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Ein absoluter Beginner : Jungfrau, männlich, 38 sucht...

Wer ist schon gern alleine im Bett? Bild: Picture-Alliance

Er geht auf die 40 zu, hatte bisher aber weder eine längere Beziehung noch Sex. Hier erzählt ein Langzeit-Single, warum sein Leben wohl so ist, wie es ist.

          7 Min.

          Auf Facebook habe ich geschrieben, dass ich beim CSI Bad Dürkheim arbeite. Aber das ist nur ein Witz. CSI steht für Crime Scene Investigation, das ist eine Serie, die ich gerne im Fernsehen gucke. In Wirklichkeit bin ich Druckereihelfer, ich packe Beipackzettel in Kartons, eingeschweißt in Bündel zu je 1000 Stück, und dann stelle ich die Kartons auf Paletten und übergebe sie an die Lkws. Ja, und das Profilbild, das ich auf Facebook habe, mit den hübschen Frauen um mich rum, das war auf dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt letztes Jahr. Wir standen da zufällig zusammen, nach dem siebten Bier, und ein Eventfotograf hat es gemacht. Ich habe es dann von seiner Seite runtergeladen. Ich kenne die Frauen gar nicht.

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als ich zehn war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Erst zog ich zur Mutter, aber die hatte einen eigenen Friseursalon und kam immer erst abends nach Hause. Als meine Schulnoten im Keller waren, zog ich zu meinem Vater und zu dessen neuer Frau, was aber keine gute Idee war, denn die Frau war eifersüchtig auf mich. Sie hat mich immer runtergemacht, wenn mein Vater nicht da war: „Du bist ein Versager, du hast deine Lehre abgebrochen, schau dir deinen Vater an, der ist bei der BASF, und du hockst nur rum.“ Dabei stimmte das gar nicht, ich habe nie rumgesessen, sondern nach dem Abbruch meiner Lehre direkt Praktika gemacht.

          Einmal, als mein Vater bei der Arbeit war, kam ich abends nicht ins Haus rein, mein Schlüssel passte plötzlich nicht mehr. Ich klingelte und klingelte, weil ich Licht sah, und nach einer halben Stunde öffnete sie schließlich, sie hatte dabei meinen Hund auf dem Arm. Sie fragte, was ich hier suchen würde. Ich antwortete: „Ich wohne hier.“ Und da sagte sie: „Aber nicht mehr lange, dafür werde ich sorgen. Und geh künftig zu deiner Mutter, wenn dein Vater bei der Arbeit ist.“ Ich bin dann rauf in mein Zimmer und hab’ geheult. Meinen Hund hat sie auf dem Arm behalten.

          Mit 19 fiel ihm das erste Mal auf, dass er anders war

          Ich habe oft geweint wegen ihr. Sie erlaubte auch nie, dass ich mich abends mit Freunden treffe. Mit 15 musste ich in eine Klinik, weil ich viel zu dünn und zu klein war. Die Ärzte haben damals vermutet, ich sei wegen der Scheidung meiner Eltern in meiner Entwicklung stehengeblieben. Ich weiß nicht, ob das stimmt, ich bin kein Psychologe. Vielleicht war sie ja auch daran schuld. Sie hat mir mein Selbstbewusstsein genommen, denn vor der Scheidung meiner Eltern war ich ganz anders. Mit 16 bin ich bei ihr und meinen Vater ausgezogen.

          Ich hatte bisher drei Freundinnen: Die erste lernte ich in der Klinik kennen, mit ihr lief aber nichts außer Küssen und Händchenhalten. Die zweite lernte ich mit siebzehn kennen, in einer Karaoke-Bar, in der ich mit meinen Fußballkumpels war. Ich hatte getrunken, sie saß am Nebentisch, so kamen wir ins Gespräch. Drei Wochen waren wir zusammen, wir haben geknutscht, mehr war nicht drin, obwohl ich es probiert habe.

          Als meine Kumpels auf einmal richtige Freundinnen hatten, so mit 19, fiel mir das erste Mal auf, dass ich anders war als sie. Das war kein schönes Gefühl. Hinzu kam, dass sie plötzlich alle viel weniger Zeit hatten, mit mir rumzuhängen. Und wenn wir dann doch mal zusammen waren, redeten sie über Mädchen, und ich hielt mich raus, was nicht weiter auffiel, weil ich nie besonders gesprächig gewesen war. In der Hauptschule hatte ich immer hinten in der Ecke gesessen und nicht aufgezeigt.

          Über eine Partnervermittlungsagentur eine Frau kennenlernen

          Wenn ich mit meinen Kumpels ausgegangen bin, habe ich mich nie getraut, Mädchen anzusprechen. Es gab zwar einige, mit denen ich durch Blicke geflirtet habe, eine hat mich auch mal angelächelt in einer Disco in Ludwigshafen. Aber mir fehlte der Mut, sie anzusprechen. Hinterher habe ich mich über mich geärgert. Aber es ist wirklich so: Ich war immer derjenige unter uns Freunden, der hintendran war, und die anderen haben aufgedreht, und die Mädchen wollten immer die aufgedrehten Typen. Heute ist das leider immer noch so, nur dass ich eigentlich keine Freunde mehr habe.

