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Webcam-Prostitution : In deiner Nähe

  • -Aktualisiert am

In dem Hamburger Studio scheint die Atmosphäre entspannt, beinahe familiär. Bild: Hans Jakob Rausch

Sie heißen AmyX oder Honey. In Chatrooms ziehen sie sich für Männer aus. Die zahlen für nackte Haut – und die Illusion der Macht. Einblicke in eine Parallelwelt.

          Der Traum und Albtraum Tausender Männer versteckt sich in einem dreireihigen Backsteingebäude mitten in einem Hamburger Gewerbegebiet. Gegenüber ein FKK-Club, daneben das Hauptquartier einer Sekte. Ein paar Wespen flirren in der heißen Luft, sonst herrscht Stille. Im Erdgeschoss der Arbeitersamariterbund, so sagt es das Klingelschild, darüber ein zweites, in blauen Buchstaben, Schriftgröße 12: „Vision1Media“.

          Drinnen gefliestes Treppenhaus, die Tür öffnet sich im ersten Stock. Ein Mann steckt den Kopf durch den Spalt: „Hallihallo, ich bin Stefan Schaum, der Arsch für alles.“ Schaum ist ein bergiger Mann mit Piercing an der Augenbraue, er trägt eine graue Hose und ein graues T-Shirt Größe XXL, aus dessen Kragen wölbt sich der rasierte Nacken zu einer breiten Falte. Mühsam steuert er seine Leibesmasse durch den engen Gang vorbei an vier weißen, menschenhohen Holzschränken in den Aufenthaltsraum.

          Schwarze Stoffsofas auf dunklem Teppichboden, es riecht nach Zigarettenrauch und saurem Schweiß. „Habt ihr die Wandschränke gesehen? Das sind gar keine.“ Er lacht. Es sind doppelt gedämmte Zimmertüren.

          Zwei Coins die Minute

          „Willige Frauen in deiner Nähe!“ und „Heiße Girls, live und jetzt!“ Solche Anzeigen erscheinen auf Internetseiten oder in der Fernsehwerbung von Dmax, RTL 2 und Pro Sieben. Sie führen Hunderte User am Tag hierher, hinter die Doppeltüren. Manche Besucher bleiben nur Sekunden, manche viele Stunden in den Zimmern, sehen Jana, Honey Diamond und Amy X dabei zu, wie sie sich nackt auf Laken räkeln. Natürlich heißen die Frauen eigentlich anders. Natürlich sind die Besuche nur virtuell.

          Im Zimmer ist es heiß, das Thermometer an der Wand zeigt 28 Grad. Durch dicke Schallschutzvorhänge fällt trübes Licht auf blaue Bettlaken, drei Monitore, fünf Kameras. Überall Kabel, ein USB-Headset, Stöckelschuhe und Dildos in verschiedenen Größen, viel nackte Haut, Kichern, Stöhnen. Eine Mischung aus Chatroom, Peepshow und Strip-Club auf acht Quadratmetern. Honey Diamond hat ihre Schicht gerade erst begonnen.

          Wer der jungen Frau beim Sex mit sich selbst zusehen will, muss sich auf einer Plattform einloggen und seine Volljährigkeit per Personalausweis nachweisen. Erste Videos und Fotos sind gratis, erst der Chat kostet. Nach drei Klicks ist man beim echten Menschen. Dafür kauft der User sich per Sofortüberweisung ein paar Coins, so heißt die Währung in dieser Welt. Zwei Coins kostet die Standardminute, das sind 1,60 Euro. Weitere Leistungen kosten extra.

          Demokratisierung des Pornos

          Am teuersten ist „Cam to Cam“, exklusives Chatten zu zweit, das kostet neun Coins, also 7,20Euro die Minute. Davon bekommt die Frau 90 Cents, der Hauptteil geht an den Provider der Seite. Er fungiert als eine Art Marktplatz für Sexcam-Anbieterinnen, die von zu Hause aus arbeiten oder in einem Studio wie „Vision1Media“. Das behält wiederum 17 Prozent ein, für Wasser, Strom und den Geschäftsführer.

