https://www.faz.net/-gum-9ryzb

Dystopie in der „Klima-Arena“ : Bäume überleben nur in Glasvitrinen

In der „Klima-Arena“ können die Besucher erleben, was mit 2100 mit der Erde passieren könnte. Bild: dpa

Die „Klima-Arena“ von Dietmar Hopp zeigt dystopisch, was mit der Erde passieren könnte, wenn die Erderwärmung nicht begrenzt wird. Die Ausstellung soll für eine „Grundalphabetisierung zu Klimathemen“ sorgen.

          3 Min.

          Dietmar Hopp setzt auf den Greta-Thunberg-Effekt. Bei der Eröffnung seiner „Klima-Arena“ im baden-württembergischen Sinsheim, einer Dauerausstellung über die Ursachen und Folgen des Klimawandels, lässt er einen kurzen Film zeigen. Zu sehen sind zerstörte Regenwälder und der blaue Planet. Eine Mädchenstimme sagt: „Wir haben nur diesen einen Planeten. Und wir haben nur diese Chance.“

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Sorge um die Zukunft des Planeten, den Ressourcenverbrauch und die Zerstörung der Natur lassen den 79 Jahre alten SAP-Mitgründer nicht ruhen. 2014 stellte er einen Referenten ein, der sich mit dem Thema befassen sollte, dann gründete er die Klimastiftung für Bürger und ließ ein energieneutrales Gebäude und eine auf 25 Jahre angelegte Dauerausstellung entwickeln, neben der Prezero-Arena, der Heimstätte der TSG 1899 Hoffenheim, direkt an der A6 zwischen Heidelberg und Heilbronn.

          40 Millionen Euro investierte die Dietmar-Hopp-Stiftung in das Projekt, ein paar Sponsoren gaben noch Geld dazu, und der Landkreis beteiligte sich mit einem eigenen Pavillon auf dem Außengelände, in dem gezeigt wird, wie dramatisch die Auswirkungen des Klimawandels auch aus baden-württembergischer Perspektive schon heute sind: „Clima stripes“ zeigen für das Jahr 1881 eine Jahresdurchschnittstemperatur von 6,8 Grad, für das Jahr 2018 dann beunruhigende zehn Grad. „Meine große Hoffnung ist, dass wir das Unheil der Klimakatastrophe noch abwenden können“, sagt Hopp. „Warum sollte es zur Aufklärung nicht in jedem Bundesland eine solche Ausstellung geben? Die Blaupause hierfür können wir liefern, das habe ich der Bundeskanzlerin angeboten.“

          Wie könnte die Welt 2100 aussehen?

          Die Ausstellung in Sinsheim soll einen Alltagsnutzen haben, sie soll besonders Kinder und Jugendliche erreichen, aber auch Menschen, die sich normalerweise mit dem Thema nicht beschäftigen. „Der Wissensstand in der Bevölkerung, auch bei Jugendlichen, ist noch sehr unterschiedlich. Wir brauchen eine Grundalphabetisierung zu Klimaschutzthemen“, sagt Bernd Welz, der künftige Leiter der „Klima-Arena“. Bei der Vorbereitung der Ausstellung haben die Mitarbeiter der Stiftung bei Jugendlichen große Wissensdefizite ausgemacht.

          So hätten 70 Prozent der Schüler, die man in die Vorbereitungsphase einbezogen habe, zu wenig über den Klimawandel gewusst. Die Kenntnisse der Aktivisten von der Bewegung „Fridays for Future“ seien nicht repräsentativ. Deshalb arbeite die Ausstellung nun mit Horrorszenarien und Dystopien.

          Die Ausstellung ist grob in sechs Abschnitte gegliedert: Grundlagen der Physik, Wohnen und Energie, Mobilität und Lebensstil/Konsum. Hinzu kommt ein Außengelände, auf dem man über die ökologische Bedeutung von Streuobstwiesen genauso viel lernen kann wie über die Gefahr der Verwüstung weiter Teile Afrikas.

