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Egoistische Zweisamkeit : Ersatzreligion Liebe

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Das psychische Leid beginnt aber keinesfalls erst mit dem Scheitern der hoffnungsvoll begonnenen Liebe. Es fängt an lange bevor es zu einer ersten Beziehung kommt. Denn schon den kleinen Kindern wird eingetrichtert, dass der Sinn des Lebens darin besteht, sich zu verlieben. Es gibt Bücher für Kinder im Kindergartenalter, die erklären, dass „Schmetterlinge im Bauch“ ein Hinweis auf die erste Liebe sind und ein Kribbeln auf der Haut auf akutes Verliebtsein hindeutet. Und es gibt Psychologen wie Andreas Engel, Vorsitzender der „Bundeskonferenz für Erziehungsberatung“, die meinen, dass der Kindergarten genau der richtige Ort für die erste romantische Liebe ist: „Kinder können sich tatsächlich richtig verlieben. Das sollte man unbedingt akzeptieren.“ Jede Religion braucht Propheten und Prediger.

Immer geht es nur darum: den Richtigen zu finden

Wer dagegen die Sandkastenzeit traurigerweise noch ohne Schmetterlinge im Bauch erleben musste, hat spätestens bis zum Ende der Grundschulzeit verstanden, worum es ab jetzt im Leben gehen wird: verliebt sein! Den Richtigen finden! Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass schon Zehn- oder Zwölfjährige an der familiären Kaffeetafel quer über den Tisch gefragt werden: „Und, hast du schon eine Freundin?“ Die Mutter wird dem verlegenen Jungen dann zu Hilfe kommen und salomonisch sagen: „Das hat doch noch Zeit.“ Doch das Kind wird zwei wichtige Botschaften aus dem ausgesprochen peinlichen Gespräch mitnehmen: 1. Ohne Freundin ist man eigentlich minderwertig und noch kein vollwertiger Mensch. 2. Die Zeit läuft.

So gesehen liegt die Tragik des Liebeskultes nicht nur in den von Heilserwartungen überfrachteten Beziehungen selbst, die Tragik beginnt schon zuvor, bei der energisch aufgeladenen, manchmal hysterischen Suche nach einer solchen Liebeserfahrung: „Partnersuche ist in unserer Kultur zur Ersatzreligion aufgestiegen“, sagt die Sozialphilosophin Katharina Ohana. „Sie wird (besonders für Frauen) vor jeden anderen Erfolg gestellt: Partnersuche ist zum hauptsächlichen Lebenssinn und Lebensglück hochstilisiert worden.“ Der Eindruck wird von Meinungsumfragen bestätigt. Im frühen 21. Jahrhundert beantwortet eine große Mehrzahl der Deutschen die Frage nach dem Sinn des Lebens ganz einfach mit: „Glück“. Fragt man dann weiter, was genau denn glücklich mache, stehen „Liebe/Partnerschaft“ immer an erster Stelle. Kinder, Familie, Freunde, Beruf und Erfolg liegen weit dahinter.

Kein Wunder, denn die Populärkultur kennt eigentlich kein anderes Thema als die romantische Liebe. Würde man für einen Tag auf jeden Love Song im Radio verzichten, auf jeden Werbespot und auf jeden Film, in dem sich schon wieder zwei Menschen überglücklich in die Arme fallen, blieben die Radios stumm und die Bildschirme dunkel. Selbst Krimis, Kinderfilme, Comedies und Kochsendungen kommen ohne eine kräftige amouröse Beimischung nicht aus. Das erfolgreiche Album der deutschen Band „Frida Gold“ fasst endlich prägnant zusammen, was unausgesprochen ohnehin längst alle denken: „Love is my religion.“

Der Körper ist das entscheidende Kapital

Im Trommelfeuer der Unterhaltungsindustrie, die dem Publikum rund um die Uhr die Liebesbotschaft einhämmert, ist freilich nur selten Liebe als alltägliche Zweisamkeit zu beobachten, als Weggemeinschaft durchs Leben oder gar als Selbstaufgabe in der Familie. Was mit Liebe eigentlich gemeint ist, ist die erotische Akquise, die Welt als Wettbewerbsplattform potentieller Partner: dem Gewinner winkt die große Liebe.

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