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Ein letzter „Polizeiruf“ : Uwe Steimle: Der Gekränkte

„Ich kann nicht anders, ich muss mein Maul aufmachen” Bild: Christoph Busse

Der Schweriner „Polizeiruf“ hat sich auserzählt, sagt der NDR. Doch Uwe Steimle ist überzeugt, dass er aus politischen Gründen und wegen Aufmüpfigkeit rausgeschmissen wurde. Heute abend ermittelt er ein letztes Mal als Fernsehkommissar Jens Hinrichs.

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          „Furchtbar!“ Furchtbar ist ein Lieblingswort von Uwe Steimle, der das natürlich Sächsisch ausspricht. Der Satz „Das is do furschbar!“ gehört zu seinem festen Repertoire, und an diesem Sonntagabend wird er ihn zu Hause vermutlich ein paarmal seufzen. Denn heute läuft sein letzter „Polizeiruf 110“. Ein letztes Mal ermittelt Steimle als Kommissar Jens Hinrichs in Schwerin. Seit einem halben Jahr weiß er, dass Schluss ist. Kurz nach Drehende und 15 Jahren Zusammenarbeit teilte ihm der NDR mit, dass die Serie nach Rostock umzieht, mit neuem Team. Seitdem ist Steimle auf 180.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Schweriner Polizeiruf habe sich auserzählt, teilte der NDR mit, doch Steimle lässt das nicht gelten. Gleich im November hat er deshalb ein Riesenfass aufgemacht, von Dolchstoß und Berufsverbot gesprochen. „Ich wurde entfernt. Das Wort benutze ich nach wie vor“, sagt er heute. Er habe doch schriftlich, wie zufrieden der Sender mit ihm sei. Mit ihm, dem Grimmepreisträger mit Kultstatus, einer Säule der ARD. Selbst die Quoten stimmten. „Man kann doch nicht erst jemanden loben und dann einfach so entfernen.“

          Wegen Aufmüpfigkeit rausgeschmissen

          Steimle ist überzeugt, dass er aus politischen Gründen und wegen Aufmüpfigkeit rausgeschmissen wurde. Er hat für die Linkspartei Peter Sodann mitgewählt und sich oft über den „Polizeiruf“ beschwert. Die Krimi-Reihe sei politisch nicht gewollt und deshalb schlecht gemacht. Im Gegensatz zum „Tatort“ werde der „Polizeiruf“ mies plaziert und kaum beworben; Drehbücher kämen zu spät, Drehzeiten würden verkürzt, und weder Produzenten noch Autoren interessierten sich für die soziale Wirklichkeit im Osten. „Es geht immer um imaginäre Banden, und am Ende ist der Russe schuld“, wettert Steimle. „Heraus kommt dann Betroffenheit pur: Die armen Kinder von Schwerin.“ So heißt der Film, der heute Abend um Viertel nach acht in der ARD läuft.

          Die Schauspieler Uwe Steimle und Markus Tellheim bei Dreharbeiten in Schwerin.
          Die Schauspieler Uwe Steimle und Markus Tellheim bei Dreharbeiten in Schwerin. : Bild: ZB

          Tatsächlich ist dieser letzte Schweriner „Polizeiruf“ an Tristesse kaum zu überbieten, zeigt bröckelnde Fassaden, Suff und hungernde Kinder. Die Realität wird arg simplifiziert - nur ist das in beinahe jedem „Tatort“, auch im Westen, nicht viel anders. „Ich habe gedroht, das nicht mehr zu spielen, weil wir hier dümmer sind, als die Polizei erlaubt“, schimpft Steimle. Dann aber sei er unter Druck gesetzt und an seinen Vertrag erinnert worden. In dieser Bundesrepublik könne man eben nicht unabhängig von seiner politischen Meinung und Einstellung arbeiten. „Die Leute sollen wissen: Hier werden absurde Dinge gespielt. Was hier läuft, ist abenteuerlich. Das ist doch alles kein Zufall. Es gibt überhaupt keine Zufälle. Und deshalb: Meuterei auf der Bounty!“

