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Ein letzter „Polizeiruf“ : Uwe Steimle: Der Gekränkte

Als Beifahrer sitzt man erstaunt bis fassungslos neben ihm, während er mit Vollgas durch seine eigene Welt donnert. Die friedliche Revolution findet er schon mal „furchtbar“: „Wenn die Leute gewusst hätten, was sich hier abspielt . . .“ Meinen Sie das ernst? „Ich wollte nicht eine Minute - der Herr ist mein Zeuge! - nicht eine Minute in die Bundesrepublik.“ Die DDR will er allerdings auch nicht wiederhaben. Es sei ja schön, dass man jetzt reisen könne, aber so ein Pass mache auch nicht frei. Und überhaupt: „In Bildung, Kunst und Kultur, in der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit waren wir doch viel weiter als die Bundesrepublik.“ Die DDR aber werde immer nur reduziert auf Unrechtsstaat, Stacheldraht und Stasi. Wie Deutsche mit Deutschen umgehen, sei einfach abenteuerlich. Und dass der Palast der Republik, den selbst die „New York Times“ gelobt habe, weggerissen wurde, der reinste Frevel.

In Steimles Welt geht es viel um „wir“ und „die“, wobei „die“ entweder „die da oben“ oder „die im Westen“ sind - verflochten mit Großkapital und Medien. „Wir leben in einer inszenierten Mediendemokratie, es geht um Verschleiern und um Wegdrücken, aber das Kartenhaus wird bald über uns zusammenbrechen.“ Es klingt alles sehr verbittert. „Nein, nein, ich bin ein großer Optimist“, sagt er daraufhin wie ausgewechselt. „Ich liebe das Leben, es ist phantastisch. Und wenn morgen die Welt untergeht, pflanzen wir heute noch einen Apfelbaum.“ Steimle hat schon mehrere Apfelbäume gepflanzt, die Welt aber ist immer noch da. Er ist ein durchaus sympathischer Gesprächspartner, aber es ist zuweilen unmöglich, ihm zu folgen.

Alle unter einer Decke

Das Großkapital hat den Palast der Republik weggesägt? „Natürlich! Die stecken doch alle unter einer Decke. Gucken Sie sich Dresden an. Warum sieht die Innenstadt heute so aus wie Kassel und Hannover? Das ist doch grauenvoll!“ Steimle steigert sich ins Extreme, provoziert und mischt sich ein. „Ich kann nicht anders. Ich muss mein Maul aufmachen.“ So auch in Dresden, wo vor wenigen Wochen Unbekannte auf dem neu gestalteten Postplatz im Zentrum eine mit Stiefmütterchen bepflanzte Kloschüssel aufstellten und mit dem Hinweis „Scheiße gebaut, Stadt versaut“ versahen. Das „Protestklo“ richtete sich gegen die das Zentrum verschandelnde, austauschbare Nachwendearchitektur und erlangte schnell große Popularität.

Steimle nahm die Steilvorlage an, schrieb einen genialen Sketch für Günther Zieschong und dessen Nachbarin Ilse Bähnert, verkörpert von Tom Pauls; tags darauf führten beide das Stück live auf dem Postplatz auf. Aufmerksamkeit und Jubel für die Aktion waren groß, und man hätte es dabei belassen können. Aber Steimle spülte noch mal durch und ließ vier weitere Protestklos an Bausünden aufstellen, garniert mit Sprüchen wie „Besatzerarchitektur in Rheinkultur“ und „Im Westen durfte ich nichts planen, drum kam ich her, um abzusahnen“. Da lächelten auch viele Dresdner nur noch gequält; die Oberbürgermeisterin bat persönlich, die Sache zu beenden.

In seinem Programm lässt Steimle Günther Zieschong über die Bundesrepublik sagen: „Wir hätten das System erst mal leasen sollen, dann könnten wir's jetzt zurückgeben.“ Entweder findet Uwe Steimle aus seiner Rolle nicht mehr heraus - oder er spielt einfach sich selbst. Als wir den Großen Garten verlassen, kommt uns eine Schulklasse entgegen. Die Erstklässler gucken und tuscheln, die Lehrerinnen lächeln, und dann sagen sie alle im Chor: „Guten Tag, Herr Zieschong!“ „Guten Tag“, antwortet Uwe Steimle und freut sich.

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