          Thomas Krattenmacher tritt aus seinem Büro in den Gang. Er ist der Geschäftsführer. Ein großer Mann um die fünfzig, schütteres, graues Haar, silberne Brille. Er trägt ein leuchtend blaues Camp-David-Hemd, eine teure Uhr und neue Timberlands. Zum Rauchen lässt er sich auf einem der schwarzen Sofas nieder und stellt sich einen Aschenbecher zwischen die Beine. Er will gern über sich sprechen, darüber, warum er das alles macht seit zwölf Jahren. Seine Sätze klingen beschwichtigend. Wie lauter Rechtfertigungen, auch ohne Anklage.

          Dabei ist die Sexcam-Branche in letzter Zeit viel weniger umstritten als etwa das Pornogeschäft oder Prostitution. Schließlich kommt es zu keinem „echten“ Geschlechtsverkehr, die Frauen, heißt es, würden zu nichts gezwungen. So wechselt etwa in der vielbeachteten Netflix-Dokumentation „Hot Girls Wanted“ eine der porträtierten minderjährigen Pornodarstellerinnen am Ende ins Webcam-Geschäft, was als Ausweg aus der Unterdrückung durch die Produzenten gewertet wird, denn dort habe sie mehr Freiheit und sei selbstbestimmt. Und der amerikanische Regisseur der Doku „Cam Girlz“ (2015), Sean Dunne, spricht von einer regelrechten „Demokratisierung des Pornos“ durch Webcams.

          Geschäftsführer für Telefonsex

          Bei „Vision1Media“ scheint die Atmosphäre entspannt und beinahe familiär, die Couchecke ist ausgestattet mit Fernseher und Kaffeemaschine, und Krattenmacher gibt sich als väterlicher Freund.

          In München hat er mal Koch gelernt, hielt es am Herd aber nicht lange aus. Zu langweilig. Über Gelegenheitsjobs kam er zum Film, schaffte es bis zum Cutter des Doku-Regisseurs Peter Schamoni. Die beste Zeit. Doch dann kam die Digitalisierung. Statt drei Wochen Schnittzeit nur noch drei Tage, plötzlich gab es Software, die zu kompliziert war für einen, der sich das Schneiden von Filmrollen selbst beigebracht hatte. Die neuen Technologien hätten ihn überflüssig gemacht, sagt er.

          Virtueller, interaktiver Stripclub: Die Headsets für den nächsten Chat werden geladen.

          Krattenmacher heuerte bei einem Callcenter für Verbraucherservice an. Eine Branche, in der man um die Jahrtausendwende dubiose Machenschaften vermutete, Abzocke. Doch der Lohn stimmte, also blieb er. Der Besitzer hatte ein Nebengewerbe in Hamburg, irgendwas mit Telefonsex, das wussten alle, und als dafür ein neuer Geschäftsführer gesucht wurde, kam nur Krattenmacher in Frage. Jung, Single, offen, flexibel, geschäftstüchtig. Er zog nach Hamburg.

          Gratispornos machen das Geschäft kaputt

          Das Geschäft lief gut. Insgesamt 35 Frauen arbeiteten damals für die Firma. Sie zogen sich vor einer Webkamera aus und sagten versaute Sachen ins Telefon. Abgerechnet wurde hauptsächlich über das Telefonnetz und Dialer-Programme, die das Einwählen auf die kostenpflichtigen Sexseiten durch Analog- und ISDN-Modems ermöglichten. Bis zu 4,99 Euro die Minute, die vom User erst auf der Telefonrechnung am Ende des Monats bemerkt wurden.

          Die Umsätze waren stabil, alle Räume ausgebucht. Doch dann kam Krattenmacher schon wieder der technische Fortschritt dazwischen. Zum zweiten Mal in seinem Leben bedrohte die Digitalisierung seine Existenz. Denn dann kamen die DSL-Anschlüsse auf den Markt – und mit dem Breitbandinternet das Ende seines Geschäftsmodells.

          Erstens konnten durch die neuen DSL-Anschlüsse teure Dialer-Verbindungen gar nicht mehr aufgebaut werden. Die Abrechnung wurde komplizierter, die Umsätze brachen ein. Zweitens bedeutete DSL auch schnellere Verbindungsraten, somit kürzere Verweildauer auf den Sexseiten und weniger Umsatz. Und dann waren da plötzlich auch noch die ganzen Gratispornos im Internet. Doch diesmal wollte Krattenmacher nicht so einfach aufgeben.

