https://www.faz.net/-gum-8efvk

800 Jahre Dresdner Kreuzchor : Positive Bilder statt Pegida

  • -Aktualisiert am

Kreuzkantor Roderich Kreile probt mit den Kruzianern im Januar im Evangelischen Kreuzgymnasium Dresden. In diesem Jahr wird der Kreuzchor 800 Jahre alt. Bild: Fara Phoebe Zetzsche

Der 800 Jahre alte Kreuzchor ist eine der wenigen Institutionen, die Dresden noch einen können. Zu Zeiten von Pegida und Flüchtlingshass sind die Kruzianer zu einem der wichtigsten Botschafter der Landeshauptstadt geworden.

          6 Min.

          Die letzten Töne sind noch nicht verklungen, da beginnt das Publikum zu klatschen, schnell wird der Beifall größer, dann verlieren immer mehr Mädchen unter den Zuhörern die Fassung: sie kreischen, sie weinen, ja sie flehen die Jungs dort oben geradezu an: Zugabe!

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Auf der Bühne steht eine Boyband, allerdings keine gewöhnliche, sondern gut 80 Jungen und junge Männer in weißen Hemden und schwarzen Anzügen, die seit 800 Jahren in den Charts sind: der Dresdner Kreuzchor.

          Die Sequenz mit dem schier ausrastenden Publikum stammt aus einer Dokumentation von der letzten Konzertreise des Chors nach Südkorea, wo der Kreuzchor Kult und seine Auftritte wie nahezu überall in Asien gerade bei Jugendlichen umjubelt sind.

          Das Leben als Kruzianer

          „Das ist schon unglaublich“, sagt Thomas Ermel, der mit dem Chor schon zwei Mal in Fernost war. „Dort sind wir was ganz Besonderes.“ Ermel, Kapuzenshirt, Jeans und schwarzer Schal, ist 18 Jahre alt, er besucht die elfte Klasse des Kreuzgymnasiums und sitzt jetzt im Speisesaal an einem Tisch mit drei jüngeren Kruzianern. Die Sitzordnung hat der Hauspräfekt, ein älterer Schüler festgelegt, damit sich Neulinge und alte Hasen im Chor kennenlernen und unterstützen.

          Anlässlich seines Jubiläums singt der Dresdener Kreuzchor am 4. März in der Semperoper in Dresden.

          Auf den Tischen dampfen schon Fisch und grüne Nudeln, doch vor dem Essen singen sie traditionell das Tischgebet von Heinrich Schütz. „Aller Augen warten auf dich, Herre und du gibest ihnen ihre Speise zu seiner Zeit“, hallt es klar und glockenhell durch den Saal. Dann hauen sie rein, kaum eine halbe Stunde haben die insgesamt 130 Chormitglieder für das Mittagessen bevor es weitergeht mit Gesangsunterricht, Schule, Chorprobe.

          Geschirr abräumen müssen sie nicht, Anstehen wie in anderen Kantinen auch nicht. Dafür wäre einfach keine Zeit, denn am Kreuzgymnasium legen sie wert darauf, keine Abstriche an der Schulbildung zu machen, da kann der Chor noch so berühmt sein.

          Es gibt nur wenige Dinge, bei denen sich die Dresdner einig sind, aber der Kreuzchor gehört dazu. Die Vespern in der Kreuzkirche, der Heimstätte des Chors im Zentrum der Stadt, sind monatliche Höhepunkte, die Weihnachtskonzerte schon lange im Voraus ausverkauft, und im Dezember, als der Chor zum ersten Mal ein Konzert im Stadion von Dynamo Dresden gab, kamen 18.000 Zuschauer. Hätte auf der Hälfte des Rasens nicht die Bühne gestanden, wären wohl noch einmal so viele Plätze verkauft worden. „Und das an einem Montagabend, wo sonst Pegida grölt“, sagt Roderich Kreile, der Kreuzkantor.

          Der Chor genießt großen Rückhalt in der Stadt, er ist eine Institution und gerade in diesen Zeiten auch einer ihrer wichtigsten Botschafter.

          Die Institution Knabenchor freilich wandelt sich rasend schnell. Die Zeiten, als es eine große Ehre für Eltern bedeutete, wenn ihr Kind beim Kreuzchor angenommen wurde, die seien lange vorbei, sagt Kreile. Die Gesellschaft wandelt sich, und die Mitgliedschaft in einem Knabenchor sei heute eines von vielen Angeboten für Kinder und Jugendliche. „Wir konkurrieren da natürlich auch mit Fußballclubs, Vereinen und anderen musischen Angeboten.“

          Nur wenige dürfen nach dem Stimmbruch im Chor bleiben

          Thomas Ermel erzählt, dass seine Eltern gar nicht wollten, dass er in den Chor geht, obwohl die Familie musikalisch ist, alle drei Geschwister ein Instrument spielen und sie zu Hause viel gemeinsam singen. „Aber ich wollte es, ich wollte unbedingt Sänger werden.“

          Weitere Themen

          Sind Federers Narben verheilt?

          ATP-Finals : Sind Federers Narben verheilt?

          Djokovic und Federer in einer Gruppe: da dachten viele, die beiden Stars werden sich danach erst wieder im Finale treffen. Doch nun wird die Wimbledon-Revanche zum K.o.-Spiel um den Einzug ins Halbfinale.

          Topmeldungen

          Antrieb der Zukunft : Elektroautos retten das Klima nicht

          Mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, scheint politisch entschieden. Aber neue Untersuchungen nähren Zweifel. Demnach ist ein Elektroauto erst nach 219.000 Kilometern besser für das Klima. Der Plug-in-Hybrid ist erst recht kein Gewinn.
          Während des Sommers 2015 hat es auch viele Flüchtlinge nach Dänemark gezogen. Welche Rolle dabei Sozialtransfers gespielt haben, ist kaum zu ermitteln.

          Princeton-Studie : Sozialleistungen locken Zuwanderer

          Bislang haben wissenschaftliche Untersuchungen nur einen schwachen Effekt von Sozialtransfers auf die Bereitschaft zuzuwandern nachgewiesen. Ein Forscherteam hat es nun am Beispiel Dänemark untersucht und Überraschendes beobachtet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.