          Ich habe dann noch mal versucht, über eine Partnervermittlungsagentur eine Frau kennenzulernen. Da war so eine Anzeige in einer Regionalzeitung mit einem Foto von einer hübschen Frau, dort habe ich mich gemeldet. Ich musste erst viele Dinge unterschreiben und dann 7000 Euro bezahlen. Dazu habe ich einen Kredit bei der Bank aufgenommen, ich habe dort gesagt, der sei für meine Wohnungseinrichtung. Danach hat die Agentur mir ein paar Frauen vermittelt, aber die passten gar nicht zu mir, weder vom Profil her noch vom Alter, noch vom Wohnort, und die hatten auch alle kein Interesse an mir. Es wirkte eher so, als seien sie von der Agentur genötigt worden, sich mit mir zu treffen.

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          Nachdem ich fünf oder sechs Frauen getroffen hatte, gefiel mir aber doch eine, und so bin ich an meine dritte Freundin geraten. Sie kam aus Kasachstan und wohnte in Karlsruhe, wir haben uns ein paar Mal getroffen, mal bei ihr, mal bei mir, und es war immer schön, wir haben gequatscht und Spaß zusammen gehabt. Meine Schüchternheit legt sich, wenn ich jemanden besser kenne, nur der Anfang ist schwer. Beim vierten Date wollte sie bei mir übernachten.

          Wir saßen also auf der Couch und haben ferngesehen und uns dabei geküsst, und irgendwann habe ich ihr beiläufig erzählt, dass ich sehr unerfahren in Beziehungen bin und noch nicht viele Freundinnen vor ihr hatte. Und da hat sie mir erklärt, dass sie dann kein Interesse mehr an mir hätte, weil sie keine Lehrerin sein wolle und mir nicht erklären wolle, wie das Ganze funktioniert. Sie hat dann auf der Couch geschlafen und ist am nächsten Morgen gefahren und hat sich nie wieder gemeldet. Das war kein schönes Gefühl.

          Viele Fake-Profile im Internet

          Manchmal denke ich, dass mich keine Frau will, weil ich so unerfahren bin. Aber einfach zu einer Prostituierten gehen, damit ich es hinter mich bringe? Dazu bin ich zu stolz.

          Danach hat die Agentur mir keine weiteren Freuen mehr vermittelt und sich nie wieder bei mir gemeldet. Mir ist dann klargeworden, dass die mich böse gelinkt haben. Ich wollte zum Anwalt gehen. Aber dann habe ich es doch nicht gemacht. Es war mir zu peinlich. Ich habe es auch bisher niemandem erzählt. Seit vier Jahren habe ich den Kredit jetzt abbezahlt. Schwamm drüber.

          Ich versuche jetzt auf anderem Weg, eine Frau zu finden. Zum Beispiel bin ich immer wieder auf der Seite der Absolute Beginners im Internet. Dort tauschen sich Erwachsene aus, die noch nie Sex hatten. Außerdem bin ich auf Lovoo, das ist eine Partnervermittlungsseite im Netz. Und auf Friendscout24 und bei Facebook bin ich auch. Aber ich lerne dort kaum echte Frauen kennen, sondern treffe nur auf Fake-Profile. Da habe ich inzwischen einen Blick dafür, man erkennt den Fake schon daran, dass die Frauen meist sehr leicht bekleidet sind. Sie schreiben dann: Ich will dich kennenlernen, du bist mir gleich aufgefallen.

          Da antworte ich erst gar nicht. Und selbst anschreiben kann ich keine Frauen, weil ich dafür bezahlen müsste. Das will ich nicht, weil da ja eh fast nur Pornotussis sind, die Werbung für Sexsachen machen. Und ich kenne auch niemanden, der online eine Frau kennengelernt hat. Was wohl geht, ist, ins Ausland zu fahren. Ich kenne Männer, die waren auf den Philippinen und sind nach drei Wochen Urlaub mit einer Frau zurückgekommen, und ein Jahr später waren die verheiratet. Aber das kommt für mich auch nicht in Frage. Da wär ich mir zu schade, einfach so eine arme Filipina zu heiraten, die aus ihrem Land raus will. Ich wär’ mir da nicht sicher, ob sie mich wirklich liebt.

          Früher einmal sehr hoch gespielt

          Meine Traumfrau ist sportlich und schlank, sie hat lange Haare und ist maximal zehn Jahre älter oder jünger als ich. Schön wäre auch, wenn sie hier irgendwo in der Nähe wohnen würde. Und wenn sie Kinder wollte. Mein Vater fragt schon manchmal: Was machen meine Enkelkinder? Ich sag dann: Da musst du noch warten. Aber das setzt mich unter Druck. Einmal hat er sogar im Spaß angeboten, 1000 Euro für ein Enkelkind springen zu lassen.

