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Konzert mit 13.000 Zuschauern : „Ein dringend notwendiges Signal“

Soll sich für ein Konzert demnächst wieder ein wenig füllen: die „Merkur Spielarena“ in Düsseldorf (Archivbild) Bild: dpa

Die Konzertbranche ist von den Corona-Regeln besonders hart getroffen. Marek Lieberberg will sich nun in Düsseldorf mit 13.000 Zuschauern zurück Richtung Großveranstaltungen tasten. Der NRW-Gesundheitsminister hat jedoch Zweifel.

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          Es geht wieder los, zumindest ein bisschen. „Eine Ausnahme, einen Leuchtturm, ein Signal“ nennt der Konzertveranstalter und Geschäftsführer von Live Nation-Deutschland, Marek Lieberberg, seine erste große Veranstaltung, die im September in der Düsseldorfer Merkur Spiel-Arena stattfinden soll. „Give Live A Chance“ heißt das Konzert, bei dem Bryan Adams, Sarah Connor, Rea Garvey, The BossHoss, Joris und Michael Mittermeier vor 13.000 Zuschauern spielen sollen.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese Chance für die Live-Musik sei dringend nötig, sagt Lieberberg. Wirtschaftlich lohne sich die Veranstaltung dagegen „überhaupt nicht“, im Gegenteil, sie sei ein Minusgeschäft. Die Tickets könnten im Notfall zurückerstattet werden und seien mit Preisen von 50 bis 80 Euro sehr günstig für ein Stadionkonzert. „Wir wollen zeigen, dass unter den schwierigsten Bedingungen ein Konzert dieser Art möglich ist, wir wollen zeigen, dass das Publikum tolerant und verantwortungsvoll ist und wir wollen damit die Tür etwas weiter öffnen in ein Wiedereinstiegsszenario“, so Lieberberg.

          „Coldplay vor 10.000 Zuschauern ist ein Ding der Unmöglichkeit“ – Lesen Sie hier das F+-Interview mit Marek Lieberberg über die Nöte der Konzertbranche.

          Allerdings sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Freitag, er habe „begründete Zweifel an der rechtlichen Grundlage“ des Konzerts. Das Konzept sei nicht mit dem Land abgestimmt worden. Was die Sicherheit angeht, habe man alle Maßnahmen getroffen, sagte Lieberberg der F.A.Z. Beim Konzert müssten die Abstände eingehalten werden, es gelte die Maskenpflicht im Stadion und bis zum Erreichen des Fahrzeugs, außerdem ein strenges Alkoholverbot. Die Zuschauerblöcke hätten separate Eingangszeiten zugeteilt bekommen, so dass sich keine Menschentrauben vor dem Stadion bilden könnten.

          „Selbstverordnete Beschäftigungstherapie für Mitarbeiter und Künstler“

          „Das Projekt ist ein weiteres Signal und sorgt für eine derzeit äußerst notwendige Aufmerksamkeit in Bezug auf für die Live Entertainment-Branche. Wirtschaftlich betrachtet ist mit einem Viertel bis maximal einem Drittel der Gesamtkapazität, erhöhten Logistik- und Hygienemaßnahmen und unter normalen Gagen- und Kostenstrukturen, aber definitiv kein Geld zu verdienen“, sagt auch Stephan Thanscheidt, Ko-Geschäftsführer des Konzert- und Festivalveranstalters FKP Scorpio, an dem Live Nation-Konkurrent CTS Eventim die Mehrheit hält.

          „Man sollte sich nicht dadurch trügen lassen, dass Veranstalter es zunehmend wagen, trotz der Restriktionen wieder Gehversuche im Konzertgeschäft zu machen“, betont Jens Michow, der geschäftsführende Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) gegenüber der F.A.Z. Es handele sich zumeist „um selbstverordnete Beschäftigungstherapien für die Mitarbeiter und auch die Künstler“. „Künstler und Veranstalter sind einfach verzweifelt und verfahren nach dem Motto: Besser etwas als gar nichts tun“, so Michow weiter.

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          F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Warum die Corona-Krise Musiker so hart trifft Bild: Johannes Thielen, dpa

          Auch in der von Eventim betriebenen Waldbühne Berlin sollen ab dem 4. September ebenfalls wieder Konzerte unter den entsprechenden Hygiene- und Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. Statt der möglichen rund 23.000 Zuschauer werden hier 5000 Fans zu den Auftritten von unter anderem Roland Kaiser, Sido oder Helge Schneider erlaubt sein. Auch viele kleinere Open Air-Varianten abseits der Autokino-Konzerte sind in der Zwischenzeit entstanden. Die Berliner Agentur Landstreicher Booking etwa veranstaltet „Picknick-Konzerte“, wo die Besuchergruppen auf ihren Decken sitzen und sobald sie aufstehen Mundnasenschutz tragen und den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten sollen. Ähnliche Konzepte gibt es auch bestuhlt. Der ehemalige Tomte-Frontmann Thees Uhlmann beispielsweise ist so Ende Juli im Kölner Tanzbrunnen vor knapp 900 Personen aufgetreten.

          „Alles ist miteinander verbunden“

          Projekte dieser Art kann Lieberberg sich nicht vorstellen: „Ich bin nicht für Gimmicks wie Picknickkonzerte oder Autokinokonzerte“, sagt Lieberberg, womit er nicht meine, dass andere es genauso halten müssten. Aber er sei nun einmal Konzert- und kein Picknickveranstalter. Er glaubt, dass es möglich sei, Großveranstaltungen zu organisieren, ohne die Gesundheit der Besucher zu gefährden. An Bahnhöfen und in der Innenstadt gebe es deutlich mehr Gedränge.

          Wie die verschiedenen Angebote nun auch aussehen, primär geht es bei allen freilich immer „nur“ darum, überhaupt wieder Kultur anzubieten und ein Zeichen zu setzen, heißt es stets von den entsprechenden Veranstaltern mit Blick auf die fehlende Wirtschaftlichkeit. Und natürlich kommen jegliche Veranstaltungen auch den diversen Gewerken, von Technikern über Sicherheitsdiensten bis Caterern zugute, denen im Zuge der Pandemie die Aufträge weggebrochen sind. Die Branche, sagt Lieberberg, sei sehr vielfältig, eine Reihe von Dienstleistungen hingen von ihr ab. Auch könne man keinesfalls zwischen großen und kleinen Veranstaltungen unterscheiden – es gehe um die gesamte Branche: „Alles ist miteinander verbunden. Wenn 13.000 Zuschauer nicht reichen für ein Stadionkonzert, reichen 300 Zuschauer nicht für ein Konzert, das auf 1200 Besucher ausgelegt ist.“

          Zu weiteren Veranstaltungen will Lieberberg noch nichts sagen. Er werde „erleichtert“ sein, wenn das Konzert, an dem sein Team wochenlang gearbeitet habe, wie geplant ablaufe. Der Aufwand, sagt Lieberberg, sei „ungefähr zehnmal so hoch“ gewesen wie bei einem normalen Stadionkonzert.

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