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Ein Leben mit der Schuld : Es wird nie wieder gut

Die Schuld kommt mit einem Zittern, wie eine Art Schüttelfrost. Bild: Thomas Fuchs

Auf dem Supermarkt-Parkplatz fuhr sie aus Versehen einen Menschen tot. Seitdem lauert die Schuld überall. Die Frau muss lernen, mit ihr zu leben. Doch das fällt schwer.

          8 Min.

          Die Schuld erwischt sie nachts, wenn die Frau schweißgebadet aus dem Schlaf hochschreckt. Sie wartet nachmittags, wenn die Frau vom Büro zum Bahnhof läuft, wo sie früher doch immer das Auto genommen hat. Wenn der Feierabend lockt, wenn die Vögel zwitschern und sie plötzlich denkt, wie schön das Leben sein könnte, wie leicht. Wäre ihr das nicht passiert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Morgens lauert die Schuld in der S-Bahn. Die Frau setzt sich vorsorglich auf die andere Seite des Waggons, damit ihr Blick nicht auf den Parkplatz fällt, falls sie aus Versehen aufsieht. Sie holt ihr Buch aus der Handtasche und fängt sofort an zu lesen. Wenn sie Glück hat, wenn sie tief genug versunken ist, fährt sie einfach daran vorbei. Das aber gelingt ihr selten. Meistens reicht die blecherne Stimme der Haltestellendurchsage, und schon bricht die Schuld über sie herein. „Nächste Station. . .“ Der Parkplatz, auf dem sie einen Menschen totgefahren hat, liegt direkt hinter dem Bahndamm.

          Die Schuld kommt mit einem Zittern, wie eine Art Schüttelfrost. Sie fährt ihr in den Bauch, wo sich der Magen verkrampft. In der Brust wird es eng. Es ist kein Schmerz, wie wenn man sich den Fuß verstaucht. Die Schuld sitzt überall. Besonders im Kopf. Die Gedanken drehen sich, wirbeln um immer denselben Punkt. Was hat sie getan? Wie konnte das passieren? Und warum ausgerechnet ihr? Es gibt nur Fragen, keine Antworten. Und das Wissen: Sie ist schuld, dass ein Mann gestorben ist.

          Sie wollte nur Blumenerde kaufen

          Ein Frühlingsabend vor gut einem Jahr, kurz vor Ladenschluss. Die Frau wollte Blumenerde kaufen. Jeden Tag auf dem Heimweg von der Arbeit kommt sie an diesem Gartencenter vorbei, und hätte am Vortag nicht ihre Tochter mit im Auto gesessen, die müde war und nach Hause wollte, der Einkauf wäre längst erledigt gewesen. Die Frau war gut drauf. Im Radio lief ihr Lieblingslied, ein Song von The Boss Hoss. An der letzten Ampel vor der Einfahrt hielt sie bei Gelb, obwohl sie genauso gut hätte fahren können. Wäre sie mal noch gefahren. Hätte, wäre, wenn. Aber sie hatte ja Zeit.

          In aller Ruhe lenkte sie den Wagen auf den Parkplatz und stellte fest, dass die einzige freie Lücke zu schmal für ihren Polo war. Dann fuhr sie rückwärts, zehn, zwanzig Meter. Blick in den Rückspiegel. Blick in den Seitenspiegel. Eben wollte sie sich umdrehen. Vielleicht war sie einen Tick zu schnell. Der Richter sollte später sagen, sie sei zu schnell gefahren. Dann kam der Knall. Den älteren Herrn, der seine Einkäufe zum Auto getragen hatte und jetzt auf dem Pflaster lag, hatte sie nicht gesehen.

          Von jetzt auf gleich war alles anders. Zwar hatte der Mann keine äußeren Verletzungen, als der Rettungswagen ihn ins Krankenhaus fuhr. Auch die Polizisten waren nett zu ihr. Trotzdem fuhr die Frau mit zitternden Knien nach Hause. Und am nächsten Tag fragten die Kollegen: „Wie siehst du denn aus?“ Sie wiegelte ab. Suchte nach einem ruhigen Moment, um die Bürotür hinter sich zu schließen und den Anwalt anzurufen, den der ADAC empfohlen hatte. Es kostete sie Überwindung. Aber noch stieg sie jeden Morgen in ihr Auto, um zur Arbeit zu fahren.

