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Ein Kind austragen, das sterben wird : Zwei Tage lang waren sie zu sechst

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„Wenn Sie abtreiben, haben Sie einen klaren Schnitt“, sagt der Arzt. Er meint es gut. „Das ist in einer solchen Situation der übliche Weg.“
„Wenn Sie abtreiben, haben Sie einen klaren Schnitt“, sagt der Arzt. Er meint es gut. „Das ist in einer solchen Situation der übliche Weg.“ : Bild: F.A.Z.

Anika Müller hat das Gefühl, damals nicht richtig aufgeklärt worden zu sein. „Die Ärztin hat mir nur zwei Alternativen gezeigt: Abbruch oder medizinische Vollversorgung nach einem vorzeitigen Kaiserschnitt.“ Doch ein frühgeborenes Kind direkt nach der Geburt schmerzhaften Operationen mit sehr geringer Überlebenschance zu unterziehen, kam für sie nicht in Frage: „Ich wollte den leichtesten Tod für meine Tochter wählen. Aber ich habe nicht daran gedacht, dass man auch nur sterbebegleitende Maßnahmen einführen könnte, um dem Kind einen friedlichen Tod zu ermöglichen.“

Noch heute ist sie enttäuscht und wütend auf die Ärzte, die ihr diesen Weg nicht ebenso angeboten hatten wie die Abtreibung. „Sie können es auch austragen“, war ein kurzer Satz, ausgesprochen, als sei das eine geradezu absurde Alternative. Auch deshalb engagiert Müller sich bei der Initiative Regenbogen „Glücklose Schwangerschaft“ e.V.: „Die Eltern sollten umfassend über ihre Möglichkeiten aufgeklärt werden. Denn von allein kommen sie in einer solchen Situation nicht darauf.“

Warum raten Ärzte in Deutschland eher zum Schwangerschaftsabbruch? Ärztin Inga Wermuth sieht eine Ursache mitunter in einer generellen Tabuisierung des Themas in der Gesellschaft. „Schwangerschaft und Geburt werden gemeinhin als etwas Wunderbares, Rosarotes, Schönes empfunden und häufig auch bewusst so in der Öffentlichkeit dargestellt. Wie soll eine so schwierige und schlimme Situation da zufriedenstellend integriert werden?“, sagt die Medizinerin.

Kein ausreichendes Hilfsangebot

Ärzte könnten zudem von der Befürchtung geleitet sein, dass es eine nicht tragbare Belastung für die schwangere Frau ist, wenn sie ein Kind weiter austragen und gleichzeitig von ihm Abschied nehmen muss. Wermuth wünscht sich, dass dieses Thema besser untersucht wird, um mehr über die Erfahrungen und Bedürfnisse betroffener Familien und auch die Perspektive und Beweggründe der Ärzte zu erfahren. „Außerdem haben wir immer noch kein ausreichendes Hilfsangebot. Weder für Ärzte, Hebammen und Schwestern, die damit ja auch umgehen müssen, noch für die Familien.“ Viele Eltern hätten das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein.

An einem Sonntag im Mai beginnen Swetlana Petershagens Wehen. Sie kommt ins Krankenhaus und entbindet ihre Tochter Silvana ohne Komplikationen. Das Kind lebt. Dem kleinen Mädchen sieht man die schwere Krankheit nicht an, es wiegt 2628 Gramm und hat ein rosiges Gesicht. Doch gleich nach der Geburt bringen die Ärzte sie auf die Intensivstation.

Am Montagmorgen holt Jens Petershagen seine Kinder aus der Schule und bringt sie in die Klinik. Sie sollen ihr Schwesterchen kennenlernen, solange sie noch lebt. Eine Krankenschwester legt die kleine Silvana in die Arme der Mutter, die Geschwister und der Vater stehen im Kreis um sie herum. Eine Klinikfotografin kommt auf die Intensivstation und macht das Familienfoto, das sich Swetlana Petershagen so sehr gewünscht hatte. Für wenige Stunden sind sie zu sechst. Am Tag darauf wird Silvana notgetauft, kurze Zeit später stirbt sie. Sie wurde zwei Tage alt.

Einige Monate nach dem Tod seiner Tochter Silvana sitzt Jens Petershagen im Wohnzimmer und holt die Fotos von der Intensivstation aus einer Schublade. Er betrachtet sie lange. Sandra, seine älteste Tochter, schaut ihm dabei über die Schulter. Dann hat sie eine Idee: „Papa, wir sollten das Familienbild im Wohnzimmer austauschen. Es ist nicht mehr aktuell.“

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