          Im Mittelpunkt steht das sechste und wichtigste Element der Ausstellung: ein virtueller multimedialer Gletscher, an dem den Besuchern gezeigt wird, wie die Welt im Jahr 2100 aussehen könnte, wenn es nicht gelingt, den Klimawandel zu stoppen. Der Besucher fliegt in verschiedene Regionen der Erde und bekommt den desaströsen Zustand von Biotopen, also die Folgen der Erderwärmung vorgeführt: Der Amazonas ist im Jahr 2100 nur noch eine Ödlandschaft, Bäume überleben nur in Glasvitrinen.

          Welche CO2-Bilanz hat ein Apfel aus Chile?

          Die futuristische Animation dauert 13 Minuten und soll Besucher zum Handeln motivieren. „Alles, was wir zeigen“, sagt Welz, „basiert auf wissenschaftlichen Grundlagen. Die Ausstellung zeigt ganz deutlich, wer schuld ist am Klimawandel, dass es keinen anderen Weg gibt, als von fossilen Brennstoffen wegzukommen.“ Neben der Dauerausstellung soll es in Sinsheim immer wieder auch Sonderausstellungen geben, demnächst zu den Themen „Mode und Klimawandel“ und „Biodiversität im Kraichgau“.

          Prominente Gäste: Kanzlerin Angela Merkel und der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, kamen zur Eröffnung.

          Kein Besucher soll die Ausstellung in der „Klima-Arena“, die am 14. Oktober ihre Türen öffnet, verlassen, ohne über sein Konsum- und Alltagsverhalten nachzudenken: Auf einer großen Leuchtwand lassen sich – wie im Supermarkt – Smartphones oder Äpfel aus einem virtuellen Regal auswählen. Auf einem Bildschirm wird dann berechnet, wie hoch der CO2-Verbrauch für einen Apfel ist, der in Deutschland oder in Chile geerntet wird, oder wie viel CO2 sich einsparen ließe, wenn man ein „fair“ produziertes Smartphone kauft.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nehmen sich am Montag für ihren Rundgang viel Zeit, besonders beeindruckt sind sie von dem „Raumgleiter“, in dem die Szenarien des Weltklimarates IPCC visualisiert werden: Wenn man dort die Parameter „Kohlendioxid-Ausstoß“, „Anstieg der Weltbevölkerung“ und „Flächenverbrauch“ eingibt, berechnet der Computer daraus Klimaszenarien für die Zukunft.

          Die Bundeskanzlerin sagt am Ende ihrer Rede, sie sei gerne an diesen „neuen Erlebnisort“ gekommen und nimmt Bezug auf ein Fußballspiel vom vergangenen Samstag: „Ich wünsche der ,Klima-Arena‘ genauso viele Besucher wie beim Fußball.“ Am Wochenende hatte der von SAP und Dietmar Hopp ebenfalls geförderte TSG Hoffenheim nämlich beim FCBayern München gewonnen.

          Weitere Themen

          Russe schmuggelt dicken Kater ins Flugzeug

          Zehn Kilo Haustier : Russe schmuggelt dicken Kater ins Flugzeug

          Dass sein Kater Victor zu dick für die Passagierkabine des Flugzeugs ist, wollte ein russischer Katzenbesitzer nicht hinnehmen: Heimlich checkte er eine dünnere Katze ein – und nahm Victor trotzdem mit. Nun folgen Konsequenzen.

          Kronzeuge belastet Falk schwer

          Prozess um Unternehmer : Kronzeuge belastet Falk schwer

          Hat Alexander Falk einen Anschlag auf einen Frankfurter Rechtsanwalt in Auftrag gegeben? Der Kronzeuge erhebt am Dienstag vor Gericht schwere Vorwürfe gegen den Hamburger Unternehmer.

          Topmeldungen

          Angeklagter: Der 93 Jahre alte Bruno D. wird aus dem Gerichtssaal in Hamburg geschoben.

          Prozess um SS-Wachmann : Eine große Umarmung

          Im SS-Prozess in Hamburg sagt ein früherer Häftling des KZ Stutthof aus. Er berichtet von furchtbaren Taten und Erlebnissen. Und er will dem Angeklagten vergeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.