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„Küsst erst den Hals“ : Flirten für Flüchtlinge

Flirtcoach Horst Wenzel im Gespräch mit den Flüchtlingen: „Wenn sich in Afghanistan ein Junge und ein Mädchen treffen und verlieben, was passiert dann?“ Bild: Andreas Pein

Integrationshilfe mal anders: Ein Flirtcoach will Flüchtlingen helfen, deutsche Freundinnen zu finden. Das Problem: Die Frauen haben wenig Interesse, die Männer teils unrealistische Ansprüche.

          6 Min.

          Deutschland wäre auch ohne die Frauen schon kompliziert genug: Asylrecht, Genitiv, Jobsuche. Aber wie sich verhalten gegenüber Frauen, die selbstbewusst sind, Hotpants tragen, in der Öffentlichkeit Männer küssen, mit denen sie nicht mal verheiratet sind? Das sollen ein paar Dutzend junge Männer zwischen 17 und 22 Jahren aus Syrien, Afghanistan und Iran an einem heißen Tag im Frühsommer lernen. Sie alle besuchen Willkommensklassen an einem Oberstufenzentrum in Berlin-Neukölln; fünf junge Frauen sind auch dabei. Ihr Lehrer an diesem Tag ist Horst Wenzel, hauptberuflicher Flirtcoach. Er redet mit ihnen über Liebe, Sex und Rollenbilder – Themen, zu denen die jungen Männer und ihre Klassenkameradinnen sehr verschiedene Ansichten haben.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wenzel hat blonde Locken und helle Haut, die nie rot wird, auch nicht bei solchen expliziten Anweisungen: „Schickt erst mal euer Knie vor, bevor ihr der Frau in den Intimbereich fasst.“ – „Küsst erst mal ihren Hals, bevor ihr ihre Brüste berührt.“ – „Eine Beziehung ist dann gut, wenn der Sex gut ist.“ An dieser Stelle schauen seine Zuhörer hoch konzentriert. Manchmal geben sie auch an, ein Junge etwa, der aufspringt, tänzelnde Bewegungen mit den Füßen macht und sagt, Sex sei wie Fußball: Man solle den Ball nicht direkt ins Tor schießen, sondern erst ein wenig mit ihm spielen.

          Als Wenzel jedoch fragt, wer von ihnen schon mal ein Kondom gekauft habe, brechen viele in hysterisches Gekicher aus, einer zieht sich das T-Shirt vors Gesicht. Was kann vorausgesetzt werden, was nicht, was hilft, was verstört eher? Gar nicht so leicht.

          Große Unterscheide zwischen Männern und Frauen

          Viele der Männer, die mit Sportschuhen, bunten T-Shirts und gegelten Haaren in einem Stuhlkreis um Wenzel herumsitzen – die wenigen Frauen sitzen etwas abseits –, sind ohne Eltern, Geschwister und Partnerin nach Deutschland gekommen. Und wie könnte Integration besser gelingen als mit einer deutschen Freundin?

          Das hat sich Horst Wenzel eines Tages gefragt und beschlossen, seine Dienste kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Wie an diesem Tag. Zum Einstieg will er von allen wissen, wie sie heißen und was Liebe für sie bedeutet. „Ich bin Abdullah, und ich liebe Autos.“ – „Ich bin Abdul und liebe mein Handy.“ – „Ich bin Ali, und ich will heiraten.“ Eine junge Frau mit pinkfarbenen Turnschuhen und schwarzem Kopftuch, das den Haaransatz frei lässt, sagt: „Ich bin Fatima und habe mich in meinem Leben zwei Mal verliebt: einmal in meinen Mann und einmal in meine zweijährige Tochter. Diese Liebe macht mich stark.“ Die Unterschiede zwischen den jungen Frauen, manche schon Mütter, und den jungen Männern, viele fast noch Kinder, sind groß.