          Das Ende des alten Lebens

          Eine Woche später sagte der Anwalt am Telefon, dass der Mann gestorben sei. Eine Hirnblutung in Folge des unglücklichen Sturzes. Der Frau wurde übel. Sie schloss sich auf der Toilette ein. Ließ sich von ihrer Tochter bei der Arbeit abholen, meldete sich für den Rest der Woche krank und legte sich ins Bett. Sie aß nicht mehr. Sie schlief nicht mehr. Sie wollte sich verkriechen und wünschte, sie wäre unsichtbar.

          Warum hielt die Welt nicht einfach an? Da ist einer tot - und alles geht weiter wie bisher? Sollte sie ins Kloster gehen? Auf einer bayerischen Alm anheuern? Brunnen bauen in Afrika?

          Die Frau spürte, dass ihr altes Leben zu Ende war.

          Sie redet leise. Manchmal bebt für einen Moment ihr Kinn. Dann werden ihre Augen glasig, weil plötzlich Wasser darin steht. Sonst ist ihre Stimme klar. „Das Leben geht weiter“, sagt sie. Ihr Mann sagt das. Ihre Töchter sagen das. Die Therapeutin sagt das. Wenn die Frau es sagt, klingt sie wie eine Schülerin, die ihren Stoff auswendig gelernt hat. Sie glaubt nicht an das, was sie sagt. Sie weiß, dass es nicht stimmt.

          Dabei mochte sie ihr Leben. Sie war jetzt fünfzig, eine Süddeutsche, die des Studiums wegen ins Rheinland gezogen war und dort geheiratet hatte. Die Familie bewohnte ein Häuschen mit Garten; solange die Töchter klein waren, fuhr man im Sommer nach Holland ans Meer. Inzwischen gingen die Mädchen an die Universität. Sie hatten in der Schule keinen Ärger gemacht, und auch die Frau arbeitete wieder, Bauingenieurin, Vollzeit. Der Job machte ihr Spaß. Ihre Ehe war auch nicht schlechter als die ihrer Freundinnen.

          Sie war ein fröhlicher, zupackender Mensch, optimistisch und immer positiv. Selbst eine Krebserkrankung, die so rechtzeitig bemerkt wurde, dass ihr die Chemotherapie erspart blieb, änderte daran nichts. Für die Frau war klar, ganz gleich, ob im Büro oder daheim: Für jedes Problem findet sich eine Lösung. Wird schon alles, irgendwie. Nicht einmal vor Arbeitslosigkeit hatte sie Angst. Fehler gehörten zum Leben dazu. Eine ihrer Stärken war es, in Krisen Auswege zu finden. Als eine Freundin sich das Leben nahm, war die Frau fassungslos. Wie kann man nur die eigenen Kinder im Stich lassen!

          Arbeiten, um weiterleben zu können

          Plötzlich verstand sie es. Plötzlich schien ihr der Tod ein Ausweg. Weil sie nichts mehr hielt. Nichts machte mehr Sinn. Alles schien umsonst. Und sie konnte es nicht ändern. Sie konnte gar nichts tun.

          Die Arbeit war ihre Rettung. Nach einer Woche zwang sie sich zurück ins Büro, weil sie fürchtete, auch noch das letzte bisschen Stabilität zu verlieren. Sie musste funktionieren, sie musste sich konzentrieren. Das lenkte ab. Zum Glück war viel zu tun. Eine neue Aufgabe übernahm die Frau mit einer Miene, die den Chef fragen ließ, ob sie sich der Auszeichnung überhaupt bewusst sei. Außerdem Krankheitsvertretungen, zusätzlich zum normalen Pensum. Wenn die Frau blass und abgespannt war, tippten die Kollegen auf Überlastung.

          Sie schlief schlecht. Bis heute schläft sie schlecht. Sie hat Angst, nicht einzuschlafen. Angst, nachts aufzuwachen. Angst, dann wach zu liegen. Die Schuld nistet im Frieden der Dunkelheit. Nicht, dass da schlimme Bilder wären. Die Frau träumt nicht von dem Unfall. Der Körper des Mannes ist in ihrer Erinnerung unversehrt. Sein Gesicht sieht sie nie. Sie weiß nichts über ihn, sie weiß nichts von seiner Frau. Sie will auch nichts davon wissen. Schlimm genug, dass der Mann so alt war wie ihr Vater.

