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Ehe für alle : „Wir werden heiraten“

„100 Prozent“: Paar Göttler. Bild: Privat

Das erste verpartnerte Lesbenpaar Deutschlands erklärt, was sich durch die Ehe für alle ändert – und was es von Angela Merkel hält.

          2 Min.

          Claudia Göttler, 51, und Dorle Göttler, 53, waren im August 2001 das erste lesbische Paar in Deutschland, das eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen ist – zwanzig Minuten nachdem das erste schwule Paar sich im gleichen Standesamt in Hannover verpartnert hatte.

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Meine Damen, freuen Sie sich, dass es jetzt die Ehe für alle gibt?

          Claudia: Grundsätzlich schon. Aber ich arbeite schon zu lange in der Stadtverwaltung, um jetzt gleich in Jubel auszubrechen. Ich weiß, wie lange es dauern kann, bis so ein politischer Entschluss im wirklichen Leben was verändert. Das Gesetz muss ja noch durch den Bundesrat, da kann es schnell November werden. Und ich rechne damit, dass seine Gegner vor das Bundesverfassungsgericht ziehen werden.

          Was ändert sich denn für Sie persönlich durch die Ehe für alle?

          Claudia: Ich fürchte, ich muss bald zum dritten Mal heiraten (lacht). Wir haben uns ein erstes Mal schon 1998 mit einer Partnerschaftssegnung aneinander gebunden. Bei der Verpartnerung 2001 waren wir das erste bundesweite Damenpaar. Und jetzt, bei der Ehe, werden wir voraussichtlich wieder die Ersten sein, das haben wir uns ganz fest vorgenommen.

          Dorle: Ja, aller guten Dinge sind drei.

          Sie wollen also heiraten?

          Claudia: Ja, ich habe sogar schon mit der Leitung vom Fachbereich Öffentliche Ordnung gesprochen, und die hat zu mir gesagt: „Klar, Sie waren damals die Ersten, und Sie werden jetzt auch die Ersten sein.“ Ist ja auch für die Stadt Hannover ein nettes Aushängeschild. Wir müssen dazu einfach nur aufs Standesamt gehen und unsere Lebenspartnerschaft umschreiben lassen.

          Hätten Sie 2001 gedacht, dass Sie mal würden heiraten können?

          Dorle: Ich schon, ich hätte sogar gedacht, dass das schneller gehen würde.

          Claudia: Ich auch. Aber selbst wenn es noch länger gedauert hätte: Ich hätte Dorle auch mit 80 noch mal geheiratet.

          Warum wollen Sie eigentlich heiraten?

          Claudia: Wenn, dann richtig. Wir warten schon so lange drauf, jetzt wollen wir das auch richtig ausleben.

          Dorle: Es ist ein Unterschied, ob ich sagen darf: „Ich bin verheiratet.“ Oder ob ich sagen muss: „Ich bin verpartnert.“

          „Ehe für alle“ : Der Schlagabtausch im Bundestag

          Was würde sich ganz konkret für Sie beide ändern durch eine Ehe?

          Claudia: Wenn Dorles Eltern ins Pflegeheim müssten und wir Elternpflegegeld zahlen müssten, dann könnte ich nun auch das, was ich dazu beisteuere, steuerlich absetzen. Obwohl sie meine Schwiegereltern sind. Das wäre vorher nicht möglich gewesen. Umgekehrt natürlich genauso. Das sind winzige Nuancen in den begleitenden Fachgesetzen, die jetzt noch geändert werden müssen.

          Dorle: Worüber ja jetzt alle reden, ist die Adoption. Aber aus dem Alter sind wir raus.

          Wäre eine Eheschließung dann für Sie beide eher symbolisch?

          Beide: (empört) Nein!

          Claudia: Wir vollenden durch die Ehe den Weg, den wir begonnen haben. Wir wollen 100 Prozent Gleichstellung, nicht 95 Prozent. Das ist für uns ganz, ganz wichtig.

          Dorle: Die Ehe für alle ist einfach Gerechtigkeit, und das ist unser Lebensmotto!

          Können Sie die Sorge der Gegner der Ehe für alle verstehen, dass die klassische Ehe nun an Wert verlieren könnte?

          Dorle: Nicht mal ansatzweise. Es wird nicht ein einziges Hetero-Pärchen weniger geben. Und wenn die katholische Kirche immer sagt, dass man die klassische Ehe schützen müsse, weil Kinder daraus hervorgehen – dann denke ich nur: Die Bischöfe und Kardinäle zeugen doch selbst auch keine Kinder!

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          Glauben Sie, dass es durch die Ehe für alle bald noch weniger Vorurteile geben wird?

          Claudia: Nein. Das, was in den Köpfen der Menschen ist, wird da auch drin bleiben. Der gesellschaftliche Wandel wird noch mindestens eine Generation dauern. Eine Gesetzesänderung kann das nicht leisten. Das ist wie damals in der DDR: Die Mauer ist gefallen, aber erst die Menschen, die danach geboren wurden, finden es normal, dass sie nicht mehr da ist. Weil sie es nicht mehr anders kennen. Aber später mal werden sich die Menschen in Bezug auf die Ehe für alle fragen: Warum habt ihr so lange gebraucht in Deutschland? Selbst die erzkatholischen Iren waren schneller und toleranter!

          Nehmen Sie es Frau Merkel übel, dass sie in der Abstimmung im Bundestag mit Nein gestimmt hat?

          Claudia: Nein. Sie ist Pfarrerstochter. Wenn sie damit nicht klarkommt, ist das nur ehrlich. Aber dafür, dass sie die Abstimmung ermöglicht hat, zolle ich ihr Respekt.

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