          Flirten auf Deutsch will gelernt sein. Neben der Tafel mit den passenden Vokabeln hängen Superman und Superwoman.
          Flirten auf Deutsch will gelernt sein. Neben der Tafel mit den passenden Vokabeln hängen Superman und Superwoman. : Bild: Andreas Pein

          Wenzel versucht der Frage nach der Liebe näherzukommen. „Wenn sich in Afghanistan ein Junge und ein Mädchen treffen und verlieben, was passiert dann?“ Einer der Jungen sagt: „Dann müssen sie schnell heiraten.“ Fatima wirft ein: „Dann wird die Frau mit Steinen beworfen.“ Ihre Freundin Doaa lacht bitter. Beiden scheint etwas nicht zu passen.

          „Die Jungen denken, dass es schlecht ist, wenn ich über meine Beziehung rede“, sagt Doaa. In arabischen Ländern gehöre es sich nicht, dass Frauen über Liebe und Sex sprechen. Ihr Lehrer widerspricht: „Genau deshalb machen wir das doch hier. Damit die sehen: Hier reden wir über solche Dinge.“

          „Heiraten wollen die nur eine muslimische Jungfrau“

          Doaa überzeugt das nicht. Sie kommt aus As-Suwaida, einer liberalen Stadt im Südwesten Syriens. Ihr lockiges rötliches Haar trägt sie offen. Die Eltern sind Drusen, sie selbst bezeichnet sich als Atheistin – und fühlt sich im Flirtkurs und in der Willkommensklasse im Allgemeinen nicht besonders wohl: „Bei deutschen Frauen finden die arabischen Jungs freizügige Kleidung gut. Wenn ich mich als Araberin so anziehe, haben sie ein Problem damit.“

          Sie glaubt, dass die jungen Männer die deutschen Sitten gerne für sich selbst annähmen, aber sie bei ihren Schwestern nicht gerne sähen. Und dass viele ihrer Mitschüler zwar eine deutsche Freundin suchten, für ein oder zwei Jahre. Heiraten wollten sie aber nur eine muslimische Jungfrau aus dem Heimatland. Deshalb halte sie sich in Berlin von Arabern fern. Ihre Freundin Fatima stimmt zu, meint aber: „Sag nicht immer: Alle Flüchtlinge außer mir sind schlecht. Nicht alle von ihnen sind gleich. Wenn du anders bist, können andere das auch sein.“

          Horst Wenzel will sich in diese Diskussion eigentlich nicht einmischen. Wenn achtzehnjährige Jungs in Deutschland erst mal Freundinnen finden wollen und nicht gleich heiraten, sei das vielleicht bloß ein Zeichen dafür, dass sich ihre Prioritäten im Vergleich zu denen im Heimatland verschieben. Ein bisschen geht er dann aber doch auf Geschlechterrollen und Vorurteile ein.

          Manche Leute beschimpften Frauen, die mit vielen Männern schliefen oder wechselnde Freunde hätten, als Schlampen, erzählt er den Schülern der Willkommensklasse. Das sei nicht richtig. „Es gibt auch Schlampenmänner“, wirft ein Junge ein. „Nein“, entgegnet Wenzel. „Es gibt beides nicht. Das haben sich Loser ausgedacht, um sich besser zu fühlen.“

          Er fragt einen der Teilnehmer, ob es in seinem Heimatland Syrien Dating gebe. Eher nicht, antwortet der, es komme aber darauf an, wie religiös die Familie sei. In Deutschland, sagt Wenzel, seien Dates ganz normal. „Was denkt ihr, wenn man sich regelmäßig trifft, ab wann ist man ein Paar?“, fragt Wenzel. Einer sagt: „Nach einer Woche?“ Wenzel entgegnet: „Manche treffen sich über Jahre, haben Sex, sind aber kein Paar. Das nennt man Affäre oder Freundschaft plus.“ Ratlose Gesichter.

          Mahmud hat Probleme mit der Liebe in Deutschland

          Dann fragt Wenzel, wie es mit Schwulen aussehe. „Ein Mann und ein Mann: Geht das in Syrien?“ Die Antwort lautet: „Nein.“ Homosexualität ist in Syrien gesetzlich verboten. „Und in Berlin?“ Einer sagt: „Ja, klar, hier geht alles.“ Wenzel wirkt zufrieden.

