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Selbstversuch : Tour de Fraß

  • -Aktualisiert am

Teil der türkisen Fahrrad-Flotte: Unser Autor als Deliveroo-Kurier unterwegs in Frankfurt. Bild: Victor Hedwig

Viele Fahrradkuriere beschweren sich über die Arbeitsbedingungen. Was ist an ihren Klagen dran? Um das herauszufinden, setze ich mich selbst in den Sattel. Ein Bericht von der Straßenfront.

          8 Min.

          Verdammt. Wieso klebt an meiner Hand Pilzsauce? Ich schaue zuerst meine Finger an und dann den Mann, der mir gegenübersteht. Ein schwarzer Vollbart sprießt über seinem T-Shirt, unter dem er mit Feuerwerksraketen gemusterte Boxershorts trägt. Es ist zwei Uhr mittags, und der Typ sieht aus, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen. Sein rechter Fuß steckt in einer Tennissocke, der linke in einer Wollsocke, und in meiner Hand halte ich sein Essen, Kostenpunkt 12,60 Euro: Tortellini mit Pilzsauce, die mittlerweile ausgelaufen ist.

          Meine erste Lieferung geht also direkt schief. „Entschuldigung“, sage ich und strecke ihm die Schale mit den Tortellini hin. „Passt das so?“ Der Bärtige brummelt irgendwas, nimmt mir das Essen ab und dreht sich wieder um. Kein Trinkgeld. Okay, verdient hätte ich es nicht. Aber auch ohne mein Malheur hätte er mir wohl keins gegeben. Wo hätte er es denn verstecken sollen? Unterm T-Shirt? In seinem Vollbart?

          Die erste Schicht läuft schief

          Weil ich keinen neuen Auftrag bekomme, mache ich für heute Schluss. Nach zwei Stunden Arbeit habe ich fünfeinhalb Euro verdient. Hrmpf. Meine erste Schicht hatte ich mir anders vorgestellt.

          Zugegeben – ein Stundenlohn von 2,75 Euro ist selbst bei Deliveroo und Foodora die Ausnahme. Aber besonders üppig sind die Gehälter nicht, die die Lieferdienste ihren Fahrradkurieren zahlen. Foodora und Deliveroo sind zwei Start-ups, die damit werben, Essen aus dem Lieblingsrestaurant pfeilschnell an die eigene Haustür zu liefern. Dazu arbeiten sie mit ausgewählten Restaurants und einer Flotte von Fahrradkurieren zusammen.

          Viele Fahrer beschweren sich

          Die größten Unterschiede zwischen Foodora und Deliveroo sind die Farbe der Uniform und die Art der Anstellung: Foodora-Kuriere tragen Pink, sind festangestellt und verdienen zwischen neun und zehn Euro pro Stunde. Deliveroo-Kuriere tragen Türkis und können auch selbständig arbeiten: Freelancer bekommen fünf bis sechs Euro je Lieferung. Hinzu kommen jeweils Trinkgeld und eventuelle Boni. Ihr Equipment (Fahrrad, Smartphone, Datenvolumen) müssen die mehrere tausend deutschen Kuriere aus eigener Tasche bezahlen.

          In vielen Städten protestieren sie deshalb gegen die ihrer Ansicht nach schlechten Arbeitsbedingungen. Weil ich wissen wollte, was an den Beschwerden der sogenannten Rider dran ist, wurde ich für einige Schichten selbst zu einem. Ich lieferte Sushi und Scampi an Banker und Doktoren, befragte altgediente Fahrradkuriere und besuchte sogar eine ihrer Protestveranstaltungen. Was ich dabei gelernt habe: Die Arbeit als Kurier kann unter Umständen ein toller Nebenjob sein. Aber sich damit das Leben zu finanzieren ist schwierig und hart.

          Fahrradfahren beim Einstellungstest

          Dass die Ansprüche von Deliveroo an neue Mitarbeiter nicht besonders hoch sind, merke ich bereits bei der Bewerbung, die wohl die unkomplizierteste meines Lebens ist. Auf einer Website schaue ich ein paar Videos an und beantworte einige simple Fragen, dann trage ich mich für eine Testfahrt ein. Zwei Tage später treffe ich in Frankfurt vor dem ehemaligen EZB-Gebäude Jasper, der meine Fahrrad-Fähigkeiten beurteilt. Nach einer kurzen Fahrt am Main entlang, die offenbar das Bewerbungsgespräch ersetzt, ist Jasper zufrieden. Wir radeln zusammen zur Frankfurter Deliveroo-Dependance, wo ich einen Arbeitsvertrag als Freelancer unterschreiben soll.

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