          Tja, schön wär’s. Früher wollte ich elf Kinder, eine ganze Fußballmannschaft. Ich hab mal sehr hoch gespielt, Stürmer in der Landesliga, und dachte, ich würde Profifußballer. Mein Trainer sagte, ich sei ein richtig guter Fußballer, und der war früher Profispieler. Jetzt würden mir zwei Kinder reichen, ein Mädchen und ein Junge. Ich habe mir früher auch immer Geschwister gewünscht.

          Also, eine Frau gibt es aber doch, die mir gefallen würde. Bei uns in Bad Dürkheim, da sitzt beim Edeka eine tolle Frau an der Kasse: Mitte zwanzig, lange schwarze Haare, tätowiert, Lippenpiercing. Ich habe sie bei Facebook angeschrieben, aber wenn man da nicht befreundet ist, sieht man meist nicht, dass man angeschrieben wurde. Und ihr eine Freundschaftsanfrage zu schicken, das finde ich zu aufdringlich. Sie einfach an der Kasse anzusprechen, geht auch nicht, weil da immer viel zu viele Leute in der Schlange stehen. Und ihr einen Zettel zuzustecken, das finde ich kindisch. Ich weiß, andere Männer würden hingehen und irgendwas zu ihr sagen. Die würden denken: Auf einen Korb mehr oder weniger kommt es nicht an. Aber ich bin da nicht so selbstbewusst.

          Mein Alltag sieht so aus: Sieben Uhr aufstehen, 8 Uhr arbeiten, 17 Uhr heimkommen, essen, das heißt Brot oder Pizza holen oder Nudeln kochen oder Fertiggerichte warm machen. Und dann fernsehen: CSI-Serien, Horrorfilme, Komödien, Liebesfilme oder Fußball. Um 23 Uhr gehe ich ins Bett, und am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los. Einzige Ausnahme: Dienstags und donnerstags spiele ich abends Fußball, und sonntags haben wir meist ein Spiel. Ich spiele in der ersten Herrenmannschaft, und nach dem Training gehen wir meist noch zusammen was trinken.

          Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss

          Höhepunkte gibt es in meinem Leben nicht. Das ist eher so ein langer, ruhiger Fluss. Meinen Geburtstag feiere ich zum Beispiel nicht. Muss nicht jeder wissen, wenn es so weit ist, ich will mich nicht aufdrängen. Das letzte Mal habe ich vor acht Jahren gefeiert, als ich dreißig wurde. Also, ich habe nicht explizit eingeladen, sondern habe nach dem Training, als wir eh schon in der Kneipe saßen, einen ausgegeben. Geschenke hatten die anderen dann so spontan natürlich nicht dabei, aber sie haben mir ein Geburtstagslied gesungen, das war ganz okay.

          Eigentlich fehlt mir auch nichts, abgesehen von einer Partnerin. Wie mein perfektes Leben aussehen müsste, habe ich mir jedenfalls noch nie überlegt. Vielleicht ja so: Frau, Kinder, eigene Wohnung oder eigenes Haus. Das könnte ich mir schon gut vorstellen. Vielleicht meldet sich ja auf diesen Artikel hin eine Frau, die mich kennenlernen möchte. Ich habe die Hoffnung aber so ein bisschen aufgegeben, dass ich noch eine Frau finde. Weil ich nicht jünger werde und nicht unbedingt attraktiver. Und irgendwie habe ich auch ein mulmiges Gefühl, weil ich keine Vorstellung davon habe, wie es ist, wenn man eine Beziehung hat. An die Beziehung meiner Eltern kann ich mich nicht erinnern, sie haben beide den ganzen Tag gearbeitet, mein Vater hatte sogar 24-Stunden-Schichten. Nach der Schule war ich immer bei den Nachbarn, einem älteren Ehepaar.

          Was ich mir auch noch wünsche für die Zukunft: Ich würde gern mal eine Kreuzfahrt machen. Ich habe mal einen Bericht gesehen über ein Boot, das so groß ist wie eine halbe Stadt. Das reizt mich. Auch auf einem Schiff zu arbeiten fände ich gut. Ich kenne jemanden, der das gemacht hat. Selbst beworben habe ich mich aber nie. Ich habe auch kaum noch Kontakt zu ihm. Und wenn ich auf so ein Boot gehen würde, dann müsste ich ja meine Arbeit und meine Wohnung und meine Fußballmannschaft aufgeben. Da fehlt mir der Mut und der Antrieb, so einen Schritt zu wagen.

          Ich habe sowieso nicht viel Antrieb. Ich gehe kaum weg. Und in meiner Wohnung wollte ich eigentlich viel verändern, aber ich schiebe immer alles vor mir her. Mir fehlt der Grund, es zu tun. Vielleicht, wenn ich eine Partnerin hätte. Dann würde sich das ändern. Es ist mein größter Wunsch, eine Frau zu finden.

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