https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/ehrenamtliche-buergermeister-halten-den-laden-am-laufen-16916484.html

Der ehrenamtliche Buergermeister von Löcknitz, Detlef Ebert, vor einem Modell der Gemeinde Bild: Andreas Pein

Ehrenamtliche Bürgermeister : Hauptsache, einer baut

  • -Aktualisiert am

Bürgermeister gehören zu den unbesungenen Helden des Landes. Ein Dutzend von ihnen porträtiert unsere Autorin in einem neuen Buch: Frauen und Männer wie Detlef Ebert, der den Boom seiner Gemeinde in seiner Freizeit verwaltet.

          10 Min.

          In der großen Weite zwischen Berlin und Rostock, in einem Landstrich wie von der Dampfwalze bearbeitet, ist die Löcknitzer Burg nicht etwa weithin zu sehen, thronend auf einem Hügel, sondern sie fällt eigentlich nur denen auf, die direkt davor stehen. Der Burgturm erreicht mit Mühe die Höhe eines mittelgroßen Hauses, und im Halbdunkel daneben frieren und schweigen an einem Abend im Oktober 2019 Grüppchen von Menschen. Dann, es ist sechs Minuten vor 19 Uhr, biegt Detlef Ebert in den Burghof ein. Links trägt er seine Aktentasche, mit rechts schüttelt er allen die Hände. Danach schließt er die Tür zu einem flachen Nebengebäude des Turms auf, sein Schlüsselbund in Hausmeister-Dimension klimpert, und so hört Ebert sie nicht, zum Glück vielleicht nicht, die genervte Empörung einer Frau: „Der mit dem Schlüssel kommt zuletzt, so schnapp ab.“

          Denn zu dem Zeitpunkt hat Ebert, 54 Jahre alt und der Bürgermeister von Löcknitz, einen ziemlich vollen Tag hinter sich. Er saß schon in seinem eigentlichen Büro in der Wohnungsbaugenossenschaft von Löcknitz, deren Vorstandsvorsitzender er ist. Dort hat er Leute empfangen, die wegen eines Rohrbruchs immer noch kein warmes Wasser haben. Das ist sein Job, damit verdient er sein Geld. Danach ist Ebert in sein zweites Büro gefahren, in das Bürgermeisterbüro in der alten Schule in Löcknitz. Dort hat er Sprechstunde, immer dienstags zwischen 16 und 18 Uhr, und dort schlich von Punkt vier an die Frau vom Arbeitslosentreff herum, die Ebert jede Woche mit Kaffee und Kuchen versorgt. Fünf nach vier, zehn nach vier – immer noch kein Bürgermeister da. Als er dann kam, 20 Minuten zu spät, wegen der Rohrbruch-Leute, balancierte Ebert Apfelkuchen, Kaffee und Aktenkoffer zu seinem Tisch.

          Dann hat er eilig zwei Männer empfangen, die in der Gegend Windräder bauen und Leitungen verlegen wollen. Weitergebracht, sagt er, hat ihn das Gespräch nicht, die Verhandlungen stünden wieder ganz am Anfang. Danach kam jemand, der sich mit ihm über illegales Parken am Löcknitzer See unterhalten wollte. Dann rief Eberts Lebensgefährtin an, wo er denn bleibe. Dass er gleich komme, hat Ebert ins Telefon gesagt, und dass er natürlich den Sohn vorher noch abhole. Als Ebert auf den Burghof einbiegt, ist das Gespräch mit seiner Lebensgefährtin 40 Minuten her. 40 Minuten, in denen Ebert tatsächlich irgendwann aus dem Bürgermeisterbüro aufgebrochen ist, seinen acht Jahre alten Sohn abgeholt und nach Hause gefahren hat, zwei Bissen gegessen hat. Nun führt er den kleinen Tross vom Burghof die Treppen hoch in den Gemeindesaal, macht das Licht an, stellt die Stühle herunter, zieht die Funktionsjacke aus, legt seinen Aktenordner auf den Tisch. 19 Uhr, Sitzung der Gemeindevertretung.

          Bürgermeister im Ehrenamt

          Löcknitz liegt in Mecklenburg-Vorpommern an der polnischen Grenze. 3200 Einwohner hat der Ort, Tendenz steigend. Außerdem drei Supermärkte, vier Schulen, zwei Kindergärten, mehrere Ärzte, zwei Apotheken, ein Bahnhofsgebäude mit Gastwirtschaft und ein Parkleitsystem. Löcknitz ist, so kann man das sagen, Boomtown. Und Detlef Ebert verwaltet den Boom in seiner Freizeit, jedenfalls theoretisch. Er ist Bürgermeister im Ehrenamt.

          Weitere Themen

          Wo der Krieg erfunden wurde

          Schlacht im Tollensetal : Wo der Krieg erfunden wurde

          Das bronzezeitliche Schlachtfeld an der Tollense bei Altentreptow gilt als archäologischer Jahrhundertfund. Tausende menschliche Knochen wurden dort entdeckt. Nun will Mecklenburg-Vorpommern den Fund „erlebbar“ machen.

          Topmeldungen

          Wie wäre das schön ein eigenes Haus zu haben.

          Lebensziel Eigenheim : Haustraum adé. Und jetzt?

          Ein eigenes Haus – für viele ist das ein Lebensziel. Manche sind geradezu verzweifelt, wenn daraus nichts wird. Psychologin Janina Larissa Bühler über die Rolle des Eigenheims für unser Selbstbild.
          Demonstranten Ende Oktober in Teheran

          Iran : Erste Hinrichtung im Zusammenhang mit Protesten

          Die Demonstranten in Iran haben sich auch durch zahlreiche Todesurteile nicht abschrecken lassen. Nun hat das Regime die erste Hinrichtung im Zusammenhang mit den Protesten vollstreckt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.