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Plastikmüll auf Karibik-Inseln : „Das ist kein Paradies, sondern ein Krisengebiet“

Bild: EPA

Cyrill Gutsch verbringt viel Zeit in der Dominikanischen Republik, um dort die Plastikkrise zu lösen. Ein Interview über zerstörte Paradiese, die Macht von Videos, die viral gehen, und die Verantwortung der Industrienationen.

          3 Min.

          Herr Gutsch, die Dominikanische Republik verbinden in Deutschland viele mit perfekten Stränden, Postkartenwetter und Flitterwochen. Was haben Sie für ein Bild von der Insel?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Diese Phantasie ist leider nicht mehr aktuell – und zwar auf fast keiner der Karibik-Inseln. Stattdessen werden die Strände dort regelmäßig mit Tonnen von Plastikmüll überschwemmt. Den Großteil verursachen die Leute, die dort leben. Es gibt kein System, mit dem Müll umzugehen. Die Menschen schmeißen ihn an Orte, die gut zugänglich sind. Oft ist das direkt an Flüssen, in der Dominikanischen Republik zum Beispiel am Río Ozama. Es reicht ein Tag, an dem es heftig stürmt und regnet, dann entlädt sich das alles in Richtung Meer.  

          Die von Ihnen 2012 gegründete Umweltschutzorganisation „Parley for the Oceans“ hat unlängst ein Video veröffentlicht, das viral gegangen ist: Zu sehen ist ein Meer voller Müll. War das eine Ausnahmesituation?

          Nein, so sieht es dort nach jedem starken Regenfall aus. Und nur ein kleiner Prozentsatz des Plastiks wird an Land zurückgespült, vieles landet im offenen Meer. Das Problem ist nicht nur das, was man sieht. Plastik zerfällt in kleine Stücke, an denen Tiere herumnagen, giftige Chemikalien werden freigesetzt. Es verteilt sich überall hin.

          Was haben Sie in der Dominikanischen Republik gemacht?

          Aufgeräumt, innerhalb von drei Tagen haben wir mit der Armee und Freiwilligen 30 Tonnen Plastikmüll eingesammelt. Das ist aber nicht die Lösung. Deswegen klären wir über Plastik auf, gehen an Schulen, arbeiten mit der Regierung und Unternehmen zusammen. Das Ziel ist, dass weniger Leute Plastik benutzen. Wir sind eine neue Art von Umweltschutzorganisation, wir wollen nicht protestieren oder warnen, dafür ist es zu spät. Wir suchen stattdessen nach Lösungen. Wir haben ein großes Netzwerk und wollen Wissen vermitteln, aufräumen, aus dem alten Plastik neue Produkte entwickeln. Außerdem forschen wir nach Materialien, die Plastik langfristig ersetzen können. Die Wirtschaft spielt eine große Rolle bei der Verschmutzung, kann aber genauso zur Lösung des Problems beitragen. Die Unternehmen können sehr schnell etwas verändern.

          Wie denn?

          Ich bin eigentlich Designer und glaube, dass alle Probleme, die wir haben, immer einen wirtschaftlichen Hintergrund haben. Es werden auf die falsche Art und Weise Geschäfte gemacht. Beim Plastik ist das Problem das Material selbst: Es gibt keinen Weg, es richtig zu benutzen, weil immer Rückstände bleiben. Recycling ist als kurzfristige Lösung zu befürworten. Langfristig brauchen wir ein neues Material. Wir forschen und entwickeln Materialien, die Plastik langfristig ersetzen können.

          Gibt es da schon Erfolge?

          Es entstehen gerade viele neue Materialien, die sind zwar noch nicht einsetzbar, aber wir sind überzeugt: In nächsten fünf bis sieben Jahren kann man alle Plastikarten ersetzen.

          Warum protestieren Sie nicht, wie andere Umweltschutzorganisationen?

          In einer Zeit, in der die Probleme so offensichtlich sind, bringen Schuldzuweisungen nichts mehr. Es ist besser, auf Innovationen und Kreativität zu setzen. Unternehmen, die sich als Erste umstellen, werden einen großen wirtschaftlichen Vorteil haben. Das ist wie bei der digitalen Revolution: Wer nicht mitzieht, hat einen Nachteil.

          Vor ein paar Monaten ist ein Video viral gegangen, das Plastikmüll im Meer vor Bali zeigte. Jetzt gibt es Ihren Film aus der Dominikanischen Republik. Arbeiten Sie bewusst mit diesem Kontrast zwischen vermeintlichem Urlaubsparadiesen und der Zerstörung durch Müll?

          Mit diesen Inseln verbinden alle eine heile Welt. Das stellen wir bewusst infrage: Es gibt keinen Platz mehr auf der Erde, den wir nicht schon fast komplett zerstört haben – selbst in den berühmtesten Paradiesen nicht. Dort ist es besonders einfach, Probleme sehr sichtbar zu machen.

          Der Müll wird vom Regen ins Meer gespült – und von den Wellen teilweise zurück gebracht. Bilderstrecke

          Entsteht so in den Industrienationen nicht der Eindruck: Mit der Plastikkrise haben wir nichts zu tun?

          Das wäre grundfalsch. Erstens sind wir für wahnsinnig viel Produkte verantwortlich, weil wir sie produzieren. Außerdem leben wir vor, wie man damit umgeht. Wir schaffen die Standards. Und auch in deutschen Flüssen findet man mehr Plastikteilchen als Fischlaich. Es gibt ja kaum noch Glasflaschen. Wenn man Wasser aus einer Plastikflasche trinkt, nimmt man Mikropartikel von Plastik auf. Wenn man Auto fährt, reibt sich Plastik ab. Selbst beim Tragen von Kleidern lösen sich Plastikpartikel. Es sind genau die gleichen Probleme, aber nicht so sichtbar, sondern mikroskopisch klein.

          Wie sieht es jetzt an dem Strand aus, den Sie aufgeräumt haben?

          Gut, aber nur bis zum nächsten Sturm. Deswegen verhandeln wir gerade mit den Behörden. Wir wollen in die Schulen und über Plastik aufklären. Nur so kann man nachhaltig etwas verändern. Aus dem Müll stellen wir neue Produkte her. Es liegt so viel Plastik im Meer, dass es völlig absurd wäre, noch neues zu produzieren, das dann irgendwann auch dort landet.

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          Legen Sie sich denn wenigstens nach dem Aufräumen mal an den Strand?

          Ich habe mich in der Dominikanischen Republik noch nie an den Strand gelegt. Auf manchen Inseln wie Bali war ich noch nicht mal im Wasser. Wenn man weiß, was da los ist, sieht man es mit anderen Augen. Das ist kein Paradies, sondern ein Krisengebiet.

          Sie übertreiben. Waren Sie nicht wenigstens mal auf den Malediven im Wasser?

          Doch, dort schon. Das war lange unser Hauptprojekt. Und wenn man da wochenlang ist, geht man tauchen, genießt die Natur und weiß wieder, wofür man kämpft: Wale, Delfine, Seepferdchen. Mit jedem Stück Plastik, das wir aus dem Meer holen, können wir eines dieser Tiere retten.

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