          Ungerechtigkeit, keine Verschwörung

          Puuuh. Wir sitzen im Dresdner Großen Garten, am Mosaikbrunnen, einem der Lieblingsplätze Steimles. Er erschien froh gelaunt im buntem Pullover, Jeans mit silberner Krokodilgürtelschnalle und Cowboystiefeln; jetzt hat er im Nu verbal alle Revolver gezogen. Herr Steimle, ist das nicht ein bisschen viel Verschwörung? „Nein! Keine Verschwörung. Dinge, die ungerecht sind, müssen als ungerecht bezeichnet werden dürfen.“ Beim NDR gelte der „Polizeiruf“ noch immer als Relikt der DDR und sei, wie der gesamte Osten, in der Bundesrepublik allenfalls geduldet. „Ich bin dem Sender nicht gram und um Gottes Willen auch nicht beleidigt“, sagt er auf einmal ruhig. Im Grunde sei er sogar froh, aus der Mühle raus zu sein. „Die sollen beim nächsten Mal einfach nur ehrlich sein und mir offen sagen, was ihnen nicht passt.“

          Der NDR weist die Vorwürfe als „Unsinn“ zurück. „Rollen enden, das ist normal, große Schauspieler bleiben.“ Und Uwe Steimle sei ein sehr geschätzter Schauspieler, mit dem man sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen könne. „Zurzeit gibt es aber keine konkreten Pläne“, sagt eine Sprecherin. Es sei eben Teil des Berufes, dass Dinge zu Ende gehen und neue beginnen, hat auch Felix Eitner, Steimles Co-Kommissar im „Polizeiruf“, nach dem Aus gesagt. „Wenn Uwe das anders sieht, liegt das an seiner manchmal etwas seltsamen Sicht auf die Welt.“

          Eine seltsame Sicht auf die Welt

          Eine etwas seltsame Sicht auf die Welt ist auch das Markenzeichen von Günther Zieschong, jenem wendegeschädigten, rechthaberischen Ex-Brigadier, den Steimle Anfang der neunziger Jahre erfand und den er seitdem im Fernsehen und auf der Bühne so brillant wie erfolgreich spielt. Es ist schon sehr komisch, wenn er als Günther Zieschong verschämt in sich zusammengesunken eine Kontaktanzeige aufgibt oder bebend vor Zorn den Westen anbrüllt: „Was habt ihr denn aus uns gemacht? Guckt mich doch an! Ich war Parteisekretär, und jetzt muss ich durch die Kirche führen! Ist euch denn nischt mehr heilig?“ Das Publikum lacht schallend, nicht nur im Osten, auch tief im Westen sind seine Vorstellungen ausverkauft; kürzlich wurde er in Ulm gefeiert.

          Es ist ohnehin nicht so, dass Steimle ohne „Polizeiruf“ arbeitslos wäre. Er spielt als Kabarettist fünf Solo-Programme, schreibt Bücher, produziert CDs, imitiert perfekt Erich Honecker und tritt in Talkshows auf, zuletzt bei Maischberger. Es ging um das Thema „Sechzig Jahre Bundesrepublik“, die Gäste waren Gregor Gysi, Guido Knopp und Wolfram Weimer. Nichts, wo man hätte sonderlich brillieren müssen, doch Steimles Auftritt geriet zum Desaster. Furchtbar habe er sich dort gefühlt, erzählt er. „Ich war total erschöpft und habe zwei Stunden gebraucht, um mich zu regenerieren.“

          Im Osten keine Lobby

          Den meisten Zuschauern ging das vermutlich ähnlich, die Kritiken jedenfalls waren vernichtend. Als notorischer Nörgel-Ossi, Jammer-Sachse und hoffnungslos gestrig wurde er geschmäht. „Die Bundesrepublik war 1989 genauso am Ende wie die DDR, nur auf höherem Niveau“, gab er unter anderem zum Besten. Selbst Gregor Gysi war diese offen zur Schau gestellte Miesepetrigkeit sichtlich peinlich. Dabei sei er gar kein Stänkerer oder Störenfried, sagt Steimle. Aber mit welchem Lächeln dort die größten Gemeinheiten verkauft wurden, das habe ihn aufgeregt. „Ich behaupte: Wir im Osten leben in einem besetzten Land. Wir haben keine Lobby. Im Westen muss sich niemand dafür rechtfertigen, was er vierzig Jahre lang getrieben hat.“

          Offenbar glaubt Steimle, diese Lobby für die Ostdeutschen selbst verkörpern zu müssen - in Talkshows und neuerdings auch auf der Bühne. Dort unterbricht er zuweilen seine Rolle, erklärt vermeintlich Bedeutendes zum Zeitgeschehen (“Die Zukunft liegt in der Vergangenheit“), hebt den Zeigefinger und mahnt: „Mal drüber nachdenken.“ Das Publikum reagiert irritiert. Steimle hat das Wort „Ostalgie“ erfunden, er behauptet, dass in der DDR „nicht alles nur gut“ war, und er verwendet den Begriff Kehre statt Wende. „Das sagt's am besten, der Wald gehört jetzt wieder dem Adel, und es geht in die Gegenrichtung.“ Gewendet habe sich dagegen nichts, schon gar nicht zum Guten.

