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Liedermacher Fredrik Vahle : Seht mal, wer da schwingt

  • -Aktualisiert am

Mit Pferdeschwanz und rotem Hemd: Fredrik Vahle, 75 Jahre, bei einem Konzert in Berlin. Bild: Andreas Pein

Seit mehr als 45 Jahren ist er einer der bekanntesten Kinderliedermacher - und immer noch unterwegs. Ein Treffen mit Fredrik Vahle.

          Es scheint leicht. Zehn Minuten bevor sein Konzert beginnt, schlendert Fredrik Vahle gemächlich durch die Stuhlreihen. Die linke Hand in der Hosentasche seiner weiten Cordhose, in der rechten ein Windspiel, ein Zylinder aus Ton. Er steigt über Maxi-Cosis, vorbei an flitzenden Zwei- bis Sechsjährigen auf dem Boden. Ab und an bleibt er vor einem Kind stehen, lässt den Klöppel des Instruments baumeln, das Kind dran ziehen. Sie musizieren. Vermutlich. Zu hören ist nichts. In dem fensterlosen Kellersaal in Berlin-Prenzlauer Berg herrscht Kita-Atmosphäre mit Elternüberschuss, überall Quaken, Krähen, Rufen, es riecht nach Windeln und Wundcreme.

          Es ist, als beruhige Vahle mit dem langsamen Klingen des Shanti-Instruments sich selbst. Früher kam er Flöte spielend auf die Bühne zu. Jetzt also ein Windspiel. Und an den Füßen beige Socken mit Gummisohle - Barfußschuhe, wird er später beim Kaffee erklären. Es kommen einem Zeilen aus einem seiner Bücher für Erzieher in den Sinn, in dem er über Selbstfürsorge, das innere Kind und die Notwendigkeit schreibt, bei sich zu sein. Dazu im Ohr der vorsichtige Tonfall seines Lektors, als er erzählte, Vahles neues Album im Frühjahr sei spiritueller, Titel: „Alles ist Schwingung, alles ist Klang“.

          Fast jedes Jahr folgt eine neue Platte

          Es scheint hier leicht, Vahle in eine Ecke zu stellen: irgendwie esoterisch, klangschalig. Der Kinderliedermacher selbst hat seine Arbeit häufig so charakterisiert: „Als ich anfing, sagten die Kinder: Das sind ja gar keine Kinderlieder, aber spiel mal noch eins.“

          Vahle, an diesem Tag früh um sechs im einem Dorf bei Gießen aufgebrochen, ist mit seinen 75 wohl mit Abstand der älteste im Raum. Dieses "Kinderkonzert" macht zumindest die westdeutschen Eltern hier wieder zu Kindern: Die meisten werden mit ihm aufgewachsen sein, seit der ersten Platte „Die Rübe“ 1973, dann kam „Der Spatz“, „Der Elefant“ und gut 40 andere folgten, fast jedes Jahr eine, auch mal mehrere Platten in einem Jahr. Sie werden später am Nachmittag Hits wie „Anne Kaffeekanne“ an ein paar Tönen erkennen und „Hase Augustin“ mitsummen, bevor ihre Kinder merken, was Vahle da auf der Gitarre andeutet.

          Und doch: Während Fredrik Vahle da also vor dem Konzert im Publikum umherstreift mit seinem Windspiel, mag es sein, dass sie ihn gar nicht wahrnehmen. Vielmehr: ihn gar nicht erkennen.

          Das geschmeidige Handwerk eines Liedermachers

          Er war stets der glattrasierte Typ Oberstudienrat mit akkuratem Herrenschnitt und Metallgestellbrille, auf Plakaten und Plattenrückseiten. Die wolkenweißen Haare sind nun zu einem dürren Pferdeschwanz gebunden, an den Backen Koteletten wie Wattebäusche, die Augenbrauen so buschig, dass sie unterm Scheinwerfer dunkle Schatten werfen. Nur das rote Hemd, das er so häufig bei Auftritten zu tragen pflegt, dass es fast überall auftaucht, wenn man im Internet nach Fotos von ihm sucht, das trägt er auch an diesem Tag.

          Und dann steht Vahle auf der Bühne und ruft: „Könnt ihr mich alle sehen?“ - „Ja!“ - „Könnt Ihr mich alle hören?“ - „Jaaa!“ - „Könnt ihr mich alle riechen?“ - Pause - „Na-hain!“ - „Neulich haben Kinder mal gesagt, ich rieche nach altem Opa“, schiebt er grinsend hinterher ins Mikro. Er, der gerade noch still durch die Reihen schwebte, hat die Kinder nach diesem Dialog eingefangen. Es ist das geschmeidige Handwerk eines Mannes, der seit 45 Jahren Kinder für sich einnimmt, nach wie vor dauernd unterwegs ist, auch in vielen Kitas und Schulen, und nebenbei die Kasperle-Fragen mit lässiger Selbstironie aufrüscht. Er macht Faxen mit der Gitarre, paddelt damit durch die Luft, legt sie an den Hals wie eine Geige, die Ukulele hält er sich als Telefon ans Ohr, er spielt „Seht mal, wer da rennt! Ist das nicht der Augustin, das Naturtalent?“, und die Kinder hopsen.

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