          Coins pro Umdrehung

          Wer als Profi in der Pornoindustrie auf dem Markt überleben will, dreht krasse Sachen, die sich Amateure nicht leisten können. Oder nicht leisten wollen. Gewaltporno, Gang Bangs, Fetischsex. Auch Thomas Krattenmacher dachte sich, er müsse etwas anbieten, was der Kunde von der Konkurrenz oder im eigenen Bett nicht bekommt. Etwas, was er unbedingt haben will. Im Sommer 2010 machte Krattenmacher einen Termin mit einem Ingenieur.

          Ein Schneckenradgetriebemotor, 24Volt Spannung, bis zu 200 Umdrehungen pro Minute, bewegt eine rund 30 Zentimeter lange Edelstahlstange an einer Kurbelwelle. Als Verbindungsstück zu einem Kunststoffpenis dient eine Gartenschlauchkupplung. Kurz vor dem Dildo ist eine kleine Kamera montiert. Ein USB-Kabel verbindet die Maschine über den Rechner mit dem Internet.

          Wenn Honey, Jana oder Amy X Diamond auf den „On“-Knopf drückt, erscheint auf dem Bildschirm des Users eine Tachoanzeige: Für ein paar Coins mehr kann er jetzt die Maschine anwählen. Steuern, wie schnell und wie stark sich der Dildo am Kopf der Maschine bewegt. Für noch mehr Coins schaltet sich die Kamera an.

          Tetris bei der Arbeit

          So erkauft der User sich etwas, was er sonst nicht bekommt. Er kauft sich Kontrolle, er kauft sich Macht. Es ist eben die direkte Verbindung zu den Frauen, die zähle, sie allein halte die Branche am Markt, sagt Krattenmacher. Er war stolz auf seine Idee, die Frauen entsetzt. Die Maschine machte ihnen Angst.

          Doch wer das Gerät benutzte, steigerte schnell seine Umsätze. Heute kämen 35 Prozent der Einnahmen über die Maschine, sagt Krattenmacher. In jedem Zimmer steht eine. Die Frauen hätten sich mittlerweile damit arrangiert. Sie könnten ja besonders elastische Dildos draufschrauben, das tue weniger weh, und keine werde dazu gezwungen. Bis auf eine benutzen sie alle jeden Tag. Manche stellen die Kameras so ein, dass ihr Gesicht nicht zu sehen ist, wenn die Maschine läuft. Sie spielen dann nebenbei auf dem Handy Tetris.

          Zigaretten, Kaffeetasse, Desinfektionsmittel: Utensilien für einen ganz normalen Arbeitstag im Studio.

          Klar, die Männer könnten natürlich auch in den Puff gehen, sagt Krattenmacher, dafür müssten sie aber die Wohnung verlassen. Die Ehefrau käme dahinter, Freunde, Kinder, Bekannte. Im Internet bekommt niemand mit, was sie machen. Denken sie.

          Die Vorlieben der Anwälte

          Denn Krattenmacher und Schaum lesen mit. Von ihren Schreibtischen aus überwachen sie die Chats. Manchmal lachen sie, wenn sich die Männer vor den Frauen zum Affen machen. Manchmal schreiten sie ein oder lassen User sperren, etwa wenn Pädophile unterwegs sind. Oder wenn sich Camgirls mit den Männern treffen und aus Usern plötzlich Freier werden. Dreimal saß Krattenmacher schon wegen Anbahnung von Prostitution und Zuhälterei beim LKA. Dann zeigte er die gespeicherten Protokolle, bewies so seine Unschuld und durfte gehen.

          Die meisten Chats verlaufen ähnlich, viele wollen schnell zur Sache kommen. Zeit ist Geld. Aber es gibt auch die Speziellen. Von ihnen erzählen Krattenmacher und Schaum besonders gerne. Vom Anwalt aus der Schweiz, verliebt und selbstverliebt über beide Ohren, der einer Frau stundenlang von seinen Prozessen, Mandanten und Plädoyers erzählte. Sie nickte nur in die Kamera und lächelte, nach zwei Stunden kam er dann und legte auf.

          Oder der Steuerfachangestellte, der einem Camgirl zwölftausend Euro in bar zuschickte, abgezwackt aus der Firmenkasse. Einen anderen erregte das Geräusch von Papier, wenn es zerrissen wird. Schaum räumte nach Feierabend dann immer die Schnipsel weg.