          Er donnert mit Vollgas durch die eigenen Welt

          Als Beifahrer sitzt man erstaunt bis fassungslos neben ihm, während er mit Vollgas durch seine eigene Welt donnert. Die friedliche Revolution findet er schon mal „furchtbar“: „Wenn die Leute gewusst hätten, was sich hier abspielt . . .“ Meinen Sie das ernst? „Ich wollte nicht eine Minute - der Herr ist mein Zeuge! - nicht eine Minute in die Bundesrepublik.“ Die DDR will er allerdings auch nicht wiederhaben. Es sei ja schön, dass man jetzt reisen könne, aber so ein Pass mache auch nicht frei. Und überhaupt: „In Bildung, Kunst und Kultur, in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit waren wir doch viel weiter als die Bundesrepublik.“ Die DDR aber werde immer nur reduziert auf Unrechtsstaat, Stacheldraht und Stasi. Wie Deutsche mit Deutschen umgehen, sei einfach abenteuerlich. Und dass der Palast der Republik, den selbst die „New York Times“ gelobt habe, weggerissen wurde, der reinste Frevel.

          In Steimles Welt geht es viel um „wir“ und „die“, wobei „die“ entweder „die da oben“ oder „die im Westen“ sind - verflochten mit Großkapital und Medien. „Wir leben in einer inszenierten Mediendemokratie, es geht um Verschleiern und um Wegdrücken, aber das Kartenhaus wird bald über uns zusammenbrechen.“ Es klingt alles sehr verbittert. „Nein, nein, ich bin ein großer Optimist“, sagt er daraufhin wie ausgewechselt. „Ich liebe das Leben, es ist phantastisch. Und wenn morgen die Welt untergeht, pflanzen wir heute noch einen Apfelbaum.“ Steimle hat schon mehrere Apfelbäume gepflanzt, die Welt aber ist immer noch da. Er ist ein durchaus sympathischer Gesprächspartner, aber es ist zuweilen unmöglich, ihm zu folgen.

          Alle unter einer Decke

          Das Großkapital hat den Palast der Republik weggesägt? „Natürlich! Die stecken doch alle unter einer Decke. Gucken Sie sich Dresden an. Warum sieht die Innenstadt heute so aus wie Kassel und Hannover? Das ist doch grauenvoll!“ Steimle steigert sich ins Extreme, provoziert und mischt sich ein. „Ich kann nicht anders. Ich muss mein Maul aufmachen.“ So auch in Dresden, wo vor wenigen Wochen Unbekannte auf dem neu gestalteten Postplatz im Zentrum eine mit Stiefmütterchen bepflanzte Kloschüssel aufstellten und mit dem Hinweis „Scheiße gebaut, Stadt versaut“ versahen. Das „Protestklo“ richtete sich gegen die das Zentrum verschandelnde, austauschbare Nachwendearchitektur und erlangte schnell große Popularität.

          Steimle nahm die Steilvorlage an, schrieb einen genialen Sketch für Günther Zieschong und dessen Nachbarin Ilse Bähnert, verkörpert von Tom Pauls; tags darauf führten beide das Stück live auf dem Postplatz auf. Aufmerksamkeit und Jubel für die Aktion waren groß, und man hätte es dabei belassen können. Aber Steimle spülte noch mal durch und ließ vier weitere Protestklos an Bausünden aufstellen, garniert mit Sprüchen wie „Besatzerarchitektur in Rheinkultur“ und „Im Westen durfte ich nichts planen, drum kam ich her, um abzusahnen“. Da lächelten auch viele Dresdner nur noch gequält; die Oberbürgermeisterin bat persönlich, die Sache zu beenden.

          In seinem Programm lässt Steimle Günther Zieschong über die Bundesrepublik sagen: „Wir hätten das System erst mal leasen sollen, dann könnten wir's jetzt zurückgeben.“ Entweder findet Uwe Steimle aus seiner Rolle nicht mehr heraus - oder er spielt einfach sich selbst. Als wir den Großen Garten verlassen, kommt uns eine Schulklasse entgegen. Die Erstklässler gucken und tuscheln, die Lehrerinnen lächeln, und dann sagen sie alle im Chor: „Guten Tag, Herr Zieschong!“ „Guten Tag“, antwortet Uwe Steimle und freut sich.

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