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Ein letzter „Polizeiruf“ : Uwe Steimle: Der Gekränkte

Der NDR weist die Vorwürfe als „Unsinn“ zurück. „Rollen enden, das ist normal, große Schauspieler bleiben.“ Und Uwe Steimle sei ein sehr geschätzter Schauspieler, mit dem man sich eine weitere Zusammenarbeit vorstellen könne. „Zurzeit gibt es aber keine konkreten Pläne“, sagt eine Sprecherin. Es sei eben Teil des Berufes, dass Dinge zu Ende gehen und neue beginnen, hat auch Felix Eitner, Steimles Co-Kommissar im „Polizeiruf“, nach dem Aus gesagt. „Wenn Uwe das anders sieht, liegt das an seiner manchmal etwas seltsamen Sicht auf die Welt.“

Eine seltsame Sicht auf die Welt

Eine etwas seltsame Sicht auf die Welt ist auch das Markenzeichen von Günther Zieschong, jenem wendegeschädigten, rechthaberischen Ex-Brigadier, den Steimle Anfang der neunziger Jahre erfand und den er seitdem im Fernsehen und auf der Bühne so brillant wie erfolgreich spielt. Es ist schon sehr komisch, wenn er als Günther Zieschong verschämt in sich zusammengesunken eine Kontaktanzeige aufgibt oder bebend vor Zorn den Westen anbrüllt: „Was habt ihr denn aus uns gemacht? Guckt mich doch an! Ich war Parteisekretär, und jetzt muss ich durch die Kirche führen! Ist euch denn nischt mehr heilig?“ Das Publikum lacht schallend, nicht nur im Osten, auch tief im Westen sind seine Vorstellungen ausverkauft; kürzlich wurde er in Ulm gefeiert.

Es ist ohnehin nicht so, dass Steimle ohne „Polizeiruf“ arbeitslos wäre. Er spielt als Kabarettist fünf Solo-Programme, schreibt Bücher, produziert CDs, imitiert perfekt Erich Honecker und tritt in Talkshows auf, zuletzt bei Maischberger. Es ging um das Thema „Sechzig Jahre Bundesrepublik“, die Gäste waren Gregor Gysi, Guido Knopp und Wolfram Weimer. Nichts, wo man hätte sonderlich brillieren müssen, doch Steimles Auftritt geriet zum Desaster. Furchtbar habe er sich dort gefühlt, erzählt er. „Ich war total erschöpft und habe zwei Stunden gebraucht, um mich zu regenerieren.“

Im Osten keine Lobby

Den meisten Zuschauern ging das vermutlich ähnlich, die Kritiken jedenfalls waren vernichtend. Als notorischer Nörgel-Ossi, Jammer-Sachse und hoffnungslos gestrig wurde er geschmäht. „Die Bundesrepublik war 1989 genauso am Ende wie die DDR, nur auf höherem Niveau“, gab er unter anderem zum Besten. Selbst Gregor Gysi war diese offen zur Schau gestellte Miesepetrigkeit sichtlich peinlich. Dabei sei er gar kein Stänkerer oder Störenfried, sagt Steimle. Aber mit welchem Lächeln dort die größten Gemeinheiten verkauft wurden, das habe ihn aufgeregt. „Ich behaupte: Wir im Osten leben in einem besetzten Land. Wir haben keine Lobby. Im Westen muss sich niemand dafür rechtfertigen, was er vierzig Jahre lang getrieben hat.“

Offenbar glaubt Steimle, diese Lobby für die Ostdeutschen selbst verkörpern zu müssen - in Talkshows und neuerdings auch auf der Bühne. Dort unterbricht er zuweilen seine Rolle, erklärt vermeintlich Bedeutendes zum Zeitgeschehen (“Die Zukunft liegt in der Vergangenheit“), hebt den Zeigefinger und mahnt: „Mal drüber nachdenken.“ Das Publikum reagiert irritiert. Steimle hat das Wort „Ostalgie“ erfunden, er behauptet, dass in der DDR „nicht alles nur gut“ war, und er verwendet den Begriff Kehre statt Wende. „Das sagt's am besten, der Wald gehört jetzt wieder dem Adel, und es geht in die Gegenrichtung.“ Gewendet habe sich dagegen nichts, schon gar nicht zum Guten.

Er donnert mit Vollgas durch die eigenen Welt

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