          Homeoffice vor der Kamera

          Schaum, der Arsch für alles. Auch er gehört zu Krattenmachers Geschäftsmodell. Er baut die Profile aus, stellt Fotos online, kümmert sich um die Verträge und Werbeanzeigen, kauft Desinfektionsmittel für das Sexspielzeug. „Fünfundzwanzig Flaschen im Monat.“ Schaum grinst. Nicht anzüglich, eher müde. Müde von dem ganzen Sex, der ihn täglich umgibt. Von 14 bis 4 Uhr sind meistens alle Räume belegt. Manchmal dringt das Stöhnen trotz Schallschutz bis zu ihm ins Büro. Dann greift er zum Telefonhörer, wählt die Nummer des Raumes und bittet um etwas mehr Diskretion.

          Im Durchschnitt hat eine Frau rund 150 User am Tag. Die meisten gehen mit 2000 Euro brutto nach Hause, arbeiteten aber auch weniger, sagt Krattenmacher. Doch es gebe auch Ausnahmen. Die Bestverdienerin vom Monat Mai machte 11.989 Euro brutto in 157 Stunden.

          Die Frauen zwischen 22 und 43, die bei ihm unter Vertrag stehen, seien zufrieden mit der Bezahlung, den flexiblen Arbeitszeiten, der netten Atmosphäre. Dabei könnten sie mittlerweile auch von zu Hause aus arbeiten. Doch sie kommen hierher, um eine geregelte Arbeit zu haben. Hier ziehen sie sich aus, wie andere eine Uniform an, können nachts auf dem Heimweg den Job hinter sich lassen, wie andere ihre Akten im Büro. Und: Sie sind beschützt.

          Eine besondere Form der Fotographie

          Es gebe immer wieder Bekloppte, die sich in die Frauen verliebten und sie ausfindig machen wollten, sagt Schaum. Früher hätte mindestens einmal im Monat ein Verehrer vor der Tür gestanden. Breitschultrige Mitarbeiter hätten die Mädchen dann bis zum Auto begleitet. Seit sie hier im Gewerbegebiet sind, ist die Tür durch ein elektronisches Schloss und wechselnde Codewörter geschützt. Niemand soll wissen, was hinter den Wänden passiert, daher auch der Schallschutz.

          Sie sind erst seit drei Monaten in den neuen Räumen. Die Vermieterin des ehemaligen Firmensitzes, eine 86 Jahre alte Dame, habe das Geschäft jahrelang geduldet und sei oft sogar zum Kaffee rübergekommen. Doch dann starb sie, und die Erbin verdoppelte den Mietpreis. Es sei irre schwer gewesen, einen neuen Mietvertrag zu bekommen. „Einmal googeln reichte aus, und der Vermieter glaubte, wir sind ein Puff“, sagt Krattenmacher.

          Keiner wollte sie haben. Wieder musste ein Trick her, ein ganz simpler: Sie gaben sich einfach einen neuen Firmennamen. Der neue Vermieter glaubt, es handle sich um ein Fotostudio. So ganz falsch sei das nicht, sagt Krattenmacher. Schließlich würden manchmal ja auch Nacktfotos gemacht. Er lacht laut auf.

          24/7 aber kein Nachwuchs

          Doch der Chef ist unzufrieden zurzeit. Personalprobleme. Er sei mit den elf Frauen nicht ausgelastet, mit sieben Frauen mehr könne er rund um die Uhr senden. Aber die Akquise sei schwierig, sagt er. Es liege gar nicht mal daran, dass es niemand machen wolle. Sein Problem: Viele bleiben nicht lange, sie haben ein Ziel vor Augen, eine Geldsumme, die sie erreichen wollen.

          Wie neulich zwei türkischstämmige Studentinnen. Sobald der letzte Cent fürs Studium verdient war, kamen sie nicht wieder. Wie soll er nun an Nachwuchs kommen? Tageszeitungen und Anzeigenblätter hätten seine umständlich formulierten Stellengesuche längst durchschaut, und seine Gesuche nach „Fotomodellen“ bei Ebay-Kleinanzeigen blieben meist nur wenige Stunden online – bis sie von unsichtbarer Hand gelöscht würden.