          Ablenkung im Nachtprogramm

          Manchmal versucht sie, die Schuld kleinzurechnen. Vielleicht zwanzig Jahre seines Lebens hat sie dem Mann geklaut, denkt sie dann. Ein Segen, dass es kein Kind gewesen ist. Sie selbst hat immerhin fünfzig gute Jahre gehabt. Ist das eine erträgliche Bilanz? Wenn sie in der Zeitung liest, dass eine Mutter mit kleinen Kindern in eine Bushaltestelle gerammt ist oder ein junger Taxifahrer einen tödlichen Unfall verursacht hat - Menschen, die ihr ganzes Leben vor sich hatten -, wird ihr Mitgefühl so groß, dass das eigene Elend einen Moment lang schrumpft.

          Für die Nächte hat sie Tricks. Sie lässt den Fernseher laufen, bis die Müdigkeit sie überwältigt, und wenn sie später wieder hochschreckt, heftet sie ihre Aufmerksamkeit ans Nachtprogramm, damit kein Platz ist für Gedanken. Am besten sind politische Talkshows, die interessieren sie wirklich.

          Oder sie macht eine Atemübung ihrer Therapeutin. Die Frau stellt sich vor, wie zwei Energiestrahlen in ihren Körper strömen, einer vom Himmel, der andere aus der Erde. In der Mitte, wo die Ströme sich treffen, entsteht eine Kugel, in der sie geborgen ist. Sie fühlt sich dann ein bisschen wie in dem Film „Avatar“, wie einer dieser blauen Gutmenschen. So einer wollte sie immer sein.

          Für die Tage gibt es kein Rezept. Wann immer die Frau über die Straße geht, starren die Menschen sie an. Denkt sie zumindest. Weil sie glaubt, man könne ihr die Schuld ansehen. Als stünde ihr auf der Stirn, wie ein Mal, eine Art Markierung, für jedermann sichtbar: Mörderin. Die Frau ist überzeugt, dass jeder Schläger, jeder Hooligan, jeder Randalierer besser ist als sie. Deren Opfer leben nämlich noch. Da hilft es nichts, dass die Töchter, die Therapeutin, der Anwalt ihr vorbeten, es sei ein Unfall gewesen. Das Gericht hat sie wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Für die Frau klingt das wie Mord.

          Fast niemand weiß, was passiert ist

          Deshalb redet sie auch mit keinem. Sie weiß doch, wie die Welt funktioniert und die Medien ticken: Täter sind böse. Opfer sind gut. Wenn ihr Chef davon wüsste! Die Zumba-Trainerin! Die Kassiererin im Supermarkt! Ihre Eltern! Wenn sie in den Blicken der anderen tatsächlich die Verachtung sähe, von der sie glaubt, sie hätte sie verdient!

          Sie malt sich aus, wie ihr Vater reagieren würde: „Bist du denn verrückt geworden? Wie kann denn so etwas passieren?“ Der letzte Rest an Farbe weicht aus ihrem Gesicht. Es sind dieselben Vorwürfe, die sich Nacht für Nacht durch ihren Kopf schieben, Tag für Tag, wenn die Schuld sie packt, mit dem Unterschied, dass es keine Ausflüchte gibt, keine praktischen Sorgen, kein Hätte-Wäre-Wenn. Nur das nackte Entsetzen über sie. Fünfzig Jahre lang war sie eine unbescholtene Frau mit einem vorzeigbaren Leben, nicht einmal ein Pünktchen in Flensburg hatte sie. Jetzt ist sie ein Nichts.

          Mit ihrem Bruder telefoniert sie oft stundenlang. Er fragt nie: „Wie geht es dir?“ Er fragt: „Was gibt es Neues?“ Sie antwortet dann: „Jeden Tag dasselbe, stehst früh auf, gehst zur Arbeit, kommst nach Hause.“ Im Zweifelsfall ist er es, der erzählt. Die Frau war schon immer eine gute Zuhörerin. „Analphabeten mogeln sich auch durchs Leben“, sagt sie. In gewisser Weise hat sie es geschafft. Sie ist unsichtbar.

          Nur ihr Mann, die Töchter und eine Freundin wissen von dem Unfall.

