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Jim Belushi im Interview : „Heute betäuben sich doch alle auf irgendeine Weise“

  • -Aktualisiert am

„Ich habe diesen Mann monatelang studiert“: In „Wonder Wheel“ spielt Belushi einen Vater, dessen Tochter mit einem Mafioso durchgebrannt ist. Bild: AFP

Lange stand Jim Belushi im Schatten seines Bruders John, der mit „Blues Brothers“ zur Legende wurde. Erst nach dessen Tod konnte er sich als Schauspieler etablieren. In Woody Allens neuem Film „Wonder Wheel“ spielt Belushi nun einen leidgeprüften Vater.

          Viele Ihrer Kollegen berichten, Woody Allen habe kaum mit ihnen gesprochen, noch weniger Regieanweisungen gegeben und sie wussten eigentlich nie, ob er zufrieden mit einer Szene war. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

          Nun, ich habe vor vielen Jahren einmal mit Oliver Stone in Salvador gearbeitet. Das war noch vor „Platoon“. Und als Schauspieler hast du diesen Instinkt, wenn am Ende der Szene jemand „Cut“ ruft. Die schaust sofort zum Regisseur. Und Oliver verzog jedes Mal ganz fürchterlich das Gesicht, als ob er gleichzeitig verzweifelt und wütend sei. Dieser Mann gibt dir jeden Tag das Gefühl, eine Fehlbesetzung zu sein. Und wenn ich wissen wollte, was los ist, sagte er nur: spiel es noch einmal. So ging es immer weiter und ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Irgendwann sagte er: Ich möchte, dass du mehr herum jammerst. Zu diesen Zeitpunkt jammerte ich sowieso schon. Und so hatte er mich emotional genau dorthin dirigiert, wo er mich haben wollte.

          Ich ahne, worauf Sie hinaus wollen. Woody Allen ist im Regieuniversum die Antithese zu Oliver Stone?

          Woody dreht die meisten Szenen genau einmal und verkündet anschließend: das war doch in Ordnung. Ich könnte es für den Film verwenden. Und dann kommt die nächste Szene. Das ist auf seine Weise ähnlich verunsichernd. Ich will ja nicht „in Ordnung“ sein, sondern gut. Irgendwann habe ich im gesagt: Woody, eine Szene ist entweder grandios oder Mist. Und "in Ordnung" ist eindeutig in der Mist-Zone angesiedelt. Er könnte tatsächlich etwas direkter sein.

          Die meisten Schauspieler sollen ohnehin ständig mit Selbstzweifeln kämpfen.

          Das ist richtig. Und manchmal wünscht du dir dann jemanden, der dich aufbaut, statt dich zusätzlich zu verunsichern.

          Woher nehmen Sie dann doch immer wieder den Mut, vor der Kamera Ihr Herz und Ihre Seele zu öffnen?

          Auf diese Rolle habe ich mich so intensiv vorbereitet, wie noch nie zuvor in meiner Karriere. Ich habe diesen Mann monatelang studiert. Denn ich wusste, ich arbeite mit Kate Winslet. Am ersten Tag kam ich dann zum Drehort und da standen dann Kate Winslet, Woody Allen und sein legendärer Kameramann Vittorio Storaro. Alle drei haben diese „Oscar“-Aura, die um sie herum zu strahlen scheint. Ich stand da also dieser funkelnden Wand aus Gold gegenüber. Mein einziges Zertifikat war eine „Emmy“-Nominierung als Autor bei „Saturday Night Live“, die ich gemeinsam mit siebzehn anderen Autoren bekommen hatte. Also habe ich tief Luft geholt, die „Emmy“-Nominierung in die rechte Tasche gesteckt, meinen Bruder John und meinen Vater in die linke und bin losgegangen, um alle zu begrüßen. Dieses Erbe hat mir etwas Selbstvertrauen gegeben.

          Ihr verstorbener Bruder John ist heute immer noch als Teil Ihres Lebens präsent?

          Ich nehme meine Familie im übertragenden Sinne immer mit, egal was ich tue. Ich spiele ja mit Dan Akroyd immer noch die „Blues Brothers Show“ auf und das seit mittlerweile zwanzig Jahren. Und es gibt da einige Songs, bei denen Danny und ich uns ansehen und denken: Los Jake, komm und tanz mit uns! Wir erhalten den Geist und das Erbe von „Jake Blues“ am Leben, die Musik und die Art, wie er getanzt hat. Das ist wunderschön. Und mein Vater war auch dabei, als ich „Wonder Wheel“ gedreht habe. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich ständig ein Taschentuch in der Hand halte? Ich war in einigen Szenen etwas unsicher und brauchte dringend eine Requisite. Da fiel mir dann irgendwann mein Vater ein. Er hatte immer dieses Taschentuch dabei, um sich das Gesicht abzuwischen. Ich dachte: Das ist es! Und so hat mir Vater geholfen, diese Rolle zu spielen.

          Gab es für Sie eine Alternative zum Beruf des Schauspielers?

          Ja. Mein Vater war im Restaurant-Geschäft, er hatte zwei Steakhäuser in Chicago. Und ich fing mit elf Jahren an für ihn zu arbeiten. Ich wollte unbedingt, dass er mich mit zur Arbeit nimmt. Er hat immer versucht, mir diese Idee auszutreiben, indem er mir Angst gemacht hat. Er verfrachtete mich zum Beispiel in den sehr unheimlichen Keller, in dem als Beleuchtung nur eine nackte Glühbirne von der Decke hing. Da durfte ich dann riesige Gemüsezwiebeln oder Kartoffeln schälen. Ich musste klebrige Flaschen aus der Bar zurück in die Kästen sortieren. Und ich war elf Jahre alt und ganz allein in diesem Keller. Da unten sah es aus wie auf dem Set eines Horrorfilms. Er dachte, auf diese Weise habe ich bald keine Lust mehr ihn zu begleiten und lasse ihn in Ruhe.

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