          Mahmud, ein 22 Jahre alter Afghane, findet: In Deutschland trenne man sich schnell, sobald es Probleme gebe oder ein Besserer vorbeikomme. In Afghanistan hingegen sei Liebe für immer. Das ist nicht das einzige Problem, das Mahmud mit der Liebe in Deutschland hat. Er habe schon ein paar Mal deutschen Frauen auf Dating-Apps geschrieben oder sich im Park mit ihnen unterhalten, erzählt er. Wenn er aber sage, dass er aus Afghanistan kommt, ende das Gespräch immer recht unvermittelt. Was könne er da tun?

          „Schlampen gibt es nicht. Das Konzept haben sich Looser ausgedacht“: Horst Wenzel will zum Nachdenken anregen.
          „Schlampen gibt es nicht. Das Konzept haben sich Looser ausgedacht“: Horst Wenzel will zum Nachdenken anregen. : Bild: Andreas Pein

          Natürlich weiß Wenzel: Seit der Silvesternacht in Köln vor eineinhalb Jahren ist das Thema Flüchtlinge und deutsche Frauen schwierig. Bei den Flirtkursen, die er ein paar Monate nach der Silvesternacht gab, sprachen viele Flüchtlinge das Thema Köln an. Sie fühlten sich beobachtet und unwohl, sie schämten sich. Dann vergewaltigte und ermordete in Freiburg ein afghanischer Asylbewerber eine junge Studentin, und Wenzel wurde von rechtsradikalen Gruppen bedroht: Er bringe Flüchtlingen bei, sich an deutschen Frauen zu vergehen.

          Ob diese Stimmung die Frauen beeinflusst? Oder ob sie vielleicht bloß überfordert davon sind, dass ihr Gesprächspartner aus einem Kriegsgebiet kommt? Er weiß es nicht. Und auch nicht, was er Mahmud raten soll. Am Ende, sagt Wenzel, gelte für Flüchtlinge wie auch für Deutsche: Ein Korb gehört zur Liebe dazu. Mahmud wirkt nicht überzeugt.

          Mahmuds Haltung ist widersprüchlich

          Nach dem Kurs fährt er zu der einzigen deutschen Freundin, die er bisher gefunden hat: einer ergrauten Dame, die in Berlin-Friedenau in einer großzügigen Altbauwohnung lebt und sich für Flüchtlinge engagiert. Bei Cola und Sonnenblumenkernen in ihrem Wohnzimmer erzählt er: Sein Asylantrag wurde genehmigt, nach Afghanistan will er nicht zurück, sondern sein Leben in Deutschland verbringen. Gerne mit einer deutschen Frau.

          Mahmuds Haltung ist widersprüchlich. Die deutsche Frau, die er zu finden hofft, müsste nicht unbedingt Muslimin sein, auch wenn er selbst fastet und versucht, so oft wie möglich zu beten. Aber er würde sich wünschen, dass sie noch Jungfrau ist. In Deutschland sei so eine Frau aber wahrscheinlich schwer zu finden, sagt er schüchtern.

          Mahmud lacht oft verlegen. In Afghanistan rede man nicht über solche Dinge.

          Seine Eltern haben ihn nie aufgeklärt, selbst mit seinen Freunden hat er nie über Sex gesprochen. Einmal hatte er eine Freundin in Afghanistan, weder seine noch ihre Eltern wussten davon. Miteinander geschlafen haben die beiden nicht. Das wäre „haram“ gewesen, also tabu, sagt Mahmud, denn durch seine Flucht konnte er sie nicht heiraten, und sie hätte nicht mehr als Jungfrau in die Ehe gehen können. Warum das so wichtig ist, kann er nicht recht erklären.

          „Eine Frau ist ja kein Spielzeug“

          Er selbst ist keine Jungfrau mehr, hat mit einigen Frauen gegen Bezahlung geschlafen. Ob das nicht „haram“ sei? Mahmud zuckt mit den Achseln. Irgendwie schon. Aber nicht so schlimm, wie mit einer Frau zu schlafen, die er liebt, aber nicht geheiratet hat? Er nickt zögerlich.