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          Türquietschen. Honey Diamond kommt durch den Flur getappt, barfuß, die nackte Haut in eine graue Wolldecke gewickelt. Die 26-Jährige erzählt mit schwäbischem Akzent. Sie hat vor wenigen Tagen angefangen mit dem Sex vor der Webcam, kommt mit dem Zug für drei Acht-Stunden-Schichten von Berlin nach Hamburg. Das „Camen“ finde sie besser, als Pornos zu drehen, weil sie da allein sei, selbstbestimmt. Niemand fasst sie an. Die User seien bisher nett, mit „fickschnitzel“ habe sie gestern auf Schwäbisch gechattet, voll witzig, auch „harlekin“ sei okay.

          Mercedes mit Leder

          Sie hat Erzieherin gelernt, jahrelang für 1000 Euro brutto Kinder betreut. Einmal wurde sie als Tabledancer in einer Bar angeheuert, verdiente 800 Euro in 30 Minuten. „Was ist das für eine Welt?“, fragt sie. „In Berufen, in denen man wirklich was leistet, wird man schlechter bezahlt als für ein bisschen Arschwackeln? Bin ich blöd und lass mich ausnutzen?“ Nach der Arbeit schläft sie hier in der Wohnung in einer Art Abstellraum, in dem sonst Fotomaterial und Stative aufbewahrt werden.

          Um 19.30 Uhr: Pause. Es läuft „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die Frauen versammeln sich in der Couchecke. Amy, 29, blond, große braune Augen, hübsches Gesicht, isst Instantnudeln aus einer große Tasse, an den Füßen baumeln pinkfarbene Hausschlappen über schwarzen Netzstrümpfen.

          Amy hat investiert. Neue Brüste, falsche Haare. Keine verdient hier so viel wie sie. Auf dem Firmenparkplatz steht ihr Mercedes, neues Modell, schwarz-metallic, Innenausstattung aus Leder. Sie fährt damit nur in der Stadt, niemals nach Mecklenburg, wo die Eltern wohnen. Die würden sich wundern, wie man als Restaurantfachfrau an so einen Wagen kommt – nach nur eineinhalb Jahren Arbeit.

          „Sie wollen, dass wir laut schreien.“

          Jana, 29, Brille, rotgefärbtes, strähniges Haar, trinkt Kaffee. Sie arbeitet schon lange als Camgirl. „Viel zu lange“, sagt sie. Am Anfang habe sie Schulden gehabt, schnell Geld gebraucht. Der Freund studierte, verdiente nichts, also bewarb sie sich. Erst in einer Bäckerei, dann am Fließband, doch das Gehalt reichte nicht.

          Schließlich kam sie zu Krattenmacher und blieb. Aus den geplanten zwei Jahren wurden acht. Ihre Freunde lässt sie glauben, sie arbeite in einer Schwulenbar. So komme niemand auf die Idee, sie zu besuchen.

          Wenn Jana ihren Freund in einem der Chats entdecken würde, wäre Schluss, sagt sie. „Das sind keine netten Menschen, wir mögen die nicht.“ Auf Janas Stirn bildet sich eine tiefe Falte. „Die wollen uns kontrollieren, schreiben: Beweg dich für dein Geld! Selbst wenn sie mit Gratis-Gutscheincodes bezahlen. Sie wollen, dass wir laut schreien.“ Auch Amy nickt. „Es ist eklig, wenn sie dir ins Ohr stöhnen, dann kommen sie dir so nah vor, so direkt. Und durch die Maschine wollen sie sich mächtig fühlen, weil sie es sonst nicht sind.“

          Die Maschine läuft weiter

          Nur Honey Diamond lächelt noch. Sie sagt: „Aber ich kann die Maschine ja ausmachen, wenn ich keinen Bock hab.“ Amy und Jana schauen sich an, verdrehen die Augen. Honey ist noch nicht lange genug dabei. Ihr Blick sagt: Wenn du neun Coins pro Minute verdienst, machst du die Maschine nicht aus. Du denkst an dein Auto, deine Schulden, deine Eigentumswohnung – und hältst durch. Auch eine halbe Stunde, auch bei 200 Stößen pro Minute.

          Die Pause ist um. Schaum klatscht sich mit dem rechten Zeigefinger auf das linke Handgelenk. Hopphopp. An die Arbeit, Mädels. Die Frauen schlurfen zurück in ihre Zimmer. Sie haben noch die ganze Nacht vor sich.

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