Es liegen aber noch genauso viele Zentimeter pappiger Hartschnee. Wir fürchten deswegen das Wochenende, da ist Regen angesagt, der Schnee wird dann richtig schwer, weil er den Regen aufsaugt. Wahrscheinlich muss mein Mann nochmal aufs Dach, mit der Schaufel.

          Wie geht es den anderen Miesbachern?

          Wir sind ja komplett abgeschnitten, daher haben wir im Moment nur Kontakt zum Nachbarn. Der ist freundlicherweise mit dem Trecker vorbeigekommen, an dem er vorne so einen Schneeschieber hat. Ansonsten sind wir, was Informationen betrifft, auch auf die Medien angewiesen.

          Sind Sie mit der Berichterstattung zufrieden?

          Was ich etwas übertrieben finde sind Schlagzeilen wie „Winter-Hammer“ oder „Schnee-Drama“. Insgesamt wird aber angemessen berichtet, es ist einfach eine Ausnahmelage, ohne dass ich den Eindruck hätte, dass sie uns entgleitet. Allerdings komme ich im Moment kaum zum Zeitunglesen oder Fernsehschauen – wegen des Schnees.

          Würden Sie als Leser oder Zuschauer erwarten, dass Zeitungen oder Sender ihre Korrespondenten in die Hochschneegebiete schicken? Oder reicht es, von München aus ein Telefoninterview zu machen?

          Wenn Sie dort beim Skifahren sind, sollten sie natürlich auch berichten, ansonsten finde ich es wichtig, dass die Hilfs- und Rettungskräfte nicht zusätzlich belastet werden. Priorität sollten die Leute haben, die dort leben, deren Versorgung mit Lebensmitteln oder Medikamenten.

          Sind Sie in Miesbach schon Journalisten begegnet?

          Nein. Aber das könnte daran liegen, dass wir kaum das Haus verlassen haben. Wenn man nicht raus muss – Gott Lob haben wir genügend Essensvorräte –, bleibt man im Moment lieber drin. Wir leben am Wald. Es knackt dort ständig, von den Bäumen sind die Spitzen abgebrochen.

          Wie fühlen Sie sich von der Kommunalpolitik in Miesbach unterstützt?

          Die waren wie jedes Jahr sehr gut vorbereitet. Die Räumfahrzeuge arbeiten Tag und Nacht. Aber diese irre Menge ist einfach schwer zu bewältigen. Man konnte es auf der Straße sehen: Das Räumfahrzeug fuhr vorbei – und fünf Minuten später war die Straße schon wieder voller Schnee. Die sind einfach alle am Anschlag. Und ich verstehe, dass sie da präsent sind, wo es besonders brennt. Wenn dann der Gehsteig mal nicht geräumt ist, kann man niemandem einen Vorwurf machen.

          Hat denn der Schnee auch was Positives, etwa fürs Gehen mit Schneeschuhen im Winterwunderland?

          Leider habe ich keine Schneeschuhe. Aber ich bin mit Langlaufskiern draußen gewesen, das war super. Doch wenn man fünf Stunden Schnee geschippt hat, braucht man keinen zusätzlichen Sport mehr.

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