          Hat die Syrerin Doaa mit ihren Vorwürfen also Recht? Sind ihre Klassenkameraden religiös-konservativ bis frauenfeindlich? Religiös und konservativ ist Mahmud sicher, frauenfeindlich aber nicht. Dass er sich eine Frau wünscht, die ihn und seine Kultur und Religion versteht, ist verständlich. Fragt man nach seinen Vorstellungen von einer Frau, sagt er aber auch: „Eine Frau ist ja kein Spielzeug, wo ich sagen könnte: Ich will genau so eins.“

          Seine Wertvorstellungen entsprechen denen seiner Eltern, Mitglieder der ländlichen afghanischen Gesellschaft. Trotzdem ist er offen für die deutsche Gesellschaft und will unbedingt Deutsche kennenlernen.

          Er ist enttäuscht von der Zurückweisung

          Doch auch jenseits von Liebesdingen ist es wie verhext. An der Schule ist er immer mit den anderen aus der Willkommensklasse zusammen, er traut sich nicht so recht, mit anderen Schülern zu reden, die sich immer nur in Gruppen bewegen. Im Fitnessstudio trainiert jeder allein, die meisten mit Kopfhörern in den Ohren. Einmal hat er ein Praktikum in einem Computerladen gemacht und seinen Kollegen gefragt, ob er nicht mal etwas mit ihm unternehmen wolle. Der habe geantwortet, er habe wenig Zeit und schon genug Freunde. „Das war interessant“, sagt Mahmud, „und enttäuschend.“

          Seine Klassenkameradin Doaa hingegen lebt mit ihrem Mann am Müggelsee und hat sich schnell mit ihren deutschen Nachbarn angefreundet. Ihr Lehrer und ihre Freundin hatten ihr gesagt, die Einstellung der Jungs würde sich sicher ändern, je mehr Kontakt mit Deutschen sie hätten. Mahmuds Erfahrungen zeigen, wie schwer das ist.

          Mahmud ist ein nachdenklicher Typ. Der Zweiundzwanzigjährige überlegt, ob er anders über Frauen und Männer denken würde, wenn er nicht in Afghanistan groß geworden wäre. Und er sagt, dass sich seine Einstellung mit der Zeit in Deutschland womöglich ändern werde. Zugleich ist er enttäuscht von der Zurückweisung, die er erlebt. Die Idee, eine deutsche Frau zu finden, hat er so gut wie aufgegeben. Die Flirt-Apps hat er gelöscht.

          Frühlingsgefühle : Wer flirtet am besten?

          „Der Kontakt ist wichtig für die Integration“

          Sexualität, Gleichberechtigung und der Umgang zwischen den Geschlechtern sind die größten Unterschiede zwischen der westlichen und der arabischen Kultur und zentral für die Integration. Das sagt Ahmad Mansour, und er muss es wissen: Der israelisch-arabische Psychologe und Autor engagiert sich gegen die Unterdrückung von Frauen im Namen der Ehre. Sexualität sei in der arabischen und muslimischen Welt außerhalb der Ehe Sünde. Dabei gehe es auch um den Umgang von Frauen und Männern miteinander, um Kleidung und Sprache. Im Zentrum stehe die Jungfräulichkeit der Frau, von der die Ehre ihrer Väter und Brüder abhänge. Flüchtlinge müssten deshalb nicht nur Deutsch lernen und eine Arbeit finden, sondern auch von Anfang an und immer wieder Werte vermittelt bekommen – in Diskussionen in der Schule, am Ausbildungsplatz, in den Unterkünften und Integrationskursen. Für viele junge Männer sei die Integration eine gewaltige Herausforderung, denn die deutsche Lebensweise anzuerkennen bedeute den Verlust eines Teils ihrer Identität. Kurse und Infobroschüren allein könnten keinen Wertewandel herbeiführen, sagt Mansour. Integration funktioniere nur über den emotionalen Zugang zur Mehrheitsgesellschaft. „Flüchtlinge und Migranten müssen den Deutschen als Nachbarn, Freunde und Partner begegnen.“ Nach Meinung von Mansour ist die Schwierigkeit, Deutsche kennenzulernen, eine typische Erfahrung von Flüchtlingen hier – und, weil der persönliche Kontakt so wichtig für die Integration ist, auch eine gefährliche. (lfe.)

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