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Egoistische Zweisamkeit : Ersatzreligion Liebe

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Transzendenz - also so ungefähr: die Berührung mit einer überirdischen, alles Menschliche übersteigenden Macht - erleben viele Menschen heute nur im Gefühl des Verliebtseins. Nicht zufällig wird dieses Gefühl dann beschrieben als ein „Schweben auf Wolken“, ein Leben „wie im Traum“ oder gleich als Reinkarnation: „Ich fühle mich wie neu geboren.“ Will jemand ernsthaft bestreiten, dass die große, romantische Liebe das ultimative Heilsversprechen der Gegenwart ist?

Bleibt die Gegenfrage: Na und? Ist es nicht erfreulich, wenn auf dem Altar der Moderne keine Nation und kein Führer stehen, keine Herrenrasse und keine aberwitzige Heilslehre, sondern einfach nur: die Liebe? Was genau soll denn daran falsch sein, wenn Menschen ihr Glück in der Partnerschaft suchen? Hilft nicht gerade der Traum von der großen Liebe, die ewige Egozentrik zu überwinden, endlich DU zu sagen, statt immer nur: ICH? Besser Liebe total als totaler Krieg, oder?

Irrungen, Wirrungen, Kitsch.

Jeder erfahrene Psychologe und Therapeut kann ein trauriges Lied davon singen, welche seelischen Verwüstungen der Götze Liebe hinterlässt. Denn die Heilserwartung kann sich nicht erfüllen. Erlösung - das heißt: die Befreiung des Menschen aus den Fesseln der conditio humana - kann es nicht durch einen anderen Menschen geben. Wer sich von der Liebe den Himmel auf Erden verspricht, wird sich (und anderen) das Leben zur Hölle machen.

Maßlose, ins Religiöse gesteigerte Erwartungen überfordern alle Beteiligten und führen zu bitteren Enttäuschungen. Dem Höhenflug der Gefühle (wenn man es überhaupt so weit schafft) folgt ein jäher Sturz mit hartem Aufprall. Der anfangs noch angehimmelte Erlöser erweist sich auf Dauer als recht launischer Mensch, der gemeinsame Alltag als Gedulds- und Demutsübung im emotionalen Auf und Ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man außer den hinreißenden auch die irritierenden Seiten des Partners kennenlernt. Liebe auf Dauer lässt nichts Menschliches aus. Dann ist Liebe plötzlich mehr eine Aufgabe als ein Gefühl.

„Romantische Liebe ist eine schlimme Lüge“

„Der Mythos der romantischen Liebe ist eine schlimme Lüge“, schreibt der amerikanische Psychiater M. Scott Peck, „als Psychiater tut es mir im Herzen weh, fast täglich sehen zu müssen, welche Verwirrung und welches Leid dieser Mythos anrichtet.“ Viele Patienten, so Peck, werden mit der Enttäuschung, dass es die große Liebe aus den Hollywoodfilmen in ihrem Leben nicht gibt, einfach nicht fertig: „Millionen von Menschen verschwenden ungeheure Mengen an Energie mit dem verzweifelten und vergeblichen Versuch, die Realität ihres Lebens mit dem unrealistischen Mythos Liebe in Einklang zu bringen.“

Solche Befunde sind nicht neu. Erich Fromm warnte schon 1956 vor der „Pseudoliebe“ und ihren fatalen Konsequenzen: „Da in der Regel niemand auf die Dauer die Erwartungen eines so abgöttisch Liebenden erfüllen kann, muss es zu Enttäuschungen kommen, und man sucht sich mit einem neuen Idol zu entschädigen, manchmal in einem nicht endenden Kreislauf.“ Fromm hatte die Hollywoodfilme der fünfziger Jahre vor Augen und die ersten Opfer des modernen Liebeskultes. Ein halbes Jahrhundert später hat sich der Mythos Liebe, angefeuert von einer völlig entfesselten Unterhaltungsindustrie, weltweit ausgebreitet. Die Scheidungsraten steigen, die serielle Monogamie ist zum Normalfall des Lebens geworden. Liebe hat ein Verfallsdatum.

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