          Mit ihrem Mann bespricht sie das Nötigste. Er ist kein Gefühlsmensch, und immerhin hat er sich bis jetzt nicht von ihr getrennt. Er darf kein allzu schlechtes Bild von ihr bekommen. Die Töchter sagen: „Wir stehen das zusammen durch.“ Dann muss die Frau weinen. Sie fühlt sich oft allein. Die Freundin empfahl ihr, psychologische Hilfe zu suchen. „Man dreht sonst durch“, sagt die Frau. Verarbeitet das nie. Hat Angst, dass es einen immer wieder einholt. Sie sagt: „Man braucht jemanden, der einem sagt: Du bist nicht so schlecht.“

          Ihr Auto hätte sie am liebsten sofort verkauft. Jetzt fährt es die Tochter. Die Frau geht zu Fuß. Radelt zur Haltestelle und nimmt die S-Bahn. Wenn sie ihre Eltern in Süddeutschland neuerdings mit dem Zug besucht, lügt sie, das sei billiger. Dabei hätte sie früher für keinen Grund der Welt ihr Auto stehen lassen. Ihr Stück Freiheit, egal, wie lange sie im Stau stand. Der Führerschein steckt noch im Portemonnaie, Erstausstellungsdatum 1986. Niemand in der Familie fuhr sicherer als sie. Nicht einmal ein Knöllchen wegen Falschparkens ging auf ihr Konto.

          Es ist nicht so, dass sie sich das Fahren nicht mehr zutrauen würde. Ihr Vertrauen ist weg, die Zuversicht, dass es schon gutgehen wird. Denn was, wenn nicht? Sie ist ein gebranntes Kind, der Bonus der Unbescholtenen - dahin. Eine Wiederholungstäterin würde man vielleicht ins Gefängnis sperren. Die Gesellschaft würde sie ausspeien, endgültig. Und ist auch zehnmal kein Auto in Sicht: Die Frau wartet heute an jeder Straße, bis die Fußgängerampel auf Grün umspringt. Sie fürchtet sich nicht vor einem neuen Unfall. Sie fürchtet den Vorwurf: Selbst zum Gehen zu blöd.

          Sie muss lernen, sich selbst zu verzeihen

          Die Schuld unterscheidet den Täter vom Opfer. Aber der Täter ist das Opfer der Schuld. Der Anwalt der Frau hat vor Gericht ein kluges Plädoyer gehalten. Er sprach von zwei Frauen, die für den Rest ihres Lebens mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen hätten - die Hinterbliebene natürlich, die Fahrerin aber auch. Wenn nun ein Gerichtsurteil dazu da ist, um Unrecht zu sühnen und Schuld zu tilgen - wie soll das in so einem Fall gelingen? 120 Tagessätze für ein Menschenleben? Für einen Augenblick der Unachtsamkeit, wie er jedem unterlaufen könnte? Mit unermesslichen Folgen? Kein Urteil bringt den Toten wieder. Kein Urteil bringt dem Täter Frieden.

          Die Psychologin sagt, die Frau müsse sich selbst verzeihen. Aber die Frau weiß nicht, wie das geht. Sie kennt keinen Gott, den sie um Vergebung bitten könnte. Sie hat keine Religion, die festlegen würde, wann es genug wäre mit der Buße. Ihre Blumenerde kauft sie inzwischen im Supermarkt. Die Boss- Hoss-CD hat sie verbannt. Eine Zeitlang dachte sie, sie dürfe nie wieder in den Urlaub fahren. Nicht lachen, wenn jemand einen Witz erzählt. Sie hat aufgehört, sich die Fingernägel zu lackieren. Als habe sie jedes Recht auf Glück verwirkt.

          Die Schuld klebt an ihr, sagt die Frau. Die Psychologin widerspricht: „Das ist ein Teil von Ihnen, Sie tragen das. Und Sie dürfen sich ruhig eine Kerze anzünden und es sich daheim gemütlich machen.“ Die Frau spult Ratgebersätze herunter: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ich muss das akzeptieren. Ich muss mich trotzdem lieben. Es hilft niemanden, wenn ich wie ein Trauerklops herumlaufe.“

          Neulich hat sie sich einen neuen Rock gekauft. Dann ein Armband. Sie hat es getan, ganz bewusst, obwohl ihr das passiert ist. Die Schuld hat sich nicht gerührt. Manchmal stellt sie fest, dass sie ein paar Stunden lang überhaupt nicht an den Unfall gedacht hat, und die Freude darüber ist größer als das schlechte Gewissen. Manchmal schreckt sie nachts nur noch zweimal hoch. „Es wird nie wieder gut“, sagt die Frau. Aber vielleicht wird es eines Tages besser.

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