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Ein Kind austragen, das sterben wird : Zwei Tage lang waren sie zu sechst

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Bei einer Abtreibung würden solche Phantasien, Gefühle und Gedanken oft jäh unterbrochen und blieben ohne Antwort. „Dass der Moment, in dem das Kind, das man sich so sehr gewünscht hat, auch wirklich da ist, kann der Mutter beim Abschiednehmen helfen.“ Wermuth hat im Rahmen ihrer Untersuchung insgesamt 50 Eltern befragt, die mit einem frühen Kindstod umgehen mussten: „Alle diejenigen Eltern, die ihr Kind im Arm hielten, als es gestorben ist, haben es als positiv empfunden“, sagt Wermuth. „Keine Mutter und kein Vater haben es trotz der teils bedrückenden Empfindungen bereut.“

Swetlana Petershagen muss öfter zu Untersuchungen als in ihren vorherigen Schwangerschaften, alle 14 Tage. Es muss sichergestellt sein, dass sie keine Risiken eingeht. Außer einem Überschuss an Fruchtwasser verläuft die Schwangerschaft normal. Auf den Ultraschallfotos erkennt sie Beinchen, Arme, ein Gesicht. Bald weiß Petershagen, dass es ein Mädchen wird. Woche um Woche wächst die Hoffnung auf eine Lebendentbindung. „Solange sie in meinem Bauch ist, geht es ihr gut.“ Der Gedanke beruhigt Swetlana.

Es fehlt an Hilfsangeboten für Mütter, die kranke Kinder austragen wollen.
Es fehlt an Hilfsangeboten für Mütter, die kranke Kinder austragen wollen. : Bild: F.A.Z.

Die Zeit vergeht. Ihre anderen Kinder ahnen nicht, dass in dem Bauch ihrer Mutter ein Baby heranwächst, das kurz nach der Geburt sterben wird, vielleicht vorher. Einige Monate vor der Geburt entscheiden sich die Eltern, es ihren anderen Kindern zu sagen. Sie rufen die drei ins Wohnzimmer und erklären den sechs, acht und zwölf Jahre alten Kindern, was sich bald ereignen wird. „Sie waren zwar traurig, dass ihr Geschwisterchen nicht lange bei ihnen sein würde“, sagt Jens Petershagen. „Aber sie haben mit uns zusammen gehofft, dass sie es wenigstens noch kurz kennenlernen.“

Der Geburtstermin rückt immer näher. Swetlana Petershagen entscheidet sich für den Namen Silvana, sucht Babykleider aus, die ihre Tochter bei der Trauerfeier tragen wird. Noch bevor das Kind geboren ist, macht sie sich Gedanken darüber, wie es beerdigt werden soll. Ihr Mann Jens hat Angst vor der Zeit nach der Entbindung. Angst vor der Leere, die das Warten ersetzen wird. Angst davor, was kommt, wenn die wenigen Augenblicke, in denen das Kind lebt, verstrichen sein werden. Was dann? Wie hält das eine Liebesbeziehung aus? Und wie trauert man um einen Menschen, den man gar nicht kennenlernen konnte?

Wenigstens noch kennenlernen

Er muss darüber reden, aber es fehlen die Gesprächspartner. Zwei Wochen vor dem Entbindungstermin meldet sich der Vater in dem Internet-Forum „Krankes Baby Austragen“ an. Dort trifft er auf Eltern, die in einer ähnlichen Lage sind oder waren wie er und seine Frau. Das 2011 gegründete Forum hat derzeit etwa 200 Mitglieder, es gibt 2000 bis 3000 Seitenzugriffe am Tag. „Ich konnte dort Fragen stellen, die mich schon lange beschäftigt hatten, weil ich wusste, dass diese Leute mich verstehen würden“, sagt Jens Petershagen.

Natürlich gebe es kein Rezept, wie man mit so einem Schicksal umgehe, sagt der Vater. Jedes Kind habe eine andere Krankheitsgeschichte und eine unterschiedliche Lebenserwartung. „Trotzdem fühlt man sich in diesen Foren weniger allein.“ Oft bleiben die Eltern noch lange nach der Geburt bei der Plattform angemeldet, um anderen Familien beizustehen. Sie alle wollen die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch nicht verurteilen. Auch Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, besuchen das Forum und teilen ihre Geschichte. Die Forenmitglieder sind sich nahezu alle einig über ein Problem, das viele Familien in ihrer Situation hätten: Sie neigten dazu, den Ärzten blind zu vertrauen. Diese raten oft: Abhaken, vergessen, neu versuchen.

So ging es Anika Müller aus Homburg. Sie hat vor neun Jahren ihre Schwangerschaft vorzeitig beendet, weil ihr Baby eine tödliche Fehlbildung hatte. Ein Arzt leitete mit einem Medikament die Geburt ein, das Kind starb unter den Wehen und kam mit 360 Gramm auf die Welt. „Es waren die schlimmsten Schmerzen, die ich je erlebt habe“, sagt Müller. Noch immer bebt ihre Stimme, wenn sie von diesem Tag erzählt.

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